I. Das Gesicht

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Barthold Heinrich Brockes: I. Das Gesicht (1727)

1
Daß GOtt dieses Rund der Erden,
2
Wie uns Schrift und Bibel lehr’t,
3
Durch ein Wörtchen lassen werden,
4
Ist ja wol erstaunens-wehrt:
5
Doch nicht minder ist zu preisen,
6
Daß in zwey so kleinen Kreisen
7
Alles, was der grosse heg’t,
8
Sich in uns’re Selen präg’t.

9
Was der Erden Grenzen fassen,
10
Muß sich durch besond’re Kraft
11
Von zwey Pünctchen fassen lassen;
12
Deren selt’ne Eigenschaft
13
Auch die allergrösten Sachen
14
Dergestalt weiß klein zu machen,
15
Daß, was nicht zu messen steh’t,
16
Ins Gehirn durchs Auge geh’t.

17
Aug’, in deinen engen Schranken
18
Sieht man, was das Herze spricht.
19
Rege Zunge der Gedanken,
20
Witz des Cörpers, Selen-Licht,
21
Richter der Vollkommenheiten,
22
Spiegel aller Seltsamkeiten,
23
Die der Erd-Kreis in sich hält,
24
Führer der sonst blinden Welt!

25
Göttlichs Glied, kein Stral, kein Blitzen
26
Teil’t die Luft so schnell, als du.
27
Du bleib’st, wo du sitzest, sitzen,
28
Flieg’st und steh’st in steter Ruh’:
29
Alle Bilder, die der Selen
30
Sich so wunderbar vermälen,
31
Was Verstand und Weisheit weiß,
32
Zeug’t dein Stralen-schwang’rer Kreis.

33
Wer auf dieses Wunder achtet,
34
Wenn der Selen rege Kraft
35
Durch das Aug’ ein Aug betrachtet;
36
Wird fast aus sich selbst gerafft,
37
Weil er mit Erstaunen siehet,
38
Wie sich die Natur bemühet,
39
Und so unschätzbaren Schatz
40
Schliesst in solchen kleinen Platz.

41
Jm Gehirn, der Nerven-Qvelle,
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Wird der Mittel-Punct gezeugt,
43
Der sich von der Ursprungs-Stelle
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In zween zarte Gänge beugt,
45
Draus die aufmerksamen Augen
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Die Bewegungs-Kräfte saugen,
47
Daß daher, wenn eins sich reg’t,
48
Auch das and’re sich beweg’t.

49
Uns’rer Augen wässricht Wesen
50
Samt der Haut ist ungefärbt,
51
Damit, was wir sehn und lesen,
52
Nicht verändert, nicht verderbt
53
Uns’rer Sele scheinen mögte;
54
Sie also nur fälschlich dächte,
55
Wie, wenn wir durch Gläser sehn,
56
Die gefärb’t, pfleg’t zu geschehn.

57
Hinter einem jeden Kreise
58
Find’t sich eine schwarze Wand,
59
An der, auf besond’re Weise,
60
Da sie gleichsam ausgespann’t,
61
Durch die wäss’richten Krystallen
62
Mancherley Gestalten fallen,
63
Wann das Licht, so sie bestral’t,
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Tausend Bilder daran mal’t.

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Linsen gleich zu beyden Seiten,
66
Zur Beförderung des Lichts,
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Wollt’ es die Natur bereiten,
68
Daß die Stralen des Gesicht’s,
69
Die vom Gegenstand’ erscheinen,
70
Sich in einen Punct vereinen,
71
Daß durch doppeln Gegenschlag
72
Alles deutlich scheinen mag.

73
Beyde Träubchen in den Augen
74
Haben solche selt’ne Kraft,
75
Daß sie sich zu öffnen taugen,
76
Und, nach Muskeln Eigenschaft,
77
Wiederum zusammen ziehen.
78
Dieses, wenn sie sich bemühen,
79
Starkem Lichte zu entgehn,
80
Das, um in die Fern zu sehn.

