[eugen ist fort. Ihr Musen, nach!]

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Johann Christian Günther: [eugen ist fort. Ihr Musen, nach!] (1709)

1
Eugen ist fort. Ihr Musen, nach!
2
Er steht, beschleust und ficht schon wieder,
3
Und wo er jährlich Palmen brach,
4
Erweitert er so Gränz als Glieder.
5
Sein Schwerd, das Schlag und Sieg vermehlt
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Und, wenn es irrt, aus Großmuth fehlt,
7
Gebiehrt dem Feind ein neues Schröcken
8
Und stärckt der Völcker Herz und Macht,
9
Die unter Adlern, Bliz und Nacht
10
Die Flügel nach dem Monden strecken.

11
Die Wahlstatt ist noch naß und lau
12
Und stinckt nach Türcken, Schand und Leichen.
13
Wer sieht nicht die verstopfte Sau
14
Von Äsern faul und mühsam schleichen?
15
Und dennoch will das deutsche Blut
16
Den alten Kirchhof feiger Wut
17
An jungen Lorbeern fruchtbahr machen,
18
Und gleichwohl hört der dicke Fluß
19
Des Sieges feurigen Entschluß
20
Aus Mörsern und Carthaunen krachen.

21
Es schnaubt des Überwinders Roß,
22
Es schäumt und riecht den Streit von fernen,
23
Das Glücke mengt sich in den Troß,
24
Um von Eugen Bestand zu lernen.
25
Die Luft erthönt, das Ufer bebt,
26
Der Reuter brennt, das Fußvolck strebt,
27
Den wilden Haufen anzurennen.
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Und wer nicht schärfer sinnt als sieht,
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Der dörfte, wenn die Mannschaft zieht,
30
Ihr Heer ein fliegend Herze nennen.

31
Nur drauf, du Kern der deutschen Treu,
32
Nur drauf, du Kraft aus Hermanns Hüften!
33
Beweise, wer dein Ahnherr sey,
34
Und crön ihn auch noch in den Grüften!
35
Dein Haupt, dein Beyspiel, dein Eugen
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Läst alle, die dir wiederstehn,
37
Ein tödtliches Verhängnüß wißen.
38
Er steht, er eilt, er würgt dir vor,
39
Es ist noch um ein eisern Thor,
40
So wird die Pforte springen müßen.

41
Dort, wo der Zeiten Eigensinn
42
Die Brücke des Trajans zertrümmert,
43
Dort wirf die Augen vor dir hin,
44
Dort mercke, was so schwermt und schimmert.
45
Es rauscht wie Panzer und Gewehr,
46
Es ist ein römisch Geisterheer,
47
Es sind die Seelen alter Helden;
48
Sie kommen, deinen Muth zu sehn,
49
Und werden, was durch ihn geschehn,
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Der Ewigkeit voraus vermelden.

51
Braucht, tapfren Sieger, braucht das Heft
52
In Gegenwart so seltner Zeugen,
53
Die, wo mich nur kein Blendwerck äft,
54
Aus jenem duncklen Reiche steigen.
55
Warum? Sie wollen nicht allein
56
So schlecht- und faule Zeugen seyn,
57
Sie helfen euch im Sieg und Schlagen;
58
Denn hat ihr Schatten gleich kein Herz,
59
So kan er doch wohl hinterwärts
60
Den Feind mit kaltem Schauer plagen.

61
Gieb Acht, erschrocknes Morgenland!
62
Du kennst den Bliz, des Adlers Stärcke;
63
Er wafnet unsers Helden Hand,
64
Und zielt auf größre Wunderwercke.
65
Hier Schwerd des Herrn und Gideon!
66
Auf, blaße Türcken, auf, davon!
67
Nein, steht und lernt noch beßer fühlen!
68
Hier schlägt der Degen und der Mann,
69
Den Gott kaum tapfrer wehlen kan,
70
Euch Hiz und Wahnwiz abzukühlen.

71
Ihr übereilt euch, Schritt vor Schritt!
72
Ihr kommt mit Roß, Camel und Wagen;
73
So bringt uns fein das Werckzeug mit,
74
Den Raub bequemer wegzutragen.
75
Nun strengt euch an, es giebt Gefahr!
76
Nun hinckt um Mahomeths Altar,
77
Nun fleht ihm mit gesenckten Wafen,
78
Nun ruft doch laut, nun schreyt doch zu,
79
Er hält vielleicht noch Mittagsruh,
80
Er dichtet oder hat zu schafen.

