[kehr um, verhaster Kiel, wir wollen Buße thun]

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Johann Christian Günther: [kehr um, verhaster Kiel, wir wollen Buße thun] (1709)

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Kehr um, verhaster Kiel, wir wollen Buße thun,
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Die Rache dörft uns sonst das lezte Bad bereiten,
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Kehr um, ich rathe Guts, und las die Hechel ruhn
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Und schmeichle nach der Kunst den höchstverderbten Zeiten!
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Die Welt besinnt sich nur auf einen Aretin,
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Von deßen Feder sich der Fürsten Gunst entrißen,
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Da gegentheils der Zorn so manchen Boccalin
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(denn Esel wehren sich) mit Säcken todt geschmißen.
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Wer ist, der höhnisch murrt und dort im Winckel lacht?
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Thalia? Ja, du bists. Hervor und las dich hören,
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Warum dir der Entschluß ein solch Gelächter macht!
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Ich dächte, meine Reu gereichte dir zu Ehren.
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Man heist dich spröd und grob, der Titul klingt verhast
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Und wird so gut verflucht, als wenn wir Jungfern nennen.
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Mein, sage, was dein Groll aus meinen Worten fast!
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Du fängst an mir nicht an, die Zunge zu verbrennen.
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Geh, Mammelucke, geh, so hör ich, stimmstu an,
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Du solst den ersten Schmiz von meiner Peitsche kriegen,
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Da so ein Wanckelmuth dein Herz verführen kan
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Und nunmehr auch der Schein dir in den Kopf gestiegen.
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Das wär ein ärgrer Streich, du lose Spötterin,
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Als daß die Jungemagd ein Fleischkloz weggetragen.
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Verdenckstu mir mein Heil? Verdenck es immerhin.
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Ein Narr mag elend seyn und stets die Warheit sagen.
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Wie, warestu denn taub, als Brenno neulich sang,
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Ein Weiser müste sich nach Ort und Weise richten
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Und um ein fettes Maul und um den Kirchweihtranck
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Auch da, wo Tugend fehlt, die Tugend zierlich dichten?
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Vorwahr, nun dörft ich fast den sonst berühmten Mor,
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So klug er immer heist, mit seinem Nahmen schelten,
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Der blos aus Eigensinn den schönen Bart verlor.
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Ja, warum lies er nicht des Königs Hize gelten?
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Dies war kein Hofmannsstreich. Thalia, lache mit!
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Gott ehre mir den Thrax! jezt sind die Leute klüger.
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Daß Thrax in Gold und Sammt auf Marmorschwellen tritt,
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Das macht, er seegnet gar die Heirat mit der Schwieger.
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Ich war bisher ein Kind und folgte dem Lucil,
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Allein ich kam auch an wie Hagel in die Töpfe,
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Die Narren danckten mir durch ihren Pritschenstiel,
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Und Mägdgen henckten mich an alle Wichtelzöpfe,
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In Wüntschen mein ich nur. Die hies mich kurz und lang,
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Und jene steckten mir die Nadeln vor die Nase:
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Die Nelcke schmeckt zu scharf, dort liegt ein Satyr kranck
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Und speit seit gestern früh, das hat der Hund vom Graße.
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Seitdem Copernicus den Erdkreiß umgedreht
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Und Magelan den Weg zur güldnen Zeit gefunden,
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Sind Boßheit und Betrug mit Haufen ausgesät
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Und alle Tugenden des Alterthums verschwunden.
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Hierunter zehlt sich auch die Ofenherzigkeit,
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Die nirgends sicher ist, als wo man sie verstecket.
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Euch Mägdgen nehm ich aus, indem ihr noch zur Zeit,
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Versteht mich aber recht, ihr Brustbild oft entdecket.
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Entschlafne Weisen, liegt, ich sag es euch verblümt,
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O liegt, sonst wird euch jezt das tümmste Rind verlachen.
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Was der von Magdeburg an seiner Pumpe rühmt,
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Das weis jezt jede Magd recht künstlich nachzumachen.
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Man bläset kalt und warm, und dieses ist schon recht,
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Sonst hat uns die Natur den Mund umsonst gegeben.
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O schweigt doch, die ihr oft von Nothund Theurung sprecht!
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Wenn war wohl beßre Zeit? Man kan vom Lande leben.
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Bey Wölfen heult man mit. Bethörte Poesie,
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Die mit dem Juvenal sich aus dem Lande singet!
