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Ein innerlicher Kampf, hochwohlgebohrnes Haupt,
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Hat meiner Muse noch das Glücke nicht erlaubt,
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Dein Lob, wobey der Neid und Geifer selbst muß schweigen,
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Der Welt und Nachwelt so wie billig anzuzeigen.
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Ich schäze bey mir selbst den sonderbaren Werth,
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Wodurch dein eigner Glanz der Ahnen Schild verklärt,
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Die Liebe gegen Gott, die Treu vor deinen Kayser
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Und stete Sorg und Müh vor Kirch und Armenhäuser;
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Das würckt und weckt in mir den Zunder reiner Glut.
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Ich stimme freudig an, es wallet Herz und Blut,
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Erfindung, Einfall, Geist lauft willig in die Reime,
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Und Phoebus macht mir selbst die allersüsten Träume.
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So bald es aber auch am besten fließen soll,
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Stockt Feder, Hand und Sinn, die Zeile wird nicht voll.
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Da streitet dein Verdienst mit deinen Demuthsgaben;
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Denn diese wollen Nacht und jene Mittag haben.
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Allein so sehr sich nun dein höchstbescheidner Geist
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(so machts die Redligkeit) dem, was ihn rühmt, entreißt
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Und wie ein schlaues Wild sich aus den Schlingen windet,
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Woran der Schmeichler oft die Eigenliebe bindet,
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So strafbar würd es seyn, ohn Ehrfurcht und Bemühn
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Dein seltnes Ebenbild der Nachwelt zu entziehn,
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Die, wenn sie dermahleins von unsrem Sporck nichts wüste,
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Den grösten Tugendtrieb zur Folge darben müste.
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Der Raum begreift dich nicht. Auf Charten wird die Welt
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Samt ihrem Himmelsheer in Kleinem dargestellt.
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Verjüngt auch hier mein Riß das Maas der großen Thaten,
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So wird man dich doch gleich mehr kennen als errathen.
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Es spricht dir Haß und Neid viel Rang und Vorzug ab;
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Gedult, die Warheit lacht und kan wie Mosis Stab
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Das Blendwerck und den Spott der Misgunst leicht verschlingen,
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So künstlich sie versucht, dich in Verdacht zu bringen.
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Dein durch des Vaters Schwerd erhobnes Grafenhaus
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Warf schon bey der Geburth viel Hofnungszeichen aus
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Und sah die Munterkeit bey allen Kinderspielen
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In Zukunft auf den Geist des reifen Alters zielen.
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So wird des Adlers Art bey der Geburth erkand,
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So zeitig weisen sich Geschlecht und hoher Stand,
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Wenn nehmlich tapfres Blut der Kinder Stirne siegelt
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Und Willen und Verstand bey Zeiten aufwärts flügelt,
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Des Fleisches Lüste dämpft, das Herz zur Tugend neigt,
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Den Lastern aber stets nichts als den Rücken zeigt,
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Ja, wenn noch überdies Gestalt samt Mund und Mienen
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So früh begierig thun, dem Nechsten gern zu dienen.
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Dies ist der rechte Zweck, der große Seelen hebt,
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Und dem du noch sehr jung höchst rühmlich nachgestrebt,
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Daß jeder, deßen Zucht dein Leben führen sollte,
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Dich mehr bewunderte als wohl erinnern wollte.
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Der Grund des Christenthums, des Glaubens Licht und Kraft,
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Die Übung der Vernunft, Asträens Wißenschaft,
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Der Sitten holder Ernst, die Billigkeit im Richten,
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Der Sprachen Wißenschaft, das Urtheil von Geschichten,
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Der Künste Fertigkeit, womit der Adel prangt,
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Und was ein Mensch begehrt, der Glück und Ruhm verlangt,
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Das gab mit achtzehn Jahr, weil sich dein Geist bemühte,
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So wie Citronenholz auf einmahl Frucht und Blüthe,
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Als eben (hartes Wort, du hemmst mir Hand und Kiel,
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O, daß ich schreiben soll!) der große Vater fiel,
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An Gliedern, nicht an Muth, in silbergleichen Haaren,
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Die Feinden ein Comet und uns ein Schuzstern waren.