81
Umsonst! Der stumme Göz ist taub,
82
Ihr mögt euch selbst zu Hülfe rufen.
83
Kommt, seyd ihr Männer, holt den Raub!
84
Wir reißen aus, verfolgt die Stufen!
85
Was säumt ihr denn? Was steht ihr da?
86
Wie, geht euch unser Schaden nah?
87
Wie, macht euch unsre Zagheit müde?
88
Probiert sie! Weh uns, Amurath!
89
Du sinnst auf eine große That.
90
Was kommt heraus, was suchstu? Friede.

91
Ha, sinckt dein Hochmuth schon so tief?
92
Du scherzest oder hast vergeßen,
93
Wie grausam nechst dein Meineid rief,
94
Als wollt er uns von weiten freßen.
95
Wie stimmt dein dort vermeßnes Schreyn
96
Mit dieser Demuth überein?
97
Ja, Noth macht oft Gebeth aus Flüchen.
98
Ja, ja! Dein Herz und auch dein Mond
99
Sind beid an eine Zeit gewohnt
100
Und zeigen sich nur zum Verkriechen.

101
Du hast auch wohl warhaftig Zeit;
102
Denn zwischen deinem Stehn und Weichen
103
War nunmehr sonst kein Unterscheid
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Als unsers Angrifs Losungszeichen.
105
So manche Klinge stund schon blos,
106
So mancher Donner schlug schon los,
107
Dir Hals und Lästern abzukürzen;
108
Europa selbst beschloß schon fest,
109
Dein stolz Serrail, dein Hurennest,
110
Von seinem Rand ins Meer zu stürzen.

111
Bysanz, erkenn anjezt den Werth
112
Von Rudolphs göttlichem Geblüte
113
Und küße Carls gereiztes Schwerd!
114
Es hat nicht minder Schärf als Güte.
115
Du fehlst, es straft; du flehst, es schenckt
116
Und wird durch Demuth abgelenckt
117
Und läst sich siegend überwinden.
118
Ihn selbst zwingt nichts als Buß und Reu.
119
Wer lehrt dich, tumme Tyranney,
120
Dergleichen kluge Wafen finden?

121
Wie kanstu, Schuzgott deutscher Ruh,
122
Der frechen Schaar so bald vergeben?
123
O, fahre mit dem Donner zu!
124
Ihr Fall wird doch dein Lob erheben.
125
Doch nein, du zeigst auch hier dein Reich
126
Und feßelst Feind und Zorn zugleich
127
Und brauchst die Keile nur zum Schüzen.
128
Die Sanftmuth crönt dich mehr als Gold;
129
Denn, wenn du strafen must und solt,
130
So wiltu nur dem Sünder nüzen.

131
Hört, Frevler, die ihr weder Rath
132
Noch Trost, noch Schuz, noch Ablas findet
133
Und nach vollbrachter Mißethat
134
Die Zuflucht an die Fersen bindet,
135
Fast, sucht ihr Rettung und Erhör,
136
Die Hörner des Altars nicht mehr!
137
Auch Joab kan nicht sicher flüchten.
138
Kommt, fast des sanften Kaysers Knie!
139
Hier liegt sein Herz, hier giebt sichs Müh,
140
Die Thorheit mit Gedult zu richten.

141
Verwegne Feder, halt doch ein
142
Und schone Carls vollkommne Gaben!
143
Sonst werden wir die ersten seyn,
144
Die diese Freystatt nöthig haben.
145
Die Warheit hast die Mahlerey,
146
Dein Lob macht doch kein Conterfey.
147
O trag ein ehrerbietig Schweigen
148
Und weis in Habspurgs Ahnensaal
149
Und sprich: Carl fast sie allzumahl.
150
So kanstu seine Größe zeigen.

151
Zurück, ihr Musen, in das Feld!
152
Dort sproßt der Oelzweig aus den Lanzen,
153
Irene flicht ein Zauberzelt,
154
Geht, springt mit ihr auf Wall und Schanzen!
155
Die Schwerdter werden sichelkrumm,
156
Das Glücke schmelzt die Kugel um
157
Und geußt den Helden Ehrensäulen.
158
Die Freudenglut frißt Kraut und Loth,
159
Das Stücke wirft mehr Lust als Tod
160
Und darf nicht mehr gefehrlich heulen.

