Freund, der du mich so sehr als kaum dein Auge liebst

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Johann Christian Günther: Freund, der du mich so sehr als kaum dein Auge liebst Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Freund, der du mich so sehr als kaum dein Auge liebst,
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Freund, sag ich, der du mich, ich weis, durch nichts betrübst
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Als etwan durch die Furcht, du möchtest auf der Erden
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Dem Leibe nach einmahl von mir gerißen werden,
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Freund, sag ich, nimm auch hier ein schriftlich Denckmahl hin,
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Nachdem ich ganz und gar bereits dein Eigen bin,
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Und glaube, daß ich mich in reiner Gegenliebe
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So wie dort Jonathan vor seinen David übe.
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Das Bündnüß unter uns ist klug und mit Bedacht,
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Nicht durch zerbrechlich Glas noch Bier und Wein gemacht;
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Die angebohrne Treu, ein rein und deutsch Geblüte,
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Die Lust zur Wißenschaft und dann ein gleich Gemüthe
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Macht aus zwey Herzen eins und bindet uns so scharf,
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Daß weder Zeit noch Neid das Band zerreißen darf;
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Der Himmel knüpft es selbst von Jahr zu Jahren fester
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Und wird uns, wenn einmahl der Feinde Spottgeläster
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Mit Schaden ausgerast, nach viel Verdruß und Pein
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Die Früchte der Gedult in süßer Ruh verleihn.
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Betrachte deinen Zweck und richte die Gedancken
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Nach dem, was droben ist; lauf in den Weißheitsschrancken
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Mit feuriger Begier gelehrten Seelen nach,
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Verachte die Gefahr, verlache Neid und Schmach
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Und zeuch dich aus der Nacht, in der der Pöbel stecket,
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Der niederträchtig schwermt und keine Wollust schmecket,
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Die unter Schweiß und Creuz aus wahrer Tugend quillt
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Und mehr als Cronengold und alle Würde gilt.
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Bemüh dich überall, die Warheit zu ergründen,
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Du wirst ihr holdes Bild in deiner Seele finden;
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Verkläre den Verstand und läutre seine Kraft
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Durch gründlichen Beweis, zwing jede Leidenschaft
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Zum Dienste der Vernunft; beschau des Höchsten Wercke,
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Bewundre seine Macht und seiner Liebe Stärcke
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In jeder Creatur; kein Stäubchen ist so klein,
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Es wird dir eine Welt voll schöner Ordnung seyn.
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Thu, was dir möglich ist, des Nechsten Heil zu mehren,
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Im Wohlthun las dich nie des Undancks Grobheit stören,
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Erkennt auch gar kein Mensch dein treu Gemüthe nicht,
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Gnug, wenn in deiner Brust der stumme Zeuge spricht,
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Du habest recht gethan; ein unbesorgt Gewißen
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Giebt auch auf Holz und Streu das weichste Schwanenküßen.
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Fällt Mangel und Verdruß von außen ofters ein,
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So kanstu innerlich reich, froh und sicher seyn,
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Wofern dein starcker Geist nichts anders wüntscht und liebet,
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Als was die Vorsicht will und ihre Weißheit giebet.
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Gedenck einmahl, mein Freund, an diesen treuen Rath,
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Und siehstu dann und wann auf dieses schlechte Blat,
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So mercke, modert auch mein Leib schon längst im Grabe,
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Daß meine Redligkeit hier noch ihr Leben habe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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