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Man lebe doch galant! Es kostet wenig Müh,
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Und gleichwohl sieht man jezt, wie viel es Wucher bringet.
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Ein Dichter hat den Saz natürlich ausgeführt.
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Gebt Acht, wie viel sich noch Exempel bringen laßen:
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Dort läst Marphorio, der Luft im Schedel führt,
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Die Menge seines Staats von fremdem Schweiße praßen.
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Nechst war Melan ein Knecht und muste, da der Schmaus
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Den lezten Trauring fraß, mit nackten Fingern betteln;
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Jezt ist Melan ein Herr, jezt kauft er Hof und Haus
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Und kan wohl ungestraft das Waysengeld verzetteln.
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Weicht aus, die Sänfte schreyt, hier brüstet sich ein Mann,
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Er hat, erschröckt nur nicht, sechs Güter in dem Leibe.
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Man meint zwar, daß er mehr als Semmel eßen kan,
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Allein das glaubt ein Kind, er schindt sie von dem Weibe.
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Sevil reimt, wie er lebt, und muß doch mit Gewalt
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Und wieder seine Schuld ein großer Dichter heißen.
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Sein karger Gönner spricht, der Ofen sey nicht kalt;
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Er steht dabey und friert und will den Pelz zerreißen.
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Nervoso erbte nichts auf beider Eltern Tod
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Als einen Brief voll Schuld und zwey Paar tapfre Hosen,
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Jezt macht sein stolzes Kleid des Mogols Pagen roth;
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Galante weis es wohl, er wust ihr liebzukosen
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(gleich lauft mir Fabula von ohngefehr in Reim)
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Und trägt jezt wohl mehr Gold als vormahls Schmuz und Beulen.
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O schöner Unbestand! So kan der Honigseim
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Verbuhlter Fertigkeit die ärgsten Mängel heilen.
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Geht hin und fragt einmahl, was Strephons Kupfer gilt.
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Ich wett, es kömmt so hoch, man könt ihn selbst bezahlen,
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Ihn, deßen Nahme längst die halbe Welt erfüllt.
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Womit? Durch Wißenschaft? O nein, mit stillem Prahlen.
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Hier liegt ein Doctorhut, den will die lincke Braut
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Nach ihrer Zärtligkeit mit Lorbeerblättern schmücken;
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Die Misgunst sieht es an und nennt es Knabenkraut.
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Man muß es ihr verzeihn, sie sieht mit Dorchens Blicken.
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O heilge Schmeicheley! O hochgelobte List,
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Wodurch wir uns ans Bret und an das Glücke schmiegen!
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O, daß doch unter uns vor dich kein Tempel ist,
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Auch Mecca würde kaum mehr Schäz und Opfer kriegen.
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Hier wollt ich augenblicks der nechste Priester seyn,
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Nachdem ich endlich auch mein Wohl bedencken lerne
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Und Laster ehren kan. Die Biebel flucht zwar drein;
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Was schadets, wenn ich nur mein zeitlich Creuz entferne!
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Nelisco und auch du, beleidigter Crispin,
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Nebst allen, denen ich bisher zu nah geschrieben,
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Ich bitte, wollt ihr mehr, so will ich auch wohl knien,
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Vergeßt die Niesewurz, womit ich euch gerieben.
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Es war ja nur ein Spaß und nicht so arg gemeint,
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Man sezt gar oft ein Wort der lieben Reime wegen.
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Ich schwör euch bey der Fluth, die Glomphens Ehfrau weint,
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Es ist mein ganzer Ernst, die Warheit hinzulegen.
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Geh, Warheit, führ dich ab, geh, Warheit, schnell und fleuch
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So starck und weit von mir als Steps von Ehr und Tugend!
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Du bist ein nackter Balg, die Boßheit macht uns reich.
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Das glaubt ich ehmahls nicht, allein das that die Jugend;
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Denn hätt ich dies gewust, wie wollt ich mich nicht blehn,
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Catheder und Altar mit langem Sammte kehren.
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Ich könte wohl vielleicht aus andern Augen sehn
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Und, wär das Glücke gut, ein Dorf voll Bauren scheeren.
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Befehlt nur, wie ihr denckt; ich will die Kohlen weiß,
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Die Stümper hochgelehrt, den schärfsten Frost ein Brennen,
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Den Aberglauben fromm, die Neßeln Ehrenpreis
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Und Dantens krummen Leib des Himmels Abriß nennen.