161
Schläft Naso noch um jenen Ort,
162
Wohin ihn das Geschrey begraben,
163
So wüntscht ich mir ein Allmachtswort,
164
Nur ihn dadurch erweckt zu haben.
165
Jezt dächt er nie ans Vaterland,
166
Jezt würde sich so Harf als Hand
167
In Carls Person und Ruhm verlieben,
168
Jezt wär Eugen sein Lobgesang,
169
Jezt spräch er: Cäsar, habe Danck,
170
So glücklich hastu mich vertrieben.

171
Die Freude zieht sich weit herein
172
Und wächst mit Meilen und in Städten,
173
Die unter Thau und Sonnenschein
174
Vor Leopolds Geschlechte bethen.
175
Der Tempel raucht von heilger Pflicht,
176
Die Priester tragen Recht und Licht
177
Und liegen vor den Danckaltären.
178
Vornehmlich sieht das hohe Wien
179
Die Opferflammen aufwärts ziehn
180
Und von der Türcken Beute zehren.

181
Die Regung macht mich ungeschickt,
182
Das frohe Deutschland abzureißen.
183
Wohin des Adlers Aufsicht blickt,
184
Da muß dies Jahr ein Halljahr heißen.
185
Der Friedensherold bläst und jagt
186
Und wird von Groß und Klein gefragt;
187
Der Greiß läst Stock und Schwachheit fallen,
188
Die Jugend spielt, die Kindheit singt,
189
Und das, was noch aus Brüsten trinckt,
190
Erklärt sich durch ein holdes Lallen.

191
Hier kommt ein junger Ritter an
192
Und findet in dem nechsten Garthen,
193
Der alle Straßen zeigen kan,
194
Sein schönes Kind mit Schmerzen warthen.
195
Da geht es an ein zärtlich Thun,
196
Da läst der Kuß den Mund nicht ruhn,
197
Da stockt das zitternde Willkommen,
198
Da wird, was immer schmeicheln mag,
199
Als wär ein andrer Hochzeittag,
200
Mit Hand und Mienen vorgenommen.

201
Dort spizt ein voller Tisch das Ohr
202
Und horcht, wie Nachbars Hans erzehle.
203
Hans ißt und schneidet doppelt vor
204
Und schmiert sich dann und wann die Kehle.
205
Da, spricht er, Schwäger, seht nur her,
206
Als wenn nun dies die Donau wär,
207
(hier macht er einen Strich von Biere)
208
Da streiften wir, da stund der Feind,
209
Da gieng es schärfer, als man meint,
210
Gott straf, ihr glaubt mir ohne Schwüre.

211
Dort muß ein tapfrer Wittwensohn
212
Der Mutter neuen Trost erwerben,
213
Und schliefe nicht der Vater schon,
214
So müst er jezt vor Freude sterben.
215
Das gute Weib ist froh und rennt
216
Und ändert gleich ihr Testament
217
Und flucht dem falschen Todtenscheine
218
Und denckt: Nun hab ich einen Stab
219
Und weis, wer einmahl um mein Grab
220
Aus Treu und reinem Herzen weine.

221
So sah der Griechen Jubel aus,
222
Als dort nach zehn Belagrungsjahren
223
Der Dardaner verwüntschtes Haus
224
In geilem Feuer aufgefahren,
225
Corinth und Argos und Athen
226
Lies Kampfplaz, Stall und Schulen stehn
227
Und lief, die Schife zu empfangen;
228
Weib, Kind und Kegel drang an Port,
229
Und keins verstund sein eignes Wort
230
Vor Jauchzen, Fragen und Verlangen.

231
Mich deucht, die Zeitung nährt sogar
232
Auch unbeseelte Creaturen.
233
Der Hundsstern brennt und eifert zwar,
234
Und doch erquickt der Lenz die Fluren;
235
Wald, Förste, Thäler, Berg und Hayn
236
Gehn hier und dar ein Bündnüß ein,
237
Die süße Nachricht auszubreiten;
238
Die Nymphen scherzen um den Sand
239
Und sprizen mit geübter Hand
240
Viel Bogen naßer Lustbarkeiten.

241
So weit die Donau, wie sie soll,
242
In christlichem Gehorsam fließet,
243
Und mehr begierd- als waßervoll
244
Sich unter Carls Geboth ergießet,
245
So weit vermehrt sie ihre Lust
246
(denn Freude zieht das Blut zur Brust)
247
Durch Beytrag aus den kleinen Flüßen,
248
Die jezt den stündlichen Tribut,
249
Weil große Freude viel verthut,
250
Geschwind und doppelt liefern müßen.