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Du weintest als ein Sohn und als ein weiser Mann,
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Der, weil doch unser Gram nichts hintertreiben kan,
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Die Vorsicht walten lies, sich in die Führung schickte
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Und nach gethaner Pflicht vor Gottes Allmacht bückte.
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Der lorbeerreiche Greiß gab freudig gute Nacht,
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Nachdem er dir vorher des Stammes Last vermacht,
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Dich, als der Älteste, nach dem bezwungnen Grämen
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Des gräflichen Geschlechts mit Sorgfalt anzunehmen.
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Dies fromme Testament erfüllte deine Treu,
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Du stundst den Deinigen mit Rath und Hülfe bey,
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Daß, wenn kein Unterscheid von deinem Alter kommen,
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Sie warlich kaum den Schmerz des Wechsels wahrgenommen.
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Nicht selten hat ein Baum, sofern er gut versezt,
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Durch Änderung der Luft den Gärtner mehr ergözt.
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Weil Plato das verstund, so sammlet er auf Reisen
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Bey schwer erworbner Kost die Früchte vieler Weisen.
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Du trugst sie um die Thems, Po, Seine, Donau, Rhein,
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Hochwohlgebohrnes Haupt, nach Art der Bienen ein,
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Die, wenn der Frühling scherzt, wenn Feld und Wetter lachen,
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Um Hyblens fetten Berg ein schwermend Lager machen,
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Den Blumen ihren Saft mit kluger Wahl entziehn,
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Nach Klee und Rosen gehn, die Coloquinten fliehn
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Und also, diesen Schaz im Winter zu verzehren,
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Zu andrer Nuzbarkeit beladen heimwärts kehren.
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Euterpe, nimm nun du dein angenehmes Rohr
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Und spiel anjezt vor mich das frohe Jauchzen vor,
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Das bey der Wiederkunft des Grafen ist erklungen,
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Das durch Gewölck und Luft, durch Berg und Thal gedrungen.
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Auch Echo selbst vergaß damahlen den Narciß
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Und machte jedermann der frohen Post gewis.
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Das lange Königreich, der schwarze Wald nach Norden
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Ist durch das Lustgeschrey aus Gradliz rege worden.
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Der Elbgott lies sein Haupt von Schilf und Moos befreyn
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Und nahm den Wiederschall von beiden Ufern ein.
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Die Tage lachten mit nebst so viel hundert Seelen,
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Und Lyssa schämte sich, den Glückwuntsch zu verheelen,
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Auch billig, weil nun der mit Frieden wiederkam,
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Der seines Stammes Schuz ehmahlen mit sich nahm,
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Jezt aber deßen Kreiß, wie Los und Theilung wollte,
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Zu einem Canaan an Seegen machen sollte.
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Der böhmsche Musensiz, das dreyfach große Prag,
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Genoß durch dich, o Graf, so manchen Freudentag.
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Da zeigte deine Lust in jedem Elemente,
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Mit was Vergnügen wohl die Jugend scherzen könte.
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Die Nacht bewunderte der Feuerwercke Knall,
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Die Fluth der Gondeln Pracht, die Erde Ritt und Ball,
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Die Luft der Falcken Stoß und anderes Gefechte,
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Von dem ein Parther noch viel Kriegslist faßen möchte.
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Gedenck ich an die Jagd, den edlen Zeitvertreib,
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Der starck und rüstig macht, der Augen, Arm und Leib
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So wohl ergözt als übt, so fehlt mir deines gleichen;
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Auch Nimrod würde dir in dieser Arbeit weichen.
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Und wäre noch die Zeit, in der man Fabeln schrieb,
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Aurora hätte dich vor tausend andern lieb
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Und käme noch zu früh mit ihren Rosenwangen,
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Dich neuen Cephalus mit Freuden zu umfangen.
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Die Dichter würden dir des Phoebus Kraft verleihn
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Und einer Daphne gleich den süßen Weihrauch streun.
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Pan, glaub ich, hätte selbst sein liebstes Rohr verschmißen
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Und mit der grösten Lust dein Waldhorn hören müßen.
