Reisz Boy und Flor entzwey, gelehrte Gönnerin

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Johann Christian Günther: Reisz Boy und Flor entzwey, gelehrte Gönnerin Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Reisz Boy und Flor entzwey, gelehrte Gönnerin,
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Und wirf mit froher Hand die finstre Kleidung hin.
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Der Bliz wird Sonnenschein und vor die Klagelieder
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Bringt jezt ein Seegensgast den Jubel mit und wieder.
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Dies sagt ich damahls wohl: So soll, so muß es seyn,
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Der Himmel schenckt uns oft den bittern Creuzkelch ein,
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Damit hernach die Lust um desto süßer schmecke
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Und stets ein Gegentheil des andern Kraft entdecke.
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O seliger Verlust, o angenehmes Leid,
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Der Mutter Schwachheit fiel, der Sohn starb vor der Zeit,
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Das erstlich Geist und Sinn in Angst und Trauer sezet,
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Doch, eh man sich's versieht, um desto mehr ergözet,
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Je weher uns vorher der tiefe Riß gethan.
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Die Musen hören selbst die Post mit Freuden an
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Und bringen ungesäumt zu reinen Opferflammen
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Wuntsch, Weihrauch, Laute, Lust und Cederholz zusammen.
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Ich hör auch, hör ich recht, am Pindus überall
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Die Kunst Calliopens und ihrer Flöthe Schall,
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Wobey der Nord verstummt, der Süd aus Ehrfurcht schweiget,
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Der Bach gelinder rauscht und jeder Baum sich neiget.
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So zärtlich klang das Lied vom jungen Pollio
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Im Munde des Virgil, und Orpheus spielte so,
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Als er Eurydicen, um die er erstlich weinte,
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Von neuem hinter sich heraufzuführen meinte.
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Willkommen in die Welt, willkommen, liebstes Kind,
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In deßen Bilde schon der Eltern Züge sind
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Und deßen Blut und Geist von ihren seltnen Gaben
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Den innerlichen Trieb zu Ruhm und Tugend haben.
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Willkommen, liebstes Kind, willkommen an das Licht,
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Du bringst viel Freude mit, drum schweig und weine nicht,
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Und las der Mutter Arm dich gern aus Liebe drücken.
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Vor warst du ihre Lust, jezt bistu ihr Entzücken.
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Die Parzen spinnen dir den göldnen Faden lang,
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Und was Hercynia vom theuren Schaffgotsch sang
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Und aus Catullens Rohr schon vom Achill geklungen,
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Das sey auch dir gewüntscht, das sey auch dir gesungen!
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Jedoch mit Unterscheid: Achillens Ruhm war Blut
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Und oft mehr blinder Zorn als wahrer Heldenmuth;
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Du wirst im Friede blühn, durch Rath und Klugheit siegen,
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Ein Schuz der Wittwen seyn und Fürst und Volck vergnügen.
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Kein Weiser trägt bey uns mehr Nachdruck aus der Welt,
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Als wem der sechste Carl und welcher ihm gefällt.
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Der Nachruhm, liebstes Kind, wird auch in späten Zeiten
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Dein künftiges Verdienst durch manchen Staat begleiten.
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Ich und Uranie sehn alles schon voraus.
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Die Weisheit bindet dir den grünen Lorbeerstrauß,
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Dein früher Zeitvertreib, dein artig Kinderspielen
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Wird auf die Fähigkeit des reifen Alters zielen.
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Des Vaters Wißenschaft, Erfahrung und Verstand
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Gewöhnt dich nach und nach zu sorgen vor das Land.
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Sein Beyspiel weis dich schon im Leben und Studiren
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So wie Minervens Rath Ulyßens Sohn zu führen.
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Sein Muster wird dein Buch, der Hof die Schule seyn,
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Asträa weiht vor dich bereits ihr Kleinod ein,
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Und was Papyrius vor dem in Rom gewesen,
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Das wird das zwölfte Jahr dir an der Stirne lesen.
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Der Mutter Wiz und Geist und feuerreiche Brust
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Gebiehrt auch uns an dir die hofnungsvolle Lust,
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Du werdest als ein Haupt berühmter Mäcenaten
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Durch Vorspruch, Schuz und Huld der deutschen Muse rathen.
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Ihr Stunden, kommt und eilt, so schnell die Oder rinnt!
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Schlaf, wachse, leb und blüh, schlaf jezo, liebstes Kind,
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Du hast vor andrer Ruh dereinst noch viel zu wachen,
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Ich will indeß davor die Kränze fertigmachen.
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So singt Calliope, so singt, so sagt sie wahr.
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Der Himmel blizt darzu und macht den Ausgang klar
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Und zwingt mich ebenfalls zu wüntschen und zu hofen,
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Es steh dir, theures Kind, manch Ehrentempel ofen.
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Mich schmerzet nichts so scharf, gelehrte Gönnerin,
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Als daß ich jezund nicht mir selber ähnlich bin
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Und, da ich noch den Stoß der lezten Kranckheit fühle,
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Mit aller Müh und Kunst nichts Nettes denck und spiele.
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Denn steckte nicht der Leib den Geist mit Schwachheit an,
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Den Geist, der alle Glut im Fieber fast verthan,
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So würd es mich anjezt bey aller Qual vergnügen,
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Dein kostbar Liebespfand mit Liedern einzuwiegen.
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Dies wäre meine Lust, dies wäre meine Pflicht.
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So aber kan mein Herz vor Ohnmacht weiter nicht,
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Als daß es vor dein Wohl und deines Hauses Glücke
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Nebst treuer Danckbarkeit verschwiegne Seufzer schicke.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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