IiI. Das Gehör

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Barthold Heinrich Brockes: IiI. Das Gehör (1727)

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Da wir also auch besehen
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Des Geruchs Beschaffenheit;
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Wollen wir nun weiter gehen,
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Und uns mit Aufmerksamkeit
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Zu dem dritten Sinne kehren,
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Auch vom Hören was zu hören,
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Dessen Nutz und Eigenschaft
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Von verwunderlicher Kraft.

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Die Natur hat unsern Ohren,
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Wie uns die Erfahrung zeig’t,
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Einen hohen Sitz erkoren,
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Weil der Ton stets aufwärts steig’t,
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Der, gezeug’t von stoss- und schlagen,
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Durch die Luft wird fort getragen,
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Die in Kreisen sich beweg’t,
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Als wenn man ein Wasser reg’t.

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Wenn nun diese regen Kreise
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Sich erstrecken bis ans Ohr;
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Dringen sie auf selt’ne Weise
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Durch das nie gespärrte Thor,
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Wodurch sie sich selber führen,
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Bis sie an ein Häutgen rühren,
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Das daselbst, wie eine Wand,
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Die da tönet, ausgespann’t.

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Dieses scheint zwar fest und dichte,
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Als ob das geringste Loch
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Auch vom schärfesten Gesichte
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Nicht darin zu sehn; dennoch
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Hat sichs offenbar gezeiget,
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Daß sich lebend Silber seiget,
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Und, wenn mans darüber giesst,
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Es dadurch gar leichtlich fliesst.

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Wann der Ton sich hier gebrochen
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Und gereinigt, wird gespür’t,
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Daß er drauf drey kleine Knochen,
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Die sehr künstlich sind, berührt.
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Denn in dieser kleinen Kammer
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Hängt ein Amboß und ein Hammer,
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Und der dritte gleichet bald
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Einem Stegreif an Gestalt.

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Wann der Ton nun hieher kommen,
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Wird er von der innern Luft
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Augenblicklich aufgenommen,
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Und in manche Höl’ und Kluft,
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Durch verschied’ne Gäng’ und Stege,
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Labyrinthen, krumme Wege,
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Die hier die Natur gemacht,
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In ein Schnecken-Haus gebracht.

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Darin kann er noch nicht bleiben,
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Sondern wird heraus geführt,
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Und lässt sich noch weiter treiben,
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Bis er an ein Nervgen rührt;
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Welches, ob es gleich so dünne
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Als der Faden einer Spinne,
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Doch den Ton, durch den es kling’t,
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In den Sitz der Sinne bring’t.

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Hier bey dieser kleinen Sehnen
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Soll man mit Verwund’rung sehn,
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Wie viel Aest’ aus ihr sich dehnen,
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Ja den ganzen Leib durchgehn,
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Die nicht nur im Gaum und Munde,
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Zähnen, Augen, Nas’ und Schlunde,
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Nein, sie endigen sich auch
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In der Brust und in dem Bauch.

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Ja so gar bis in die Füsse
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Sollen kleine Zweige gehn,
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Wannenher ich leichtlich schliesse,
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Wie die Wirkungen geschehn,
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Welche die Music erreget,
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Da der Ton das Ohr uns schläget,
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Und im Nervgen, das er rührt,
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Durch den ganzen Leib sich führt.

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Doch muß auch stets aus der Selen
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Etwas wieder rückwärts gehn:
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Denn man spüret in den Hölen
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Uns’rer Ohren ein Getön,
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Das man wie ein Murmeln höret,
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Wenn man gleich den Eingang wehret
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Aller Luft, die auswärts schweb’t,
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Wenn die Ohren zugekleb’t.

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Es gescheh mit Wachs entweder,
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Oder mit der holen Hand,
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Folglich muß der Pauken Leder,
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Das darinnen ausgespann’t,
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Von der Luft nicht seyn getroffen,
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Sondern, wenn das Ohr nicht offen,
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Müssen Teilchen rückwärts geh’n,
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Die von innen stets entsteh’n.

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Hieraus wäre nun zu schliessen,
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Wie man, was man hör’t, verspür’t,
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Weil die Geister Strich-weis fliessen,
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Die das Luft-Reich stets gebiert,
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Welche sich an allen Seiten
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Auf den Ohren auswärts breiten,
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Wodurch in das Ohr, was kling’t,
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Wie in einen Trichter, dring’t.

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Denn was tön’t, stral’t gleicher Weise
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Durch verschied’ne Striche fort,
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Stossen also auf der Reise
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Viele Strich’, am rechten Ort,
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An so manchen Strich der Ohren,
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Sonst wär mancher Ton verloren:
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Denn nur einer, und nicht mehr,
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Träfe sonsten das Gehör.

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Da die Ohren offen stehen,
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Könnt’ ein Ungeziefer leicht,
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Uns zur Plag’, in selbe gehen;
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Aber sie sind immer feucht
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Durch ein bitter fettes Wesen.
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Dieß ist recht dazu erlesen,
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Daß es allen Paß verleg’t,
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Weil kein Tier leicht Fett verträg’t.