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Jedoch so scharf dein Roß durch Sträuch und Büsche brach,
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So hizig jagtestu der wahren Tugend nach
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Und hingst dein Herze nicht an solche Lustbarkeiten,
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Die an sich selbst zwar nicht mit Gott und Weißheit streiten,
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Doch, wo der Misbrauch erst die Oberhand gewinnt,
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Ein theurer Zeitverlust und mehr als schädlich sind.
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Bedächten dies doch nur viel Große dieser Erden!
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Beym Jagen lernen sie nicht selten grausam werden,
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Vergeßen Himmel, sich, Land, Leute, Hof und Fleiß,
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Ernähren Roß und Hund mit armer Leute Schweiß
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Und unterscheiden sich vom Pöbel, den sie quälen,
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Durch nichts als Kleiderpracht und lastervoll Befehlen.
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Dein Geist, berühmter Graf, der Recht und Warheit liebt
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Und, wie dein Wahlspruch lehrt, dadurch ein Zeugnüß giebt,
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Woher dein theures Haus und deßen Ursprung rühre,
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Versteht wohl, daß die Pflicht zu höhern Sorgen führe,
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Und hat, so gern er sich erlaubter Weis ergözt,
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Gewißen, Kirch und Volck dem allen vorgesezt,
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Womit der Schein der Welt dem Himmel viel entwendet
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Und oft wie Delila den stärcksten Simson blendet.
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Du liebst Eusebien, die oft in Hof und Stadt
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Bey manchen klopfen muß und schlecht Gehöre hat;
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Ihr Schild macht wiederum dein Herz vor Pfeilen sicher.
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Dein Wandel, dein Verlag viel auserlesner Bücher
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Mehrt Glauben und Vernunft und crönt' ehmahls dein Kind,
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Die Fräul Eleonor, der wenig gleiche sind.
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Dies Pfand der höchsten Huld, dies Kleinod keuscher Liebe
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Empfand von Jugend an die Flammen beßrer Triebe,
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Sie lies der Welt die Welt und ward des Höchsten Braut,
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Als welcher sich mit ihr in Ewigkeit vertraut.
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Ihr muß das Engelchor nunmehr das Brautlied singen
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Und tausendfachen Ruhm von ihrer Demuth bringen;
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Sie hat anjezt die Zahl der Seeligen vermehrt,
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Ihr eifriges Gebeth ist nun nach Wuntsch erhört.
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Entbehrstu gleich dadurch die Freude auf der Erden,
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Durch Pflanzen ihrer Schoos ein Großpapa zu werden,
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So hastu doch Gewinn; der Spiegel reiner Zucht,
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Womit ihr edler Stand der Welt zu leuchten sucht,
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Kan leicht an Enckels statt bis auf die lezten Zeiten
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Den Nahmen deines Ruhms in tausend Ohren breiten.
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Dein Vater, theurer Graf, erhielt viel Sieg und Feld;
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Sein Schatten wird verzeihn: Du bist ein größrer Held.
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Er siegt in Blut und Staub, du siegst in Asch und Zähren;
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Wenn Buß und Andacht sich zum Gnadenthrone kehren,
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So ringstu selbst mit Gott, so ringstu wieder dich,
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Schlägst Lüste, Zorn und Neid mit Großmuth hinter sich,
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Bestürmst (wer kan sich wohl ein fester Denckmahl stiften?)
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Den Himmel mit Gebeth, der Sünder Herz mit Schriften.
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Ihr Sieger vieler Zeit, die Persien, Athen,
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Rom, Deutschland und Epir, Sud, Nord und West erhöhn,
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Kommt, macht von Blut und Ruhm ein köstliches Gepränge,
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Weist Narben im Gesicht, erzehlt der Thaten Menge
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Und holt, so weit ihr könt, aus Erde, Glut und Meer
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Schild, Schwerdter, Lanzen, Bley, des Unglücks Werckzeug, her:
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Die Demuth unsers Sporcks beschämt euch allzusammen,
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Sein Fuß dringt freylich nicht durch Marmor, Erz und Flammen,
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Ihn adelt keine List durch Trojens Untergang,
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Den Tittel macht kein Schmuck bezwungner Völcker lang,
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Er sieht ohn Eifersucht des Alexanders Haufen
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Nach mehr als einer Welt bis an den Ganges laufen.