81
Alles dieses kann man weisen;
82
Aber, wie das Auge sieht,
83
Ob das Sehn in seinen Kreisen,
84
Oder ausserhalb, geschieht;
85
Davon, wie von vielen Sachen,
86
Ist kein fester Schluß zu machen.
87
Vielen scheinets, wenn wir sehn,
88
So, wie folget, zu geschehn:

89
Unser Auge treibt zusammen
90
Alle Geister, die es braucht:
91
Seine Stralen sind wie Flammen,
92
Die der Geist stets von sich haucht,
93
Die, in Form der Flammen-Seulen,
94
Stetig aus den Augen eilen,
95
Wodurch es uns ins Gemüt
96
Allerley Gestalten zieht.

97
Hat man auf verborg’ne Weise
98
Dieses Feuer weggesandt,
99
Und es findet auf der Reise
100
Einen dichten Gegenstand,
101
Wovon lichte Teilchen springen;
102
Wird es diese rückwärts dringen,
103
Und die prall’n im Augenblick
104
Durch den Gegenstand zurück.

105
Da spür’t’s durch besond’re Künste
106
Seines Gegenstandes Bild,
107
Welches gleichsam als durch Dünste
108
Stets aus allen Cörpern qvillt,
109
Sich beständig draus erhebet,
110
Und auf allen Flächen schwebet:
111
Da, spricht man, sieht das Gesicht,
112
Aber in dem Auge nicht.

113
Ich hingegen könnte weisen,
114
Wie das Fülen, wenn ich seh’,
115
In der Augen regen Kreisen
116
Und beym Vorwurf nicht gescheh,
117
Wie die Bildung aller Dinge
118
Durch das Licht ins Auge dringe,
119
Welches, wenn man es betracht’t,
120
Dieß Exempel glaublich macht:

121
Alle Cörper auf der Erden,
122
Die rund, glatt und dunkel seyn,
123
Wenn sie recht betrachtet werden,
124
Haben einen kleinen Schein:
125
Dieser fänget wie ein Spiegel
126
Wälder, Wolken, Thal und Hügel,
127
(wenn die Sonn’ auf selbe stral’t)
128
Als wenn sie darin gemal’t.

129
Ja bey aufgeklär’tem Wetter
130
Hab’ ich einst von ungefehr,
131
Wie sich Felder, Bäume, Blätter
132
Gar in einer Heidelbeer
133
Fast unsichtbar’s Scheinchen drückten,
134
Jhn mit Farb’ und Zeichnung schmückten,
135
Unvergleichlich, rein und schön,
136
Mit Erstaunen angesehn.

137
Wie nun solche Bilder fallen
138
Auf was dichtes; also fällt
139
In die glänzenden Krystallen
140
Uns’rer Augen, was die Welt
141
Durch die Sonne sichtbar heget;
142
Daß sich’s aber in uns präget,
143
Komm’t, weils sich durchs Auge spielt,
144
Da der Sinn die Bilder fül’t.

145
Welches nun von beyden Teilen
146
Unrecht sey, und welches wahr,
147
(wenn wir uns nicht übereilen)
148
Ist nicht eben allzuklar.
149
Gottes Wege sind verborgen;
150
Darum will ich minder sorgen,
151
Wie die Wunder zu verstehn,
152
Als erfreut sie anzusehn.

153
Mit wie vielerley Geweben,
154
Adern, Nerven, Fleisch und Haut
155
Ist durchflochten und umgeben
156
Das, was man im Auge schaut!
157
Grosse Fäden, kleine Körner,
158
Netze, Knoten, Trauben, Hörner,
159
Wasser, zähe Feuchtigkeit,
160
Dämmerung und Dunkelheit,

161
Geister, Wasser, Blut-Gefässe.
162
Nimmer, nimmer glaubte man,
163
Daß so viel im Auge sässe,
164
Als man kaum erzehlen kann.
165
Mäuslein, Häute, Nerven, Drüsen
166
Werden uns darin gewiesen.
167
Kurz: es wird des Schöpfers Hand
168
Wunderbar im Aug’ erkannt.