251
Dort kommen Drave, Sau und Theiß
252
Und bringen ihr viel starcke Fluthen,
253
Hier wächst sie durch des Sieges Schweiß
254
Und durch der Janitscharen Bluten;
255
Damit so fleucht ihr schneller Lauf
256
Und hält die Wellen nirgends auf,
257
Als wo sie sich mit Fleiß verweilen,
258
Um, wo ich also reden mag,
259
Dem Ister einigen Geschmack
260
Von unsrer Freyheit mitzutheilen.

261
Nun sieh doch, wo du etwas siehst,
262
Du böses Ismaels-Geschlechte!
263
Du kommst, so oft du auswärts ziehst,
264
Dem Donner allemahl zu rechte.
265
Dein toller Hund, dein stumpfer Zahn
266
Fällt Reich und Adler kraftlos an
267
Und muß so Blut als Haare laßen.
268
Dein Einbruch ist so gut als Flucht;
269
So gehts, wer fremde Schläge sucht,
270
Kriegt meistens Spott und Strick zu faßen.

271
Du sündigst auf Vergebung los,
272
Und außer Carls Verdienst und Glücke
273
Ersieht die Sonne nichts so groß
274
Als deines Hochmuths Schwäch und Tücke.
275
Dein Frevel kämpft mit eigner Qual
276
An Vorzug, Länge, Stärck und Zahl
277
Und siegt sich selber zum Gehöhne.
278
Geh, trag nun den verwürckten Hals,
279
Ja, gar den Aufschub deines Falls
280
Von Oesterreichs Gedult zum Lehne.

281
Nur glaube nicht, verschnidtner Schwarm,
282
Dein Meineid sey so durchgekommen,
283
Nachdem sein ganz zerschellter Arm
284
Zehn Jahr zur Heilungsfrist genommen.
285
Der Friede, den die Noth nur fast
286
Und den du halb erbettelt hast,
287
Erlöst dich nicht vom Zorngerichte.
288
Nein, nein, verstockter Pharao,
289
Die Langmuth lacht und thut nur so,
290
Damit sie deine Boßheit sichte.

291
Zerreiß den falschen Alcoran,
292
Er hat dich lang genung betrogen.
293
Dein lezter Fall rückt endlich an
294
Und steigt mit unsern Siegesbogen.
295
Die Rach ist kein vergeßlich Weib,
296
Sie dringt zwar langsam auf den Leib,
297
Allein mit desto schärferm Streiche.
298
Dein angemaßter Kayserthron
299
Erschrickt und wanckt und wittert schon
300
Die Eitelkeit gestohlner Reiche.

301
Du, dem zu Lieb Eugenius
302
Des Aufgangs Untergang verschoben,
303
Du, dem des Allerhöchsten Schluß
304
Sein hohes Strafamt aufgehoben,
305
Komm fort und eil aus Blut und Schoos!
306
Komm, eil auf unsre Zeiten los,
307
Komm, komm aus Carls geweihten Lenden!
308
Es hält sich Asien gefast,
309
Dir ehstens, angenehmer Gast,
310
Sein reiches Erbland zuzuwenden.

311
Was zieht sich vor ein Vorhang weg?
312
Ich seh den Schauplaz später Zeiten:
313
Dort hör ich einen Scanderbeg,
314
Dort seh ich einen Gottfried streiten,
315
Die Palmen grünen um sein Haupt,
316
Man heult, man jauchzt, man schlägt, man raubt,
317
Kein Creuzzug macht ein solches Lermen.
318
Der Erden gröst- und dritter Theil
319
Zerreißt der Saracenen Heil
320
Und würgt den Hund mit seinen Därmen.

321
Der Nil erschrickt, Damascus brennt,
322
Es raucht auf Ascalons Gebürgen,
323
Und durch den ganzen Orient
324
Herrscht Unruh, Hunger, Pest und Würgen.
325
Der Jordan steht wie Mauren da,
326
Als käm ein andrer Josua.
327
Er kommt auch, doch aus deutschem Saamen.
328
Wie heist er? Ja, die Schickung winckt
329
Und raubt mir, weil der Vorhang sinckt,
330
Stand, Vorwiz, Schauplaz, Held und Nahmen.