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Serran lebt liederlich. O nein, er lebt nur frey,
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Und wenn er ja noch säuft, so trinckt er nur mit Maaßen.
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Camistro ist verhurt. Davor der Himmel sey,
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Er geht der Tugend nach und liebt die Mittelstraßen.
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Rinaldo schwazt gelehrt und schnizert im Latein.
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Dies thut er nur mit Fleiß, er will kein Schulfuchs werden.
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Gelanor nimmt bald dies und bald was anders ein.
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Warum? Die Wißenschaft ist Stückwerck auf der Erden.
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Crispin, der brave Kopf, hält viel auf Müßiggang.
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Das wird ja beßer seyn als etwas Böses üben.
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Calandro beugt das Recht und hebt des Bruders Rang.
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Er handelt als ein Christ, man muß den Nechsten lieben.
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Ach, Brenno, sage nicht, als müße Polidor
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Mit fremden Predigten vor Gottes Antliz steigen.
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Es stellt ihn Madrigal in dieser Unschuld vor,
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Dies, was er hoch gekauft, das sey ja wohl sein Eigen.
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Daß Damon nicht die Schwulst des krancken Fingers dämpft,
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Das bringt ihm keinen Schimpf, die Ursach ist ja wichtig:
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Es hat sein vornehm Kind mit Fleisch und Blut gekämpft,
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Der Satan kam darzu, da ward die Wunde sichtig.
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Seht, Laster, seht und hört und sagt, was gebt ihr mir?
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Mein Anstrich übertrift den besten Advocaten.
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Nur kurze Zeit Gedult! Ihr sollt wie sauer Bier
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Durch Kreide, Kalck und Stein in beßren Flor gerathen.
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Daß Chambor allbereits die schlimmsten Kezer schröckt
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Und doch wohl noch nicht weis, wer Saul und Paulus waren,
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Daß jener, der dort jähnt, der Frauen Speichel leckt,
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Um etwan einen Sprung nach Darmstadt zu erfahren,
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Das weis ich nun nicht mehr; gesezt, ich wüst es auch,
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Ich wollte sie darum noch lange nicht verdencken.
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Kommt, hört den Persium
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Er kan uns Wiz, Verstand und manchen Einfall schencken.
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Was regt sich in der Nacht? Welch Übel, welch Geschrey
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Begleitet jenes Volck? Was soll das starcke Läuthen?
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Sophia hält ihr Fest, mein B[audis] ist dabey,
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Und ich bin noch so faul? O eilt, ihr müden Saythen!
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Der Mantel ist behängt, der Hut ist reich und voll.
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Gelehrt- und edler Freund, nun sage, wo mein Bogen
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Bey denen diesesmahl ein Räumchen finden soll,
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Die Tugend und Verdienst in deine Pflicht gezogen.
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Er ist zwar selber schuld und stellt sich langsam ein,
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Doch nährt sich langsam auch, so hat er nichts verloren.
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Die Muse, so mich treibt, meint überführt zu seyn,
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Die Hoheit ihrer Kunst bestünd in deinen Ohren.
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Ich glaub und find es wahr und hofe mit der Zeit,
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Nur gieb den Handgrif an, die Cither wohl zu spielen,
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So höhnisch mancher auch mein stilles Lied bereut,
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Als ob nur Stroph und Reim von Gottes Gnaden fielen.
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Ich weis nicht, wie es kommt, ich trete gleich zu nah;
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So bald mein Blat entfliegt, ist Feuer in dem Dache.
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Doch gut, so kräftig hält kein Schluß in Barbara,
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Als ich nunmehr den Bau am Pindus feste mache.
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Hier kommt er mir nicht los, hier sey er stets verband,
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Ich will ihn nun nicht mehr um Hülf und Rath beschweren,
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Euch aber auch hiermit, Neid, Boßheit, Unverstand,
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Vor gütig, fromm und klug und, was ihr wollt, erklären.
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Du hast, gelehrter Freund, des Zettels zwar nicht noth,
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Jedoch beweist er dir die Ehrfurcht im Gemüthe,
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Und wenn mir hin und her ein Knittelreimchen droht,
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Begehrt mein Vers allein das Urtheil deiner Güte.
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Der Ruhm, mit welchem du an diesem Tage prangst,
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Ist so ein Ehrenkranz, den du längst sollen tragen.
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Verzeih nur, wenn du hier kein würdig Lob erlangst,
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Ich hab es schon verredt, die Warheit mehr zu sagen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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