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Er baut kein Babylon, er baut manch Hospital,
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Dies ist sein Capitol, hier steht sein Ehrenmahl,
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Vor deßen Stärck und Höh selbst Pyramiden weichen.
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Die Armen, so er nährt, sind große Siegeszeichen,
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Er zieht in deren Brust als Überwinder ein,
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So oft sie ihm hernach mit Danck entgegen schreyn;
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Denn diese Seufzer sind die besten Ehrenlieder,
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Solch Darlehn kommet stets mit reichem Wucher wieder.
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Wenn Theurung plagt das Land, das Feld trägt leeres Stroh
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Und zeigt den magern Traum des feigen Pharao,
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Sodann ersezt der Graf die Sparsamkeit der Erden
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Und läst sein zärtlich Herz ein ofnes Kornhaus werden.
193
Wie mancher Lazarus beweint aus Lust das Brodt!
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Auch Fremde küßen hier den Joseph ihrer Noth.
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Die Lorbeern solches Ruhms kan keine Zeit verzehren,
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Die Hungerthränen so mit Liebeswundern nähren.
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Wo nehm ich, milder Graf, mehr Wort und Lobens her?
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Du machst die Leute reich, das macht die Dichtkunst leer;
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Du giebst und eilst, sie hinckt. Von allen Brunn- und Flüßen,
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Wovor dir Volck und Vieh manch Danckfest halten müßen,
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Ist keiner, wär er auch so rein und noch so reich,
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Der Gnade deiner Brust an Füll und Dauer gleich.
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Ihr unerschöpfter Quell führt allzeit, eh wir bitten,
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Des Trostes Überfluß in Kercker und in Hütten.
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O großmuthvolles Haupt, o ungemeiner Graf,
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Dich unterhält vielleicht dein oft nur halber Schlaf
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Mit Bildern der des Tags begabten Ways- und Armen,
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Dein Traum ist wohl von nichts als Rettung und Erbarmen;
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Und wenn dich denn der Kuß der Morgenröthe weckt,
210
Liegt, glaub ich, noch die Hand von gestern ausgestreckt,
211
Um desto schleuniger nach Sehnsucht und Verlangen
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Den frühen Tag aufs neu mit Wohlthun anzufangen.
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Dein Geben spielt auch hier kein Pharisäerfest,
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Wo Ehrsucht, wenn sie schenckt, vorher posaunen läst.
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Die rechte Hand theilt aus, die lincke muß nichts wißen,
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Sonst wird, was jene baut, von dieser eingerißen.
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Ein Weiser hilft wie du, allein ein grober Thor,
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Den Hochmuth freundlich macht, rückt jeden Heller vor,
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Macht durch sein eigen Lob aus guten Wercken Sünden
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Und wird das Wiedergelt an Haß und Fluche finden.
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Vor alle solche Treu, vor Gutthat, Sorg und Last,
222
Womit du dir so oft das Land verpflichtet hast,
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Ist außer Gottes Schuz und unsers Carlens Gnaden
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Gleichwohl dein Lohn nichts mehr als tausendfacher Schaden.
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Doch ist dein Geist zu hoch, als daß er zürnen kan,
226
Er lockt vielmehr den Neid mit Huld zur Beßrung an
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Und will sich sonst mit nichts, wenn solche Nattern stechen,
228
O seeliger Triumph! als Lieb und Wohlthun rächen.
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Gieb Achtung, großes Haupt, die Boßheit wird nicht alt.
230
Wie macht es Simei? Er kam, er warf, er schalt,
231
Die Rache lies ihn gehn; er gieng, allein wie lange?
232
Drey Jahr, o kurzer Weg, zum lezten Untergange.
