[zu leugnen ist es nicht, wir würden, möcht es seyn]

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Johann Christian Günther: [zu leugnen ist es nicht, wir würden, möcht es seyn] (1709)

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Zu leugnen ist es nicht, wir würden, möcht es seyn,
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Doch ohne Schimpf gesagt, des Arztes gern entbehren;
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Doch sezen wir voraus, wenn nehmlich Fleisch und Bein
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Kein angesteckter Zeug von Adams Ribbe wären.
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Allein nachdem das Gift der ungesunden Frucht,
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Die ein vernaschtes Weib und wir durch sie verschlungen,
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Noch täglich jiehrt und würckt, so bleiben wir gezwungen,
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Den Finger anzuflehn, der Puls und Hize sucht,
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Und müßen, sind wir gleich auch Götter dieser Erden,
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Im Reiche des Galens zu Unterthanen werden.

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Der Apfel war verzehrt, der Tod kam in die Welt,
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Die Leute wuchsen schnell, die Seuchen noch geschwinder;
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So weit die Sonne steigt, so weit die Sonne fällt,
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Ergrifen Brand und Pest die halbverzagten Sünder;
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Dem faulten Lung und Milz, dem schwollen Hals und Leib,
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Den warf der blaue Schlag, der schwand an Fuß und Händen,
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Der schnappte nach der Luft, den züchtigten die Lenden,
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Dort wälzte sich ein Kind, dort kriß ein müdes Weib,
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Und wo man hört und sah, da hört und sah man Heulen,
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Blut, Blattern, Geifer, Schaum, Schleim, Eiter, Koth und Beulen.

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Erbarmung aus der Höh, du sahst das Elend an,
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Du sahst es nicht allein, du nahmst es auch zu Herzen,
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Dein Mitleid ward erweckt, der Himmel aufgethan,
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Und sieh, da kam ein Trost der allgemeinen Schmerzen:
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Erfahrung und Vernunft, die Bothen deiner Gunst,
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Verschworen sich bey dir vor unser Heil zusammen;
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Da wich das Übel aus, da legten sich die Flammen
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Der küzelnden Geschwulst; da stieg Hygeens Kunst
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Auf ihren Ehrenstuhl und fing uns an zu lehren,
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Wodurch man fähig sey, der Feinde Macht zu stören.

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Wie glücklich ist der Mann, der hier ein Schüler heist
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Und wieder Tod und Gift die Wafen brauchen lernet;
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Das Alter wird sein Lohn, er übt den klugen Geist
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An Dingen, welchen sich des Pöbels Aug entfernet.
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Ihm müßen Thier und Kraut getreue Diener seyn,
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Er kennt der Seelen Haus, das künstlichste Gebäude,
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Es ist kein Berg so groß, er sucht sein Eingeweide
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Und steiget der Natur in alle Kammern ein;
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Da kan sie nichts so tief und nichts so hoch verstecken,
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Sein Einsehn weis es doch den Sinnen zu entdecken.

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Was schenckt ihm nicht sein Amt vor Vortheil und vor Lust.
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Die Krancken heißen ihn als ihren Gott willkommen;
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Es bleibt ihm nichts geheim; oft wird er in die Brust,
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An der er vor geheilt, zum Liebsten eingenommen.
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Die Mütter traun ihm stets ihr schön- und blaßes Kind,
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Die Armen bethen ihn zu einem reichen Manne,
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Bey Reichen strahlt sein Lohn in einer Nectarkanne,
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Und Fürsten sind bey ihm, was andre Menschen sind;
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Und schreibt ihn Nabal gleich nicht allemahl zum Erben,
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So hat er dies von ihm: Er lernt getroster sterben.

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Ha, ha, gedenckt ein Thor, der nichts von Arbeit liebt,
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Ists so ein köstlich Ding um Meditrinens Glücke?
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Nun weis ich, was mir Brodt und faule Tage giebt,
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Worzu ich mich vorwahr am allerbesten schicke.
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Wie bald begreift man nicht die Pillendrechslerey:
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Hier liegt mein Theophrast, da steht der ganze Plunder,
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Ein Glas voll Ofenruß, ein Läpchen Hemdezunder,
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Ein goldnes Polychrest, ein Perlentranck vom Ey,
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Ein Pfund Verwegenheit, ein glattes Maul voll Lügen,
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Das ist ein gut Recept, die Einfalt zu betriegen.

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Gekleckt ist nicht gemahlt; du blinder Davus, schweig!
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Die Pfuscher haben nichts als Fluch und Schimpf zu hofen,
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Nicht einer überkömmt Hygeens Ehrenzweig,
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Wofern er nicht bereits den rechten Zweck getrofen.
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Was braucht es viel Beweis? Gelehrt- und edler Freund,
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Dein Beyspiel unterschreibt und läst uns jezt erfahren,
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Daß schon Hippocrates vor zweymahl tausend Jahren
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Dich, den er nicht gesehn, durch diesen Spruch gemeint:
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Es könne sich ein Arzt, o las die Misgunst lachen,
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So bald er Weißheit liebt, den Göttern ähnlich machen.

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Dies Lob ist dir genug; denn Warheit schwazt nicht viel.
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Die Saal' erkennt es wohl und läst dich heute steigen,
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Morbona steht in Furcht, die Parzen sehn ihr Ziel
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Und halten dich vor starck, ihr altes Recht zu beugen.
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Dies ist, was unter uns ein jeder wüntscht und glaubt.
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Besuch und stärcke nun der Schmachtenden Verlangen;
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Der Nuzen schleicht dir nach, die Ehre will dich fangen,
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Und Venus hat dir schon ein schönes Kind geraubt.
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Bey Krancken schone dich, doch mehr bey den Gesunden,
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Bey welchen mancher Arzt sein süßes Grab gefunden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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