331
Was macht in Ungarn der Soldat
332
Vor grausam-klägliche Gebehrden?
333
Er dringt sich vor den Kriegesrath
334
Und hört mit Unruh Friede werden.
335
Er murrt, er zörnt, er schilt den Bund,
336
Wodurch der abgewiesne Hund
337
Der heurigen Gefahr entgangen;
338
Und ehrt er nur nicht den Eugen,
339
So sollt er sich wohl unterstehn,
340
Den Krieg von frischem anzufangen.

341
Sein Eifer hat auch ziemlich recht;
342
Es muß die Tapferkeit verdrießen,
343
Wenn Kleinmuth ihren Fortgang schwächt
344
Und Thränen statt des Blutes fließen.
345
Sie sucht nur Wehr und Wiederstand,
346
Sie sucht mehr Ruhm als Leut und Land
347
Und giebt nur ein verbittert Lachen,
348
Wenn, eh ihr Degen Wunder thut,
349
Feind, Zelt, Geschüz und Hab und Gut
350
Den Siegeswagen enge machen.

351
Ihr guten Deutschen, lasts nur seyn
352
Und sprecht den tapfern Zorn zufrieden!
353
Die Lorbeern gehn gleichwohl nicht ein,
354
Sie grünen mitten in dem Frieden.
355
Der Palmbaum ist nicht schlimm versezt,
356
Wofern ihn fettes Ufer nezt.
357
Das hoft man auch von euch zu schreiben.
358
Geht, zieht ans Meer und kämpft und sucht,
359
Iberiens verlorne Frucht
360
In Welschlands Gärthen aufzutreiben.

361
Hält hier der Stillstand euren Muth,
362
So kan er dort mit Nachdruck blizen.
363
Nicht anders pflegt der Adern Blut
364
Nach kurzer Stremmung scharf zu sprizen.
365
Dort spannt ein neuer Friedensbruch
366
Ein schnell und feindlich Seegeltuch.
367
Geht, geht und zeigt dem Niedergange
368
Ein schwarz und blutig Abendroth,
369
Damit die Flotte, so euch droht,
370
Den Port in Charons Kahn erlange!

371
Wo schweif ich hin, wo bleibt mein Held?
372
Entzieht er sich vielleicht der Erde?
373
Wie, oder hebt sich nur sein Zelt,
374
Damit es nicht entheiligt werde?
375
Ja, ja, ich seh die Ewigkeit,
376
Sie webt und stickt sein Ehrenkleid,
377
Umgiebt sein Bildnüß mit den Sternen
378
Und führt es zum Vergöttern auf.
379
Nun mag der Enckel Lebenslauf
380
Den Vorzug unsrer Tage lernen.

381
O Prinz, o großer Prinz! Wie weit,
382
Wie weit entfernstu dich dem Neide
383
Und auch so gar der Mögligkeit,
384
Daß etwas deinen Kranz beschneide!
385
Homer, behalt dir den Achill!
386
Aeneas bleibe, wo er will!
387
Sie sind am längsten groß gewesen,
388
Sie weichen doch mit Ehren aus;
389
Denn dies ist auch ein Lorbeerstrauß,
390
Dem Stärcksten Palmen nachzulesen.

391
Die Seele weis von keiner Ruh,
392
Sie zeugt Gedancken aus Gedancken.
393
So, theurer Held, verfährst auch du
394
In deinen weiten Lebensschrancken.
395
Dein Eifer braucht Gelaßenheit;
396
Das Wesen seiner Tapferkeit
397
Besteht in lauter klugen Siegen.
398
Dein Alter blizt so spät als früh.
399
Was wollte wohl die Poesie,
400
O Held, zu deinen Ehren lügen?

401
Genung, genung vor deinen Ruhm!
402
Genung mit blutigen Geschäften!
403
Trag Helm und Schild ins Heiligthum
404
Und las es an die Cedern heften!
405
Auch Großmuth macht dem Alter Raum,
406
Es blüht ja schon der Mandelbaum
407
Auf deinen lorbeerreichen Haaren.
408
Geneuß doch einmal deine Ruh,
409
Und sieh nunmehr auch andern zu,
410
Wie viel sind unter dir erfahren?

411
Carl ist allein geschickt und werth,
412
Getreue Dienste zu belohnen,
413
Carl, der wie Gott nichts mehr begehrt,
414
Als daß die Völcker sicher wohnen,
415
Carl, deßen Ohr vom Himmel nimmt,
416
Was sein Befehl der Welt bestimmt,
417
Die kein Verhängnüß mehr vergnüget,
418
Carl, deßen Geist den Thron erhöht
419
Und noch so weit darüber geht,
420
Als Feind und Ehrfurcht drunter lieget.