233
So wie ein siecher Leib, den Gall und Gift verzehrt,
234
Gesunde Speisen nimmt und blos die Kranckheit nährt,
235
So wird ein jeder Scherf von deinem Gnadenseegen
236
Den Undanck, der dich plagt, mit Ebals Fluch belegen.
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Dir geht gleichwohl nichts ab, dein unverdroßner Fleiß
238
Erhält noch allemahl ein Haupt voll Ehrenpreis.
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So gern auch Lüg und Spott, die Feinde großer Sachen,
240
Der Warheit, die nicht weicht, die Palmen sauer machen,
241
So schaft sich nach und nach ein junger Dattelbaum
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Aus angeerbter Kraft mit Haupt und Ästen Raum.
243
Die Fichten, so an ihm den grünen Vorzug haßen,
244
Verbinden sich zwar wohl, ihn nirgends durchzulaßen,
245
Sie hindern Licht und Luft und stehn dem Wachsthum vor,
246
Allein er drängt sich durch und steiget doch empor,
247
Bis Gipfel, Zweig und Laub die schönste Crone schließen
248
Und, die ihn erst gedämpft, hernach im Schatten büßen.
249
Du leidest, lachst und stehst wie Eichen in der Höh,
250
Wie Helden in Gefahr, wie Felsen in der See
251
Und webst und häufst dir selbst viel Purpur und viel Fahnen.
252
Du kennst die wenigsten von deinen Unterthanen;
253
Denn jene, welche dir mit Lust zu Hofe gehn
254
Und unter deinem Schuz ihr Heil und Wohl verstehn,
255
Die sind es nicht allein; nein, alle, die nur hören,
256
Wie würdig wir bey uns dein Tugendbildnüß ehren,
257
Sind Diener solches Ruhms im Wüntschen und im Flehn
258
Und thun dir, soltestu der Herzen Abgrund sehn,
259
Den Schwur der Huldigung mit Seufzen und Gedancken,
260
Und wär es uns erlaubt, so bräch er aus dem Schrancken.
261
So großer Vortheil ist, die Staatskunst recht verstehn,
262
Sich selbst ein neues Reich durch Lieb und Gunst erhöhn,
263
Den unschäzbaren Thron mit Vaterhänden stüzen
264
Und doch nicht unter Pracht und schwerem Golde schwizen.
265
Die Herrschaft übertrift an Würde, Glück und Zeit
266
Die Macht des Tamerlans, des Croesus Herrligkeit
267
Und jener Fürsten Troz, die China frey regieren
268
Und ihrer Ahnen Zahl noch über Adam führen.
269
Wo aber las ich denn, gelehrt- und kluger Herr,
270
Den Phoebus, welchen du, o großer Gläubiger,
271
Durch Pflegung seiner Schaar und Vorschuß hoher Güte
272
Zum langen Schuldner machst? Wie manch geschickt Gemüthe
273
Versauret in der Noth und kan nicht recht empor;
274
Du ziehst es unverhoft mit Liebesseilen vor
275
Und crönest dich dadurch, wenn Kunst und Weißheit steigen,
276
Im Ansehn aller Welt mit ewig frischen Zweigen.
277
Wo bleibt die Sittsamkeit, der kräftige Verstand,
278
Der überall sein Pfund mit Wucher angewand,
279
Die Klugheit, welche sich in jedem Umstand findet
280
Und auf die Redligkeit des alten Deutschlands gründet,
281
Die Großmuth, die Gedult, der Eifer vor dein Amt,
282
Die Käntnüß deiner selbst, die keinen leicht verdammt,
283
Die schnelle Langsamkeit im Rathen und Beschließen,
284
Die Feder und der Mund, so goldnen Nachdruck gießen,
285
Und denn auch die Person, die als ein Heldenbild
286
Die Meinung des Virgil in unsrer Zeit erfüllt,
287
Die Tugend werfe da die angenehmsten Strahlen,
288
Wo Seele, Geist und Leib mit gleicher Schönheit prahlen?
