Ein jung- und treues Blut vergaß der Frühlingslust

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Christian Günther: Ein jung- und treues Blut vergaß der Frühlingslust Titel entspricht 1. Vers(1709)

1
Ein jung- und treues Blut vergaß der Frühlingslust
2
Bey Schlägen um das Haupt und Pfeilen in der Brust
3
Und wurde, weil die Glut sein Vatertheil verschlungen,
4
Von Noth und Blöße fast an Bettelstab gezwungen.
5
Der Wechsel that gewis dem armen Kinde weh;
6
Vor diesem stieg von ihm viel Hofnung in die Höh,
7
Er liebte Fleiß und Kunst noch höher als das Leben
8
Und hielt sich von Natur der Wißenschaft ergeben.
9
Doch weil man oft durch Noth zur Tugend wandeln muß,
10
Begehrt er Hülf und Trost, doch niemahls Überfluß.
11
Die Freundschaft, so er bat, verschloß ihm Herz und Thüren,
12
Die Spötter zischten nach: Wen will der Schmerz nicht rühren?
13
Viel Jahre giengen hin. Es war ihm nicht um sich,
14
Nein, undanckbare Welt, es war ihm blos um dich,
15
Daß, da er dir so gern mit Weißheit dienen wollte,
16
Sein angelegter Fleiß so fruchtlos werden sollte.
17
Es schien ihm alles toll und, wie man spricht, gemacht;
18
Ja, was er noch so klug und sinnreich ausgedacht,
19
Das lief den Krebsen nach. Viel, die sein gut Gewißen
20
Durch Lehren, Müh und Fleiß aus Unverstand gerißen,
21
Vergalten Gunst mit Schimpf, wie alle Boßheit lohnt.
22
Frost, Hunger klagt er nicht, er war es schon gewohnt;
23
Nur klagt er, daß ihm auch bey aller solcher Bürde
24
Der klugen Leute Gunst aus Neid gestohlen würde.
25
Die Länge brach den Muth. Er fiel vor Schwachheit hin:
26
Und wenn ich denn so gar des Glückes Stiefkind bin,
27
So würge mich dein Zorn nach angenommner Buße,
28
Du Wesen, das mich drückt, an diesem Gränzenfluße,
29
Damit die deutsche Welt und auch mein Vaterland
30
Mein Grab vor Augen seh. – Hier lag er nun und band
31
Den krancken Fuß mit Stroh und krümmte sich im Kalten,
32
In Hofnung, durch den Tod Erlösung zu erhalten.
33
Mein Bruder, wüntsch es ihm und lis den Klagebrief,
34
Der nechst in Austens Haus und Marckards Hände lief,
35
So weistu, was ich will, und hast vielleicht Erbarmen.
36
Ach Bruder, könt ich dich doch jezt einmahl umarmen,
37
Was wär es mir vor Trost! Dein treu- und weises Herz
38
Versüßt' mir dann und wann den täglich neuen Schmerz.
39
Ach, hätt ich jezt die Lust der klugen Nachtgespräche,
40
Ich weis, daß mir dein Mund das halbe Joch zerbräche.
41
Das Leben hab ich noch, wer weis, wie lang auch dies,
42
Und was ich etwan kan; sonst alles hat der Riß
43
Der Schickung hingerückt. Es mag auch immer fahren;
44
Ich weis, die Vorsicht giebt dergleichen eitle Wahren
45
Nicht ewig zum Besiz. Es fiele mir nicht schwer,
46
Wofern nur die Natur dabey so gütig wär
47
Und unsrer Menschligkeit ein stärcker Herze gönnte,
48
Damit man ohne Gram sich stets bezwingen könte.
49
Allein wo lebet wohl so gar ein weiser Mann,
50
Der stets und überall die Regung dämpfen kan?
51
Das Fleisch beschwert den Geist, und Adams alte Tücke,
52
Man kämpfe noch so gut, schlägt dennoch oft zurücke.
53
Manch Kummer hat zwar Grund. Erwege, theurer Freund:
54
Die Redligkeit denckt oft, sie hab es gut gemeint,
55
Man thut, so viel man kan, den Übelstand zu mindern –
56
Des Glückes Eigensinn ist dennoch nicht zu hindern
57
Und braucht zum öftern das, was unsre Sorgfalt thut,
58
Zu Wafen auf uns selbst. Es ärgert bis aufs Blut,
59
Wenn Prahler ohne Wiz, die noch so thöricht leben
60
Und aller Feinde sind, sich hoch ans Bret erheben.
