[herr Magister! Gelt, das klingt; ist dir in dem weisen Orden]

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Johann Christian Günther: [herr Magister! Gelt, das klingt; ist dir in dem weisen Orden] (1709)

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Herr Magister! Gelt, das klingt; ist dir in dem weisen Orden
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Nicht die Nase wie der Rang einen Fußbreit höher worden,
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O so blicke diese Blätter so verliebt und freundlich an,
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Als du damahls in den Eichen, weist du gegen wem? gethan.
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Darfstu dich doch eben nicht auf ein nettes Lied verspizen;
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Du verstehst schon, wie es hält, wo ihr viel zu Tische sizen,
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Einer überschreyt den andern, der flickt dies, der jenes ein,
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Und ein Bild, von vielen Händen wird sich nirgends ähnlich seyn.
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Aber doch vermehlen sich die getreuen Freundschaftsflammen,
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Und wir schießen allerseits unsern Dichterkram zusammen,
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Blos die Freude zu bezeugen, da dich Fieckchens Ehrenfest
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(aber nicht das braune Fieckchen) über ihren Brautkranz läst.
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Hätten wir doch nur die Lust, dich im Schmucke zu erblicken;
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Denn du wirst dich, glauben wir, beßer in die Hoffart schicken
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Als Sabinchen in die Hauben und Sylvander in das Band,
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Das ihm Lieschens kleine Schwester zur Erkäntligkeit gesand.
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Bruder, weistu was noch mehr? Las dich doch im Käpchen mahlen,
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Amaranthe, sey gewis, wird den Abriß gern bezahlen.
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Sie ergezt sich in der Seele, wenn dein wohl gestalltes Bild
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In dem angeführten Staate ihr Corsettchen vorwärts füllt.
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Zürne nicht, es ist ein Scherz; wir verstehn so gut einander
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Als das Pferd Bucephalus und ein großer Alexander.
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Hinckt das Gleichnüß, so gedencke: Verse brechen oft ein Bein,
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Wenn der Jungfern Zaubereyen dreymahl über Achsel spein.
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Du bist auch nicht selten da, wo man Stachelnüße schüttelt,
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Und man weis schon, daß dein Kiel an dem kleinen Teller nüttelt,
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Über welchen Albimene artig und galant coupirt
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Und gleichwohl im engen Raume keinen Nebentritt verliert.
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Umgekehrt! Der Weg ist falsch, und wir gehn zu weit vom Ziele.
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Deine Würde lehrt uns jezt, daß man andre Sachen spiele,
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Die zum Preis der Wißenschaften (o was herrscht nicht hier vor Wind!)
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Nüzlich, dienlich, artig, lustig, nöthig und erbaulich sind.
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Dein Examen ist zwar aus, und du hast dich wohl gehalten
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Und vermagst nunmehr dein Amt als ein Meister zu verwalten;
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Aber höre, rücke näher, Herr Magister, im Vertraun,
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Las uns auch ein gutes Muster deines klugen Fleißes schaun.
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Lache nicht, du sündigst nur, denn es sind Magisterfragen,
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Diese halten wir vor gut, dir im kurzen vorzutragen,
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Ja, wir haben auch nichts anders, was zum Bogenfüllen wär;
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Macht doch jezt ein jeder Schneider des Apollo Reimsack leer.
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Was man in den Kopf gefast, muß man wieder von sich geben,
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Also wirstu diesesmahl drey gelehrte Zweifel heben;
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Bleibstu gleich die Antwort schuldig, so bemüh dich, daß ein Tag
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Vor dem dritten Lutherfeste solche noch gewähren mag.
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Sagt man doch, daß sich dein Fleiß der Philologie befleiße,
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Darum mach uns erstlich klug, was ein Körbchengucker heiße.
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Die Idea solches Tittels kommt uns etwas dunckel vor;
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Fort, beleucht ihn wie vor diesem, wenn man dich bey Nacht verlor.
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Nachmahls löse gründlich auf, wie man das begreifen müße:
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Filamore singet stumm, Cres vertreibt die bleichen Flüße,
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Strephon kennt nicht Tact, nicht Noten und spielt doch ein Instrument
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Troz dem besten Virtuosen, das man lieber greift als nennt.
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Leztlich nimm das Räthsel auf: Eine Trommel von Papiere
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Wirbt viel Volck und klingt doch nicht. Ach, gedenckstu, ach, ich spüre,
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Schweig, Herr Bruder, wir sind fertig und erwarthen deine Schrift,
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Die wir benedeyen wollen, wo sie unsern Mentem trift.
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Phoebus ruft uns: Spannt doch aus! Denn der Pegasus ist müde,
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Treibt den abgerittnen Gaul in die allernechste Schmiede,
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Seht ihr nicht, der stumpfe Klepper muß noch mehr als Strangvieh gehn
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Und, als wär er so gedungen, jeder Magd zu Dienste stehn.
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Wir gehorchen, edler Freund, und gestehn es deinem Lobe
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Und gestehn es nun im Ernst: Hielten andre Stich und Probe,
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Kämen alle Weißheitsmeister deiner klugen Tugend bey,
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O so wäre manche Pfarre von gelehrten Stümpern frey.
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Trau vorher auf dein Verdienst und erwarthe das Geschicke,
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Wahre Lust zur Wißenschaft findet überall ihr Glücke.
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Dieses ist die erste Stufe, welche dich mit Ehren hält;
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Nun, wer weis, wie bald der Himmel dich an Aarons Seite stellt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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