169
Doch das herrlichste von allen,
170
Das verwirr’t Verstand und Witz,
171
Sind die stralenden Krystallen,
172
Die des Lichtes Thron und Sitz.
173
Helle Cirkel, kleine Sterne,
174
Die ihr so was nah als ferne
175
Unterscheidet; euer Schein
176
Scheint was Göttliches zu seyn!

177
Ferner sind die edlen Glieder
178
Mit sechs Muskeln noch versehn;
179
Da das Par der Augenlieder,
180
Die bald auf-bald nieder gehn,
181
Durch ihr nimmer müdes regen,
182
Und ihr ewiges Bewegen
183
Macht, daß Kälte, Staub und Wind
184
Nie den Augen schädlich sind.

185
Daß kein Zufall es verletzen,
186
Keine Not ihm schaden mag;
187
Hat’s der Schöpfer wollen setzen
188
Unter ein gewölbtes Dach:
189
Wo der Augenbraunen Bogen
190
Sich zur Zierde vorgezogen,
191
Unter deren halbem Kreis’
192
Es von keinem Schaden weiß.

193
Ja daß uns das Licht nicht möge
194
Hinderlich am Schlafe seyn,
195
Schützet GOTT durch diese Wege
196
Unser Aug vor dessen Schein,
197
Da vor des Gesicht’s Krystallen
198
Sie recht wie ein Vorhang fallen,
199
Der sich früh, damit man sieht,
200
Wunderbar zusammen zieht.

201
Wer kann ohn’ Erstaunen fassen,
202
Wie die Augen-Lieder sich
203
So geschwind bewegen lassen!
204
Seht doch, wie verwunderlich
205
GoTT den Augen einen Bogen
206
In den Liedern vorgezogen,
207
Der so nett aufs Aug sich schickt,
208
Das er drückt, und doch nicht drückt.

209
Hüben sich die Augen-Lieder
210
Durch die Muskeln selbst nicht auf,
211
Sondern sünken immer wieder,
212
(ach man achte doch darauf!)
213
Wie erbärmlich würd’ es lassen,
214
Wenn man sie mit Händen fassen,
215
Und erst aufwärts schieben müst!
216
Merks, verstockter Atheist!

217
Der du keine Gottheit gläubest,
218
Und bisher verblendet bist,
219
Wo du hier im Jrrtum bleibest,
220
Und dieß Wunder nicht ermist;
221
So willt du mit Fleiß nichts sehen.
222
Kann dieß von sich selbst geschehen?
223
Zieht sich selbst von ungefehr
224
Wol ein Vorhang hin und her?

225
Daß die Trockenheit nicht wehre
226
Die Bewegung dem Gesicht’,
227
Ist im Auge manche Röhre
228
Wunderbarlich zugericht’t,
229
Welche stetig Feuchtigkeiten
230
Unterm Lied’ aufs Auge leiten:
231
Daher, weil es glatt verbleibt,
232
Nicht versehrt wird, noch sich reibt.

233
Daß hiernächst durch stete Güsse
234
Unser Aug’ ohn’ Unterlaß
235
Nicht in Thränen stehen müsse;
236
Wird ein überflüssigs naß,
237
Wie man es ja stetig spüret,
238
Durch die Nase weggeführet,
239
Welches, da es so verseigt,
240
Eine grosse Weisheit zeigt.

241
Daß auch, jedes Ding zu sehen,
242
Welches man zu sehn gedenkt,
243
Man den Kopf nicht dürfe drehen;
244
Wird das Auge selbst gelenkt
245
Auf so wunderbare Weise,
246
Unter-aufwärts, rings im Kreise,
247
Rechts und Links durch Muskeln, die
248
Sich bewegen sonder Müh.

