[verdammte Tadelsucht, du Seuche dieser Zeit]

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Christian Günther: [verdammte Tadelsucht, du Seuche dieser Zeit] (1709)

1
Verdammte Tadelsucht, du Seuche dieser Zeit,
2
Du Bastart der Vernunft, du Tochter der Megäre,
3
Wie lange schändestu den Leumund fremder Ehre,
4
Wie lange trozt dein Maul auf die Verwegenheit?
5
Geh, tolle Furie, versammle deine Schwestern,
6
Nimm Misgunst, Haß und Neid zu Bundsgenoßen an,
7
Errege den Avern und las den wilden Pan
8
Mit seinen Satyren die Poesie verlästern!
9
Was gilts? Des Phoebus Glanz und seiner Gottheit Schein
10
Wird ein verzehrend Feur für deine Thorheit seyn.

11
Gemach, erhizter Kiel, der Worte Raserey
12
Vermag nicht die Natur der Boßheit fromm zu machen,
13
Verwandle deinen Zorn in ein verächtlich Lachen
14
Und brich den Lästerpfeil durch diesen Schild entzwey!
15
Die Schmähsucht läst sich doch den Eifer nicht bekehren,
16
Den ein gerechter Schmerz der Unschuld abgelockt;
17
Sie bleibt wie Pharao bis in den Tod verstockt,
18
Vergiftet Mithridat, belacht des Nechsten Zähren
19
Und spricht, so bald sein Lob ihr in die Ohren fällt:
20
Was hindert, daß mein Schimpf nicht deßen Wachsthum hält?

21
Kein Stand wird überdies von ihrer Wut verschont,
22
Ihr Geifer trift so wohl den Purpur als den Kittel,
23
Und schlüge sich nicht oft die Ohnmacht in das Mittel,
24
So wäre der kaum frey, der in dem Himmel wohnt,
25
Sie reizt den Simei, der Majestät zu fluchen,
26
Sie nennt die Gottesfurcht ein Kind der Heucheley,
27
Sie geht die Tugenden des Nechsten stets vorbey
28
Und pfleget blos an ihm die Fehler aufzusuchen,
29
Sie liebt das Eigenlob, sie schilt, was andre thun,
30
Und läst die Todten nicht in ihrer Asche ruhn.

31
Schickt man das Auge nur in die gelehrte Welt,
32
So wird sich bald ein Schwarm von Momus-Brüdern wittern,
33
Die diese Schlangenbrut in ihrem Busen füttern,
34
Den eine Waßersucht der Hoffart aufgeschwellt.
35
Dies aufgeblasne Volck, dem Bacchus das Gehirne,
36
Die Pallas aber Bauch und Lenden schwanger macht,
37
Denckt, wenn es ein Pasquill mit Angst zur Welt gebracht,
38
Daß sich der Juvenal aus Eifersucht erzürne,
39
Da der Beleidigte die Schrift, so ihn verlezt,
40
Doch mehr erbarmungswerth als ahndenswürdig schäzt.

41
Das macht der stolze Sinn und der verkehrte Wahn,
42
Auch wie Herostratus durch Laster groß zu werden.
43
Ein solcher Zoilus pflügt oft mit fremden Pferden,
44
Greift mit geborgter Hand das Haar des Nachbars an.
45
Sein Irrlicht scheinet ihm ein Stern der ersten Größe,
46
Er tadelt und verwirft, was sein Verstand nicht fast;
47
Ja, weil die Klugheit ihn als ihren Stiefsohn hast,
48
So deckt er seine Scham mit eines andern Blöße
49
Und führt, worauf sich doch die Heringsbuden freun,
50
Die Theurung an Papier durch sein Verschmieren ein.