61
Dies wird am Pindus klar; da sizt ein reicher Jeck
62
Und macht gelehrten Wind und sticht die Demuth weg,
63
Die mehr verheelt als zeigt. Auch ofenbahre Thoren,
64
Die einem Juncker nechst das Kutschenpferd geschoren,
65
Regieren Volck und Stadt und preßen jeden Stand.
66
Die Weißheit geht geheim und bettelt um das Land.
67
Gott schüze seinen Ruhm! Mir will das Ohr noch gellen,
68
Seitdem ich nechst gehört, welch Misbrauch, welch Verstellen
69
Das Heiligtum entweih. Wie mancher Simon lauscht
70
Um Hallen und Altar, bis daß der Steifrock rauscht,
71
Und streckt der großen Frau den Beuthel nach der Seite,
72
Damit ihr Zuspruch ihm zwo Stimmen mehr bereite.
73
Man hält nicht Priesterwahl, man hält nur Auction:
74
Sechshundert! Hundert mehr! Die giebt der Nachbar schon.
75
Noch tausend oben drauf! Zum erst- und lezten Mahle!
76
Zwey Tausend voll! Schlag zu! Der Herr behält's und zahle!
77
Hier ist's. Den Leibrock her! Stimmt das Te Deum ein!
78
Die Glocken schlagen an. Indeßen wird der Wein,
79
Das Salböl heimgebracht, die Väter gehn nach Hause
80
Und ziehn den Gottesmann zum theurerkauften Schmause.
81
O herrlicher Beruf! Mein Freund, was sagst denn du?
82
Sprich ja bey Leibe nicht, es geh nicht richtig zu.
83
Die Ordnung ist ja schön, was will man beßer haben?
84
Die Väter sind getreu und sehn auf gute Gaben.
85
Genug, mein Freund, hiervon, das Urtheil steht dir frey.
86
Noch weiter in die Schrift! Ich kenn die Barbarey
87
An wahrer Wißenschaft und kan sie dir beschreiben.
88
Man fragt nur: Bringt sie Geld? Nicht viel. So las sie bleiben
89
Und nimm die Brodtkunst vor. Kein gründlicher Beweis,
90
Kein klug, kein sinnreich Wort, kein netter Dichterfleiß
91
Noch angenehmer Scherz wird, wenig ausgenommen,
92
In Umgang, Kirch und Tisch auf Mund und Zunge kommen.
93
Beweist man aus Vernunft, so heist es Grillenfang;
94
Erzehlt man, was geschieht, so macht man Groll und Zanck;
95
Gedenckt man nett und scharf und sucht man rein zu sprechen,
96
So lobt es kein Geschmack. Ein Sauflied aus den Zechen
97
Erhält mehr Lohn und Gunst als das, was Flaccus singt
98
Und was auch noch so schön aus Neukirchs Flöthe klingt;
99
Ja wollt auch Naso selbst die Mägdgen deutsch verehren,
100
Ich schwör auf seine Flucht, sie würden ihn nicht hören
101
Und in die Schencke gehn. Was kommt denn aufs Tapet?
102
Pferd, Jahrmarckt, Conto, Wein, Proceße, Ball, Piquet,
103
Flachs, Erbsen, Compliment, Accis, gedruckte Lügen,
104
Fluch, Moden, Fricaßee, Schuh, Haarzopf und Betriegen
105
Und alles, was sich sonst in meinen Reim nicht schickt
106
Und das so ordentlich, wie hier dein Aug erblickt,
107
Und das noch überdies bey Männern, die sich brüsten,
108
Als ob sie nur allein die Kunst zu leben wüsten.
109
Die Sachen wären gut, nur beßer angewand;
110
Allein so schwazt man stets ohn Absicht und Verstand,
111
Nicht so, wie ich und du bey klein- und schlechten Dingen
112
Vernünftig stille stehn und Nuzen draus erzwingen.