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Welch ein Wunder, daß der Ohren
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Kleine Trummel oder Wand,
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Eh’ ein Kind zur Welt gebohren,
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Könne dennoch ausgespannt
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In der Feuchtigkeit bestehen!
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Hierzu ist ein Stoff versehen,
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Der sie, bis ein Kind zur Welt,
120
Schützet und verstopfet hält.

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Eben so, wie unser’ Augen
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Nichts erblicken sonder Licht,
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Kann man nichts zu hören taugen,
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Wenn die Luft dem Ohr gebricht.
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Und darum ist GOttes Wille,
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Daß die Luft die Welt erfülle:
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Darum schweb’t der Lüfte Meer
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Wunderbarlich um uns her.

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Wenn die Luft sich langsam reget,
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Wird ein ernster Ton gespür’t,
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Und wenn sie sich schnell beweget,
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Oder schleunig circulir’t,
133
Wird in unsern zarten Ohren
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Ein geschärfter Ton gebohren,
135
Der die Geister, die er zwing’t,
136
Schneller in Bewegung bring’t.

137
Durch das Zittern kleiner Teile,
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So die Luft stets aufwärts führt,
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Wird der Ton in schneller Eile
140
Und den Augenblick verspür’t.
141
Wenn nun durch ein stark Bewegen
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Solcher Teile viel sich regen,
143
Wird der Schall mit starker Macht
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Unsern Ohren zugebracht.

145
Daß die Töne, die wir spüren,
146
Durch die Sel’ in unserm Ohr,
147
Und nicht auswärts, sich formiren,
148
Stellet dieses deutlich vor:
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Wenn ein Fluß das Haupt verstopfet,
150
Hör’t man, wie es braus’t und klopfet,
151
Welches nicht von aussen klingt,
152
Sondern in uns selbst entspringt.

153
Viele, ja die meisten lehren,
154
Und die Lehr scheint wahr zu seyn,
155
Daß Hirn, Nerv’ und Ohr nicht hören;
156
Sondern daß die Sel’ allein,
157
Wenn ein Schall die Lüfte rühret,
158
Nichts, als die Bewegung, spüret:
159
Aber selbst durch eig’ne Kraft
160
Jeden Ton formir’t und schafft.

161
Wenn wir auf der Schaubühn’ hören,
162
Daß man jammert, seufzt und klag’t,
163
Und, an statt uns zu beschweren,
164
Solch ein Klagen uns behag’t,
165
Weil es keine wahre Schmerzen;
166
Sehn wir, daß in unserm Herzen
167
Nicht der Ton den Reiz gebiert,
168
Nein, daß ihn der Geist formir’t.

169
Doch kann man durchs Ohr die Selen
170
Reizen, ärgern und erfreu’n,
171
Trösten, und empfindlich qvälen:
172
Ja der rege Ton allein
173
Zwingt, verschlimmert und verbessert,
174
Nährt, verkleinert und vergrössert,
175
Schärft und dämpft die Leidenschaft,
176
Mehrt und mindert ihre Kraft.

177
So wie dieser Cörper jenen
178
Oefters hemmet, oft beweg’t,
179
Also wirkt ein künstlichs Tönen,
180
Daß sichs Blut bald reg’t, bald leg’t.
181
Durch ein schnell und heftigs Klingen
182
Wird man es in Wallung bringen,
183
Und durch einen sanften Klang
184
Wieder in den vor’gen Gang.

185
Alexander greift zum Degen
186
Durch ein krieg’risches Getön,
187
Da durch sanfte Tön’ hingegen
188
Saul so Wut als Zorn vergehn.
189
Welch ein angenemes sehnen
190
Wirkt das Singen einer Schönen
191
Dem, den ihre Schönheit rührt,
192
Wo ein and’rer nichts von spür’t?

193
Ganzen Krieg’rischen Armeen,
194
Voll Bellonens Grimm und Wut,
195
Die zum Kampfe fertig stehen,
196
Macht ein einzigs Wörtgen Mut
197
Mehr, als Pauken und Trompeten,
198
Daß sie sich mit Freude tödten.
199
Wenn ein Führer, Brüder, spricht;
200
Achten sie kein Sterben nicht.

201
Sollte das Gehör uns felen,
202
Fel’t’ und blieb’ uns unbekannt
203
Alle Wirkung uns’rer Selen,
204
Und der denkende Verstand
205
Würd’, als in sich selbst vergraben,
206
Keine Kraft und Wirkung haben:
207
Der Gesellschaft Nutz und Lust
208
Blieb’ uns ewig unbewust.

209
Sprich, verwildertes Gemüte,
210
Kommt das Ohr von ungefehr,
211
Oder aus der Macht und Güte
212
Eines weisen Wesens her?
213
Sprich: verdienen solche Werke
214
Nicht so viel, daß man sie merke?
215
Wers Geschöpfe nicht betracht’t,
216
Schändet seines Schöpfers Macht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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