51
Wie aber schwermet nicht des Pöbels Unverstand,
52
Wenn ihn der Vorwiz plagt? Last die Erfahrung sprechen,
53
Geht zur Gesellschaft hin, durchwandert alle Zechen,
54
Besucht den Frauenmarckt, der Lügen Vaterland;
55
Doch endlich tretet auch zu Cajens Wochenbette
56
Und hört, was man allda von der und dieser spricht.
57
Mich deucht, die Reden sind: Ich weis warhaftig nicht,
58
Warum Clarinde freyt. Wie kommt es, daß Rosette
59
Die Farbe wieder kriegt? Die Flora ist ein Kind,
60
Wo sie den Alten nicht vor andern lieb gewinnt.

61
Dergleichen Unvernunft kommt auch bey Männern vor,
62
Zumahl wo Bier und Wein die Klugen erst versammlen;
63
Denn lehret gleich der Trunck die schwere Zunge stammlen,
64
So lehnt man dennoch auch einander Mund und Ohr.
65
Zwey sind schon starck genug, den dritten durchzuhecheln;
66
Dem hält der Eigensinn der Schwiegermutter her;
67
Der streicht den Bart und spricht: Wenn ich nur Feldherr wär,
68
Die Feinde sollten bald in ihrem Blute röcheln;
69
Dem macht der Prediger die Lehrart viel zu schlecht,
70
Dem unser Herrgott selbst das Wetter selten recht.

71
So geht es, wenn der Neid mit Maulwurfsaugen schielt
72
Und seinen Balcken nicht vor Eigenliebe schauet,
73
Wohl aber als ein Luchs auf das Gesichte trauet,
74
An dem sein Bruder gleich nur einen Splitter fühlt.
75
Ihr Heuchler, kehret doch den Koth von euren Thüren,
76
Eh ihr den Beesen noch auf fremdes Pflaster sezt;
77
Glaubt, der Verleumdungsdolch, den ihr auf andre wezt,
78
Kan seine Spize wohl an eurer Brust probieren,
79
Indem doch euer Herz ein Pharisäer ist,
80
Der eine Mücke säugt und zehn Cameele frißt.

81
Verlobter Bräutigam, wie hat der Müßiggang
82
Mit seinen Schülern nicht, die Unschuld zu betrüben,
83
Bey dein Versprechungs-Ja ein schwarzes Creuz geschrieben!
84
Manch unverschämtes Blat will eine Richterbanck
85
Von deiner Heirat seyn. Gedult! Wenn Bethels Knabe
86
Dort den Propheten schilt, stopft ihm der Bär das Maul.
87
Wer weis, die Rache macht den Himmel noch nicht faul,
88
Auf welchen Kirchhof sich der Feinde Troz begrabe;
89
Genug, daß, da dein Haupt auf Anmuthsfedern liegt,
90
Die auserlesne Braut dich in dem Arme wiegt.

91
Denn diese, wie es selbst die Warheit zugesteht,
92
Ist einzig und allein das Pflaster deiner Wunde.
93
Riß vor die Thränensee dein Freudenschif zu Grunde,
94
So seegle nun getrost! Ihr kräftiger Magnet
95
Wird mit der Sicherheit dich in den Port begleiten.
96
Betrachte nur dies Bild, den Spiegel reiner Zucht,
97
Ihr Anblick schlägt bey dir den Kummer in die Flucht;
98
Die Blumen, welche sich auf ihren Wangen breiten,
99
Sind Rosen und Jasmin von nicht gemeiner Art,
100
Weil sie der Keuschheit Fleiß auf deine Hand verspart.

101
Nunmehr, vergnügtes Paar, erinnert mich die Zeit,
102
Den Eckel und Verdruß dem Leser zu verhüten.
103
Drum rüstet sich mein Wuntsch, den Weihrauch auszuschütten,
104
Dem eurer Andacht Glut Geruch und Kraft verleiht.
105
Der Herr, Herr, der die Treu an seinem Priester kennet,
106
Bestätige den Bund, den eure Liebe schleust;
107
Er gebe, daß kein Fall das Eintrachtsband zerreißt,
108
Bis Neid und Misgunst euch die Gunst des Himmels gönnet,
109
Damit ein Glücke stets das andre nach sich zieh
110
Und eurer Jahre Lenz auch in dem Winter blüh!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.