[wie bald ein Paradies so Schlang als Tod gebähre]

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Johann Christian Günther: [wie bald ein Paradies so Schlang als Tod gebähre] (1709)

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Wie bald ein Paradies so Schlang als Tod gebähre,
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Das Feld um Jericho an Mördern fruchtbahr sey,
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Wie plözlich Glück und Zeit durch seine Tyranney
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Ein schönes Nazareth in ein Bochim verkehre,
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Erfuhr die alte Welt durch manches Trauerspiel,
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Zu welchem Adams Fuß den ersten Auftritt machte,
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So bald des Schöpfers Hand ihm nur die Kleidung brachte,
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Nachdem der Unschuldsrock von seinem Halse fiel.

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Betrübtes Roschkowiz! Ach wären nur die Fälle
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Vor Alters und darbey im Morgenland geschehn,
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So dürft ich heute nicht mit Wiederwillen sehn,
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Wie das Verhängnüß dich in ihr Register stelle.
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Ich weis nicht, welcher Trieb mir an das Herze greift,
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Da ich den stumpfen Kiel, dich zu beklagen, schärfe
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Und einen naßen Blick auf deine Gegend werfe,
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Auf der ein Thränenbach die faule Loh ersäuft.

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Dein angenehmer Kreiß, dein schmeichlendes Gefilde,
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In welchem, wenn der Sud auf dem Geträide schift,
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Die Einfalt der Natur den Mahler übertrift,
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Macht unser Schlesien zu Edens Ebenbilde.
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Der Tag gab gute Nacht, der Abend ward gleich jung,
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Als ich den ersten Fuß auf deinen Boden sazte;
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Der West, so dazumahl mit deinen Linden schwazte,
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Bezaubert noch mein Ohr durch die Erinnerung.

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Wie ofters reizte mich die Wollust deiner Auen,
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Wenn mir ein heitrer Tag die Lust zur Arbeit stahl,
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Bald einen frischen Hayn, bald ein lebendig Thal,
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Bald die Ergözligkeit der Wiesen anzuschauen.
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Wann dann nun der Horaz, so mein Gefehrte war,
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Sein Tibur mir beschrieb, so kont ich hier das Wesen
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Gleichwie den Schattenriß aus seinem Buche lesen
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Und nahm der Müdigkeit nur aus dem Schweiße wahr.

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Nunmehr verringert sich die Anmuth deiner Gränzen,
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Da der verworfne Merz dein wohlgebohrnes Haupt
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Der Crone deines Schmucks, dich deiner Pracht beraubt
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Und Strahlen schwarzer Luft um deine Förste glänzen.
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Die Äcker fühlen es, die Hügel stehn gebückt,
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Die Triften liegen kahl, die Zierligkeit der Felder
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Verläst ihr Vaterland, verkreucht sich in die Wälder,
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Durch die der Wiederschall den Donner weiter schickt.

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Des Unglücks Nachbarschaft rührt die bestürzten Fichten
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Und zwingt ihr stolzes Haupt, den Gipfel einzuziehn;
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Das Gras vergißt den Lenz, die Blumen aufzublühn
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Und Philomele selbst, die Kinder abzurichten.
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Das Auge, das sich sonst an deiner Lust versah,
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Begleitet ihre Flucht mit wehmuthsvollen Zähren.
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So kan ein Paradies bald Schlang und Tod gebähren,
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So wird aus Nazareth ein wüstes Amana.

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Wer glaubt wohl also nicht den Wechsel unsrer Zeiten,
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Der einst dem Belsazer den Hochmuthsflügel band?
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So weit der Allmachtarm den Himmel ausgespannt,
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Regiert ein steter Krieg und allgemeines Streiten;
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Vergnügung und Verdruß, Gefahr und Sicherheit,
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Ja Bliz und Sonnenschein sind hier wie Schmerz und Wunden,
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Die eine Faust gebiehrt, einander stets verbunden
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Und dienen allerseits der Unbeständigkeit.

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Dies herrschsuchtsvolle Weib bemeistert alle Sachen
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Und trozt wie Circens Stab auf die Verwandlungskunst.
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Der Erstling ihrer Schoos ist Hof- und Herrengunst;
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Ihr Wort klingt starck genung, den Frevel taub zu machen;
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Von ihrer Willkühr hangt der Menschen Lebenslauf;
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Ihr Wille baut und sezt gar oft den Sarg zur Wiege,
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Auf Alexanders Grab den Gränzstein seiner Siege
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Und hält mit Josua die Sonn im Mittag auf.

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Nichts schreibt sich von der Welt, dem ihr Befehl nicht gelte.
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Policrates hat selbst vor ihr nicht ewig Ruh.
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Das Meer hegt Ebb und Fluth, der Mond nimmt ab und zu,
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Der Abend winckt der Nacht, das Jahr bringt Schweiß und Kälte,
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Ein stürmischer April verfolgt den Frühlingsschein,
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Der Himmel kleidet sich in mehr als eine Farbe,
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Das Erdreich prüft die Last des Eißes und der Garbe
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Und trinckt bald Reif und Schnee, bald Thau und Regen ein.