113
O allerliebster Freund, wie sehnlich wüntscht ich mir
114
Zeitlebens so ein Herz (ich wüntsch es gleichfalls dir),
115
Mit dem ich fähig sey, den Lauf der eitlen Sachen,
116
Von Welt und Stadt entfernt, vernünftig zu verlachen
117
Und in mich selbst zu gehn. Gott weis, wohin ich geh,
118
Damit nur einst mein Fuß im Alter sicher steh.
119
Des Pöbels Raserey hört doch nicht auf zu schlagen,
120
Drum hab ich mich erboßt, durchaus nicht mehr zu klagen.
121
Ich liege, wo ich kan, und leide, was ich muß.
122
Verzehr ich Käß und Brodt, so nenn ich's Überfluß
123
Und dencke, wie schon längst der Epicur gedachte,
124
Der schon aus solcher Kost ein Leckerbißchen machte;
125
Und wenn mir dann und wann was Beßers widerfährt
126
(die seltne Kleinigkeit ist kaum der Rede werth),
127
So folg ich meiner Lust, verbanne Gram und Sorgen
128
Und küße halb berauscht und traue keinem Morgen.
129
Weist du, was beßer sey, so theil es freundlich mit;
130
Wo nicht, so thu wie ich. Sobald mein Schenckel tritt,
131
Besuch ich dich gewis; du magst nur Fieckchen pfeifen
132
Und auf ein gutes Glas nach alten Klippen greifen.
133
Aus Dresden hör ich gern, daß das, wornach ich stand,
134
Auf Hamburgs Dichter fällt; der Mann ist schon gewand
135
Und läst den Pegasus nach Hofart glücklich draben;
136
Ein König wie August muß solchen König haben.
137
Es freut mich, daß ich nun so schön gerochen bin,
138
Da jener Waßermann, der Dichter obenhin,
139
Der mich vor dem verschnidt, den reich- und fetten Bißen
140
Wie dort Äsopens Hund begierig darben müßen.
141
Die Rache bleibt nicht aus. Bedächt es Choerilus,
142
Auf den ich mit Gewalt die Striegel schärfen muß,
143
So läg er wie ein Dachs dort im Gebürge stille
144
Und reizte meinen Kiel mit keinem Reimpasquille.
145
So glücklich bin ich stets, ich fang auch ungestellt,
146
Und ob mein Satyr gleich die Hasen öfters prellt,
147
So stehn sie doch nicht ab, mit Schimpf und Spott zu scherzen.
148
Doch warum wundert's mich? Wir leben jezt im Merzen.
149
Du fragest, wen ich zieh? Die Antwort steht mir frey:
150
Von Goldberg Meister Fritsch, ein Maul voll Milch und Brey
151
Und deßen Lästerblat mich noch im Zweifel wäget,
152
Ob Boßheit oder Wurm mehr Hand ans Werck geleget.
153
Die Zeit sucht alles auf. Er paart sich zum Crispin;
154
Das Joch ist starck genug, den Satyr fortzuziehn,
155
Der dieses feine Paar mit Stock und Geißeln plaget
156
Und künftig im Triumph durch Welt und Jahre jaget.
157
Vermag ich sonst gleich nichts, so herrscht vielleicht mein Kiel;
158
Er macht aus Feind und Neid ein ernstlich Poßenspiel,
159
Schreibt hoher Seelen Ruhm, besinget kluge Brüder
160
Und sezt der Tugend Lob in dauerhafte Lieder.
161
Hier, Bruder, stehst auch du. O nimm damit vorlieb;
162
Du weist, was uns verknüpft: der innerliche Trieb
163
Gelehrter Redligkeit. Vergieb den andern Grillen;
164
Ich könte, thät es noth, ein Buch damit erfüllen.
165
Ich habe viel mit dir; der Bogen wird zu knap,
166
Mir brech ich nicht zur Lust, doch dir zum Besten ab.
167
Erwarthe mich nur bald mit tausend andern Schwäncken,
168
Die theils das Herz erfreun, zum Theil auch etwas kräncken.
169
Indeßen schlaf voraus. Mein Postgeld ist nicht gut.
170
So wohl ein grünes Tuch geschwächten Augen thut,
171
So kräftig wird dein Blat mein sehnlich Herz erquicken;
172
Du must es nur fein voll und augenblicklich schicken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.