249
Schaut die Weisheit und das Lieben
250
Unsers Schöpfers, der dem Licht
251
Solch Gesetze vorgeschrieben,
252
Daß es sich im Wasser bricht,
253
Daß die Stralen folglich taugen,
254
In dem Wasser uns’rer Augen
255
Sich zu brechen: Da die Spitz’
256
Alles zu verkleinern nütz.

257
Wie sich durch des Lichtes Stralen,
258
Durch ein Glas im dunkeln Ort’
259
Alle Bilder deutlich malen;
260
So begreift man alsofort,
261
Daß, zu diesem Zweck alleine,
262
Eine wunderbarlich kleine
263
Zierlich-runde schwarze Wand
264
In den Augen ausgespannt.

265
Drauf viel tausend Schildereyen
266
Schneller, als der schnell’ste Blitz,
267
Sich formiren, sich zerstreuen,
268
Und sich in der Selen Sitz
269
Ehe noch, eh wirs gedenken,
270
Durch das kleine Nervgen sen ken,
271
Da denn, was so lieblich scheint,
272
Mit der Sele sich vereint.

273
Sollten alle diese Sachen
274
Wol von ungefehr geschehn,
275
Oder, um sie nachzumachen,
276
Sich wol Künstler unterstehn,
277
Sie aus Fischen, Fleisch und Speise
278
Auf so wunderbare Weise
279
Zu formiren? Sehet dann
280
GoTTES Werk in ihnen an?

281
Daß der Sinne Kraft nicht grösser,
282
Stell’t ein neues Wunder dar.
283
Sähen unser’ Augen besser
284
In der Nähe scharf und klar,
285
Und als durch Vergröss’rungs-Gläser
286
Aller Dinge klein’ste Zäser;
287
Uebersäh der Augen-Stral
288
Kaum ein Sand-Korn auf einmal.

289
Wären Gegenteils die Augen
290
Wie ein Fern-Glas zugericht’t;
291
Würd’ ich zwar zu sehen taugen
292
Manch entfern’tes Sternen-Licht:
293
Aber Sachen in der Nähe,
294
Die ich itzo deutlich sehe,
295
Würden, auch beym Sonnen-Schein,
296
Dunkel und unsichtbar seyn.

297
Welch Ergetzen, welche Freuden
298
Bringt uns Menschen das Gesicht,
299
Wenn man das, nach langem Scheiden,
300
Was man liebet, sieht und spricht!
301
Denkt, wie das Gesicht uns nützet,
302
Wenn’s uns für Gefahr beschützet,
303
Die durch Straucheln, Stoß und Fall
304
Uns sonst drohet’ überall.

305
Wenn wir es genau betrachten,
306
Ist die Kraft von diesem Sinn
307
Mit dem höchsten Recht zu achten,
308
Als der Sinne Königinn,
309
Da ja Künst’ und Wissenschaften
310
All’ an unsern Augen haften:
311
Künstlich, ja gelehrt, zu seyn,
312
Wirkt fast das Gesicht allein.

313
Alles würd’ uns Menschen felen,
314
Fel’t’ uns Menschen das Gesicht.
315
Ja wenn wir von ihm erzälen,
316
Daß es unsers Leibes Licht,
317
Ist es wahr: doch wird man’s können
318
Gar ein Licht der Sele nennen,
319
Weil es uns, wenn man studir’t,
320
Auf den Weg der Weisheit führ’t.

321
Daß wir ferner durch die Augen
322
In des Himmels Abgrunds-Tal
323
Deutlich zu erkennen taugen
324
Sonnen, sonder Maß und Zal:
325
Daß wir in dem Heer der Sternen
326
Gottes Grösse kennen lernen,
327
Ist ein Wunder, welches man
328
Gott nicht g’nug verdanken kann.

329
Könnten wir es dahin bringen,
330
Daß man (ach daß es gescheh!)
331
GoTT durchs Aug’ in allen Dingen
332
Jmmer gegenwärtig seh!
333
Gottes Weisheit, Lieb’ und Stärke
334
Zeiget sich durch aller Werke
335
Künstlichen Zusammenhang,
336
Lieblichen Zusammenklang.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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