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Heist nicht der Unbestand ein König aller Reiche,
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Den das Verhängnüß wehlt und die Verwüstung crönt?
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Sein Scepter, deßen Stahl das Gold der Fürsten höhnt,
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Macht oft ein ganzes Land zu einer seltnen Leiche.
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Carthago kennt nicht mehr das Feld, worauf es stund,
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Seitdem des Nachbars Neid den Hannibal vertrieben;
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Fragt man, wo Babels Stolz und wo sein Thurm geblieben,
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So fällt die Antwort drauf: Der Giebel sucht den Grund.

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Das aberglaubsche Volck, das Kohl und Lauch gepriesen
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Und seine Götter stets des Gärtners Schuz empfahl,
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Bedauret noch bis jezt Mausolens Ehrenmahl,
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An dem der Jahre Macht ein Meisterstück erwiesen.
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Corinth hat seinen Marckt, das Capitol den Staat,
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Neu-Rom die Ähnligkeit, Athen sich selbst verloren,
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Die Ceres aber da wohl tausendmahl gebohren,
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Wo vormahls Helena ins Hochzeitbette trat.

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Wer weis wohl, welcher Pflug des Hectors Rumpf zertheilet
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Und wem sein Schulterblat das Grabscheit stumpf gemacht,
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Wem Agamemnons Schwerd die Sichel zugedacht,
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Ja wem Achillens Spies die Wunde schlägt und heilet?
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Wer weis, welch geiles Ohr die Perlen abgelegt,
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Aus welchen jezt ein Arzt den theuren Tranck bereitet?
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Wer weis, wo Cäsars Faust mit der Verwesung streitet
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Und welcher Sand sich auch mit seiner Asche schlägt?

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Verstand und Wißenschaft sind gleichfalls solche Wahren,
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So die Vergängligkeit auch in ihr Zollhaus ruft.
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Wie mancher baut ihm nicht von Büchern eine Gruft,
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Um seines Nahmens Ruf der Nachwelt vorzusparen!
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Der seegelt in die Luft, der wirft sich in das Meer,
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Der will des Leibes Bau, der einen Schluß zergliedern,
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Der sucht das höchste Gut in seinen Buhlerliedern,
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Der führt des Vaters Stamm aus Rolands Lenden her.

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Ein andrer läst ihm nicht an einer Welt begnügen,
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Da doch sein enger Kopf mit mehrern schwanger geht.
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Sein Fuß hat nirgends Raum, bis er im Grabe steht;
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Denn lehret ihn die Noth schmal und gedrange liegen.
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Ach Klugen ohne Wiz! Wie? Habt ihr nicht gehört,
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Daß der beherzte Mund der Römer auch erblaße
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Und Archimedens Kunst den Maasstab furchtsam faße,
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Wenn ein geschwinder Tod ihm seine Circkel stört?

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Durchforscht man die Natur der menschlichen Gemüther,
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Hilf Gott, was geben sie vor Proteus-Schwäger an!
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Ein ungewißes Rohr, ein leichter Wetterhahn,
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Ein Zeiger an der Uhr, der Wind, ein Ungewitter
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Verändern kaum so bald Haupt, Schatten, Luft und Stand,
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Kein Läufer so geschwind die Aussicht seiner Schrancken
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Als das gescheute Thier den Abriß der Gedancken,
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Nachdem der Zufall ihm den Spiegel zugewand.

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Auch die Vertrauligkeit kan bald die Larve borgen:
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Wer gestern Vivat sang, wird heute Zeter schreyn;
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Der Mund führt Fluch und Kuß, die Zunge Ja und Nein,
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Und was der Abend glaubt, das wiederruft der Morgen.
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Wie mancher Lipsius, wie mancher Fenelon
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Beschämt sein eignes Buch? Wie mancher Jonasbruder
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Verwechselt den Beruf, nimmt vor den Stab das Ruder
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Und schenckt der wilden See noch ein Chameleon?

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Wie glücklich hat nun der sein Wohlseyn überleget,
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Der ihm ein fester Land zu seiner Ruh erwehlt,
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Die Elendsinsel flieht und alle Stunden zehlt,
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Bis die erwüntschte kommt und seine lezte schläget!
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Er langet nach der Hand, die uns aus Sodom zieht,
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Und spricht: Wir haben hier zum Bleiben keine Stätte,
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Wenn er wie Daniel mit eifrigem Gebethe
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Aus Babels Fenstern stets nach seiner Heimath sieht.

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Dein Geist, Hochseeligste, stieg durch des Leibes Bürde
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Gleichwie ein Palmenbaum durch seine Last empor;
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Du stelltest dir die Welt als eine Grube vor
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Und wüntschtest, daß der Tod dein Ebedmelech würde.
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Die Unbeständigkeit, die hier beständig wohnt
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Und niemahls als zur Zeit der Trübsahl dich verlaßen,
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Befestigte den Schluß, den Pilgrimstab zu faßen,
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Der durch ein ewig Haus dir jezt den Weg belohnt.

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Vergiß der alten Angst so vieler bösen Nächte
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Und schlaf den starcken Rausch des Myrrhenkelches aus.
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Verfällt dein Cörper jezt in Moder, Asch und Graus,
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So bringt ihn dermahleinst die Allmachtshand zu rechte.
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Du hast es freylich wohl um meine Hand verdient,
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Daß ihre Danckbarkeit dein Lob in Marmor grübe;
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Die Tugend überhebt die Schwachheit meiner Liebe
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Und pflanzet deinen Ruhm da, wo er ewig grünt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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