[ihr Mägdgen, last euch doch nur rathen]

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Johann Christian Günther: [ihr Mägdgen, last euch doch nur rathen] (1709)

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Ihr Mägdgen, last euch doch nur rathen
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Und lernet einmahl klüger seyn!
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Ein Hund ist tumm und riecht den Brathen,
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Ihr aber tappt so blind hinein.
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Und wenn euch reiche Buhler schmeicheln,
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So werdet ihr vor Wollust tumm
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Und haltet einen Schwur von Heucheln
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Gleich vor ein Evangelium.

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Das mercke dir voraus, Charlotte,
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Du, die du dich nach allen schmiegst
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Und nach der Einfalt einer Motte
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Mit Schaden um das Feuer fliegst,
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Ich meine hier das wilde Feuer,
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Das in den Schönheitsstoppeln brennt,
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Die M – –, du schönes Ungeheuer,
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Den klaren Kern der Geilheit nennt.

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Wenn Stolz und Hochmuth Thaler wären,
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So hättestu gewis viel Geld.
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So aber bistu wie die Ähren,
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In welche Brand und Mehlthau fällt:
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Je höher sich ihr Gipfel zeiget,
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Je weniger enthält er Frucht;
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Wer sich vor deinem Baal neiget,
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Der hat vor Trost nur Wind gesucht.

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Das ist wohl wahr, dein frecher B(usen)
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Ist in der That handgreiflich voll;
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Du labst damit das Volck der Musen,
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Allein die Lockung ist zu toll,
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Denn was dein eingebildtes Lieben
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Auf deiner Brust vor kostbar hält,
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Das sind nur zwey verwelckte R – –,
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In die ein grober Schincken fällt.

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Pack ein mit deinen Sieben Sachen,
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Sie sind ein allgemeines Gut
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Und werden keinen lüstern machen,
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Als wem die Kräze bange thut.
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Denn diese Kranckheit zu curiren,
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Gebraucht man oft ein Schwefellicht;
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Das kan man aus den Augen spüren,
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Daraus ein blauer Schimmer bricht.

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Die Schönheit muß dir warlich mangeln,
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Sonst dürfte dein durchwürcktes Kleid
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Nicht erst mit Gold nach Herzen angeln,
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Die deine Prahlerey beschreyt.
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Dies schreibst und lügstu in die Fremde
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An manchen dir bekandten M(ann),
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Der doch wohl dein zerrißnes Hemde
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Auch ohne Fernglas sehen kan.

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Du übst die längst vergrifnen Finger
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Des Abends, wenn die Flöthe klingt;
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Bedencke, was ein Phoebusjünger
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Dabey vor Prophezeiung singt.
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Du wilst vielleicht den Hexen pfeifen?
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Glück zu auf dieses Jubelfest!
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Dieweil dein Ruhm bey solchem Greifen
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Schon auf dem lezten Loche bläst.

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Die Runzeln kommen angestiegen
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Und ackern schon auf deiner Haut,
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An der das flüchtige Vergnügen
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Ein trauriges Exempel schaut;
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Die Zobel gelten nach den Haaren,
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Du aber läst dein R – – gehn,
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Drum magstu bey verlegnen Wahren
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Den Flederwisch verkaufen stehn.

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Da magstu denn am Fenster sizen
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Und nach dem treuen Deutschen sehn;
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Er wird dein Blut nicht mehr erhizen,
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Wie etwan vor der Zeit geschehn.
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Da magstu mit verliebten Büchern
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Der Sehnsucht ein Genügen thun
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Und endlich auf den kahlen Tüchern
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Der Unruh in den Armen ruhn.

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Vor diesem war dein freches Küßen
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Verliebter Hasen Proviant,
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Die manchen Zahn daran zerbißen
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Und sonst ich weis nicht was verbrand;
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Jezt sieht es alle Welt mit Rechte
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Vor harten Pompernickel an,
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Den blos das Musquetiergeschlechte
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Im Finckel-Jochem riechen kan.

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Du magst dich noch so höhnisch stellen
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Und mit der alten Kupplerin
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Durch manchen Brief die Unschuld fällen,
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Der Schaden bringt doch den Gewinn;
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Du magst es noch so lange treiben,
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Das Fuhrwerck der gewüntschten Eh
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Wird doch im Dr(ecke) stecken bleiben.
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Dies wüntscht ein frommer Christ. Adieu!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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