289
Die Gegend, so dein Siz des Sommers lustig macht,
290
Hat manchen alten Stamm und manche grüne Nacht
291
Und manchen duncklen Hayn der ehmahls heilgen Eichen,
292
Und diese pfleg ich oft Dodonens zu vergleichen,
293
Was red ich? vorzuziehn. Dort schickt der Götter Wort
294
Des Aberglaubens Ohr mit duncklen Sprüchen fort,
295
Da hier im Gegentheil die Warheit deutlich richtet,
296
So oft dein Mund den Zwist der Unterthanen schlichtet.
297
Du läst Geringe vor, hörst selbst die Unschuld an
298
Und wiederlegst den Spruch, den Naso falsch gethan:
299
Daß Lieb und Ansehn nie einander nah vertrügen.
300
Ein jeder dient dir ja mit Ehrfurcht und Vergnügen,
301
Aus Neigung, nicht aus Furcht; ja, wen auch seine Schuld
302
Durch dich bestrafen muß, der leidet mit Gedult,
303
Geht sonder Murren fort und schämt sich im Gewißen,
304
Dieweil er was versehn, das dich erzürnen müßen.
305
Du hältst dich nicht zu groß, so groß du immer bist,
306
Der Unterthanen Noth, so dir am Herzen ist,
307
Mitleidig anzusehn, sie weislich zu regieren
308
Und das, was heilsam ist, bey ihnen einzuführen.
309
Dein Fuß macht Triften fett, dein Auge dingt das Feld,
310
Füllt Haus und Boden voll, baut, beßert und erhält
311
Schloß, Scheuer, Gärthen, Wald und sieht in Luft und Teichen
312
Der Fisch und Vögel Heer in gröster Menge streichen.
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Die Wüsten vieler Kunst und frommer Einsamkeit,
314
Zu der das Glücke selbst den ersten Grundstein weiht,
315
Scheint als des Landes Wacht durch ihren Eremiten
316
Mit Wafen des Gebeths die Gränzen zu behüten
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Und scheint und thut es auch. Dies schöne Belveder
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Steigt allen Hügeln vor; doch, Graf, dein Geist steigt mehr
319
Und stellt sich jedermann zum christlichen Exempel
320
Und überstrahlt an Glanz die Ampeln in dem Tempel.
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Da, wo die Leucoris das Wild um Gradliz kennt
322
Und diesen Rosenthal vom Kuckusbade trennt,
323
Erblickt, wem blinder Neid die Gegend nicht verstellen,
324
Den Nuzen und die Lust der welschen Bajer-Quellen.
325
Dort wäscht und spiegelt sich Hygeens Haupt und Gunst,
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Dort küst sie dich, o Graf, als Schuzherrn ihrer Kunst.
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Dort müßen Aussaz, Stein, Krampf, Podagra und Reißen,
328
Und wie sonst insgesamt die Todesbothen heißen,
329
Mit Schröcken und mit Schimpf aus Marck und Adern gehn;
330
Dort muß auch selbst der Tod beschämt zurücke stehn,
331
Zumahl, wenn alle die, so hier der Andacht pflegen,
332
An jenes Engels statt Bethesdens Teich bewegen.
333
Ich seh wohl, theurer Graf, dein wachsendes Verdienst,
334
In dem du prächtiger als hohe Cedern grünst,
335
Vergleicht sich immer mehr den seltnen Meisterstücken,
336
In welche Farb und Strich ein todtes Leben drücken.
337
Je länger sich dabey des Auges Vorwiz streckt,
338
Je mehr man Wunder, Geist und Zärtligkeit entdeckt.
339
Dein Lob, das weite Meer, verträgt nicht müde Nachen,
340
Mein Schifbruch soll der Welt kein Spottgelächter machen.
341
Drum, da kein Port erscheint, so länd ich meinen Kahn
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Aus Furcht vor solcher Höh am nechsten Ufer an,
343
In Hofnung, daß nach mir ein anderer sich wage,
344
Der mit des Maro Kunst die Flaggen weiter jage.
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Die Vorsicht räche nur den Undanck unsrer Welt
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Durch deinen Abschied nicht, als bis dir selbst gefällt
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Aus Lust zur Seeligkeit, den Ärgsten, die dich haßen,
348
Den Wuntsch der Beßerung zur Straf zu hinterlaßen.