Gedencke von mir, was du wilst

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Johann Christian Günther: Gedencke von mir, was du wilst Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Gedencke von mir, was du wilst;
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So sehr du mich verwegen schilst,
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So wenig kan ich mich entbrechen,
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Jezt, da mein ungewißer Fuß
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Den Abschied nehmen soll und muß,
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Mit dir, galantes Weib, ein redlich Wort zu sprechen.

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Ich habe von Natur ein Herz,
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Das sonder Eigenlob und Scherz
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Die Warheit mehr als Reichthum schäzet,
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Ein Herz, das Gott und Weißheit liebt,
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Mit Wißen keinen Mensch betrübt
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Und das sich überall an Redligkeit ergözet.

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Dies Herze bleibt nun dir geweiht,
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Ob gleich Verhängnüß, Glück und Zeit
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Dich an ein ander Herz gebunden.
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Verfluche mein Bekäntnüß nicht;
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Ich habe noch kein Angesicht
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Und nichts so schön vor mich als deinen Werth gefunden.

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Mein Vers verlezt kein keusches Ohr;
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Indeßen kan denn ich davor,
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Dir, was ich fühle, frey zu sagen,
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Daß nehmlich, da ich bey dir saß,
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Dein reizend Ein ich weis nicht was
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Mit seiner Artigkeit mein Herze wund geschlagen?

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Dies schwör ich bey der Augen Macht,
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Wodurch dein Geist gefehrlich lacht,
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Daß, wenn ich mich vermehlen wollte,
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Daß, sag ich, könt es nur geschehn,
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Mein Herz und Mund und heißes Flehn
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Kein ander Weib als dich vom Himmel bitten sollte.

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O was vor Eintracht, Scherz und Lust
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Verspräch ich mir an deiner Brust,
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Dem Tempel unverfälschter Liebe!
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Wie zärtlich wollt ich mit dir thun,
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Wie sanfte dächt ich nicht zu ruhn,
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Wenn dein Besiz der Lohn von meinem Fleiße bliebe!

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Ich such und finde dich in mir,
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Ich seh und finde mich in dir,
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Wir haben einerley Gemüthe;
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Ein Paar von solcher Ähnligkeit
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Ist wohl von größrer Seltenheit
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Als Freunde wahrer Treu und schwarze Pfirschkenblüthe.

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Die Fruchtbarkeit von deiner Schoos
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Ist warlich nicht so reich und groß
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Als deiner Mienen Geist und Stärcke.
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Auch keine Stunde geht dahin,
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In der ich, wenn ich bey dir bin,
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An dir kein neues Bild der höchsten Tugend mercke.

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Mit Schmeicheleyen red ich nicht,
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Weil dieses selbst die Warheit spricht:
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Du bist so artig als bescheiden
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Und kanst den wohlverdienten Ruhm
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(dies ist der Warheit Eigenthum)
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So wenig als mein Vers das Lob des Pöbels leiden.

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Die Selbstverleugnung hilft dich nichts;
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Die Schönheit hat die Art des Lichts
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Und läst sich nimmermehr verstecken;
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Je mehr sich dein Verdienst verhüllt,
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Je beßer wird sich auch ihr Bild
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So wie bey voller Nacht der Mondenschein entdecken.
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Du brauchst auch weder Puz noch Kleid,
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Viel minder die Beredsamkeit,
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Bey aller Welt beliebt zu werden.
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Ein obenhin bewegtes Glied
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Ergözt, entzündet, reizt und zieht
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Viel Sehnsucht aus der Brust und fängt uns mit Gebehrden.

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Die Nachwelt soll nach langer Zeit
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Durch meiner Lieder Ewigkeit
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Auch deines Nahmens Denckmahl lesen
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Und über das Verhängnüß schreyn
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Und mir zu Liebe zornig seyn,
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Daß du, galantes Kind, mir nicht bescheert gewesen.

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Ich dencke, weil ich leb, an dich;
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Gehab dich wohl, gedenck an mich,
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Es geh dir ewig nach Vergnügen.
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Viel Stürme melden sich schon an,
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Nachdem ich dich nicht küßen kan;
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Drum las mir dann und wann ein Blat zu Hülfe fliegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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