Als Babels stolze Grausamkeit

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Johann Christian Günther: Als Babels stolze Grausamkeit Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Als Babels stolze Grausamkeit
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Die Länder gegen Morgen drückte
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Und Salems böse Sicherheit
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Vom Tempel ins Gefängnüß rückte,
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Was schlug nicht da vor Weh und Ach,
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Vor Unruh, Angst und Ungemach
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Die Herzen der gestraften Sünder!
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Was fühlten doch nicht dazumahl
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Vor Jammer, Schande, Groll und Qual
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Die sonst verstockten Jacobskinder!

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Der Schmuck von Zion war ein Raub
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Und diente blos zum Spott der Heiden,
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Der Altar lag voll Eis' und Staub,
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Die Harfen schwiegen an den Weiden.
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Solch Elend stieg fast sechzig Jahr,
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Bis Cyrus Jacobs Beystand war
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Und Juda schon in Hofnung lachte,
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Sobald Erlösung, Hülf und Rath
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Mit Friedensbothen näher trat
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Und Klag und Weh zum Jauchzen machte.

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Wer diese Lust begreifen kan,
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Die Abrahams Geschlecht empfunden,
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Der komm und seh die Thränen an,
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Die ich fast täglich ausgewunden.
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Sie floßen vor aus Angst und Leid,
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Sie fließen jezt vor Zärtligkeit
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Der endlich aufgeweckten Sinnen,
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Die nach der Länge starcker Noth
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Vor den so oft gewüntschten Tod
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Den Himmel auf der Welt gewinnen.

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Die Kirche glaubt kein Wunder mehr,
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Ich muß es doch gezwungen glauben;
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Die Schickung schlug mich allzu sehr,
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Sie lies mir alle Zuflucht rauben;
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So weit ich lief, so weit ich sah,
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War stets ein größer Schröcken da,
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Und alles gieng mir zum Verderben.
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Was auch dem Ärmsten übrig bleibt
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Und Sclaven noch den Gram vertreibt,
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Die Hofnung mein ich, rieth zum Sterben.

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Ich fand mich auch gelaßen drein
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Und lies schon Wuntsch und Sehnsucht fahren
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Und schrieb auf meinen Leichenstein:
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Hier fiel das Alter vor den Jahren.
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Mein Leser, nimm dies Räthsel mit
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Und wiße, was dein Fuß hier tritt,
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Das war vordem ein Herz voll Liebe,
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Das die Natur hervorgebracht,
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Damit der Zorn von ihrer Macht
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Ein Zeugnüß seiner Stärcke schriebe.

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Dein Blat erspart mir diese Schrift,
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Dein Blat, du Engel meiner Plagen,
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Das gleich die rechte Stunde trift,
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Du magst dir selbst das andre sagen.
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Ich bin vor Freuden außer mir,
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Und diese Freuden hab ich dir,
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Du weist warum, allein zu dancken.
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Das Glücke scheint vor mich zu groß,
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Ach, sprich doch Hand und Feder los,
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Wofern sie vor Entzückung wancken.

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Nun wird sich meine Musenschaar
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Den blinden Haß nicht irren laßen,
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Dein Haupt wie Berenicens Haar
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Mit neuen Sternen einzufaßen.
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Der Tag des Heils ist in der Näh,
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Dein frommer Sinn, die Unschuldstaube,
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Kommt nach der Sündfluth, wie ich seh,
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Mit einem Mund voll Friedenslaube.
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Ach arm-, doch treue Poesie,
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Umfang doch der Debora Knie,
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Die deinen Feinden Troz gebothen;
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Ach, Kind, begehr kein Widergelt,
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Du mehrst ihr Leben auf der Welt,
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Und sie erweckt dich von den Todten.

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Sie, sag ich, baut, erhöht und schüzt
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Das Denckmahl deiner Schönheitsgaben;
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Drum glaube, was du ihr genüzt,
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Doch nicht umsonst gethan zu haben.
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Mein Wißen schlägt durch dich den Neid.
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Ach, eile doch, gewüntschte Zeit,
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Und bring mich [Leonoren] wieder!
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Sie fragt, was sie gewärtig sey:
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Im Leben meiner süßen Treu,
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Im Grabe meiner Ehrenlieder.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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