421
Ihr, die ein glücklich Feuer treibt,
422
Dem hohen Maro nachzukommen,
423
Was macht es, daß ihr sizen bleibt?
424
Ihr habt nicht rechten Stof genommen.
425
Ihr sinnt, ihr schreibt mit Angst und Müh,
426
Reimt Fabeln und vergeht wie sie.
427
Kommt, wollt ihr hoch und ewig leben,
428
Kommt, sezt die göldnen Federn an
429
Und schreibt, was Gott und Carl gethan;
430
Der Adler wird euch mit erheben.

431
Ja schreibt nur, was ihr hört und seht,
432
Hier gilt erzehlen mehr als dichten.
433
Europa jauchzt und Stambol fleht;
434
Wer weist mir dieses in Geschichten?
435
Die Vorsicht, so das Reich bewacht,
436
Erklärt den Zwiespalt in die Acht
437
Und lehrt uns mit versöhnten Blicken,
438
Es werde dies sein mächtig Haupt,
439
Was Unrecht, List und Neid geraubt,
440
Den Barbarn aus den Klauen rücken.

441
Das Erbtheil Josephs lebt in Ruh
442
Und nährt sich von des Bruders Glücke;
443
Der Schäfer lacht, sein Vieh nimmt zu,
444
Die Lämmer werden feist und dicke;
445
Elysiens gelobtes Land
446
Treibt Handel, bringt das Feld in Stand
447
Und baut so Korn- als Weißheitshäuser;
448
In Welschland blüht ein neuer Sieg.
449
So lehren beides, Fried und Krieg:
450
Der sechste Carl, der gröste Kayser.

451
Der Sechst an Zahl, der Erst an Ruhm:
452
Ihr Zeiten, lernt den Titul faßen!
453
Er zieret noch kein Alterthum,
454
Er fliegt allein in unsern Gaßen.
455
Er giebt der Fama Geist und Schall,
456
Verewigt Felsen und Metall
457
Und heiligt die gerizten Bäume.
458
Ja, was das gröste Wunder schaft:
459
So stärckt des großen Nahmens Kraft
460
Die Ohnmacht meiner schlechten Reime.

461
Herr, so vermögend würckt dein Geist
462
In kalt- und schläfrige Gemüther.
463
Ich, den nur Wind und Hofnung speist,
464
Besize weder Kunst noch Güter,
465
Ich leyr im Winckel, Noth und Staub
466
Und bin ein ungetheilter Raub
467
Von so viel ungeneigten Fällen,
468
Die, hab ich gleich die Pallas lieb
469
Und käm auch oft ein guter Trieb,
470
Mir dennoch Fleiß und Lust vergällen.

471
Und sieh, o Herr, auf einmahl reißt
472
Mich deines Purpurs Anblick höher,
473
So schnell, daß nichts geschwinder heist.
474
Was red ich? Siegt Eugen nicht eher?
475
Dein Scepter führt mich auf die Spur,
476
Drum troz ich Schwachheit und Natur,
477
Du nimmst sie, wie den Feind, gefangen.
478
Herr, wächst dein Alter wie dein Reich,
479
So hof ich mir noch viel von euch,
480
Ihr deutschen Schwäne, zu erlangen.

481
Den welcken Lorbeer hab ich schon,
482
Nun mangeln noch Verdienst und Leben;
483
Dies muß ein Mäcenatensohn
484
Und jenes Carls Regierung geben.
485
Die Allmacht laße nur sein Haupt,
486
Wofern es unsre Sünd erlaubt,
487
Nicht eher Stern und Himmel zieren,
488
Als bis ein Alexander weint,
489
Dem eine Welt zu enge scheint,
490
Des Vaters Thaten auszuführen.

491
Ich, Herr, dein tiefster Unterthan,
492
Will, bleib ich auch im Staube sizen,
493
Noch mehr auf deiner Ehrenbahn
494
Als vor dem Elendsofen schwizen.
495
Verstoß mich an den kalten Bär,
496
Ich geh, und gern, und find ein Meer,
497
Dein Lob in ewig Eiß zu schreiben;
498
Denn weil mir Augen ofen stehn,
499
Soll Carl und Tugend und Eugen
500
Die Vorschrift meiner Musen bleiben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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