Im Fall du schwören kanst, daß Menckens Hand und Geist

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Johann Christian Günther: Im Fall du schwören kanst, daß Menckens Hand und Geist Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Im Fall du schwören kanst, daß Menckens Hand und Geist
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Dies Blat so würdig hält und eher nicht zerreißt,
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Als bis sein kluger Blick, der oft mein Stern gewesen,
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Den Inhalt und den Schmerz mit Langmuth durchgelesen,
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So geh nur immer hin, bedrängte Musenschaar;
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Doch nimm, ich rathe dir, . . . . . . . . . . . wahr
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Und komm bey Ruh und Scherz den Augen auch gelegen,
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Die unter Sorg und Amt den Helicon bewegen.
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Bewirb dich auch nicht erst um Schmuck und Feyerkleid,
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Gemüthe, Zeit und Tracht begehren Ähnligkeit.
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Ein lustig Sontagskind mag . . . . und Aufsaz nehmen,
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Kein Aufzug armer . . . kan unsre Noth beschämen.
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Drum geh nur sicher zu: Berühmter Mäcenat,
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Ich suchte, wie du weist, vergangnen Sommer Rath
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Und zog mit Frieden heim auf Hofnung beßrer Zeiten
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Und der so langen Qual ein Ende zu bereiten.
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Die gute Meynung kam, die gute Meynung fiel;
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Ich änderte den Plaz, doch nicht das Trauerspiel,
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Indem mich Klag und Weh mit neuer Furcht umgaben.
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Kurz, alles ist nun hin. Was die noch übrig haben,
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Die kaum mehr Eltern sind, ist ohne, was sie preßt,
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Ein Leben voller Müh, zwo Kinder und ein Rest
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Von Asch und Dürftigkeit, die das noch täglich mindert,
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Was Brodtkunst, Garthenbau und krancke Glieder hindert.
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Warum mich nun der Zorn des Vaterlandes trift,
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Rührt, wie ich glauben muß, von mancher Stachelschrift;
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Durch diese zeugt ich mir ein allgemeines Haßen.
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Der Kampf ist auch nicht jung, er fing sich in den Classen
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Der lezten Schulzeit an. Denn Schweidniz ist ein Ort,
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Wo alles Striegeln flicht; entfährt ein schlüpfrig Wort,
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So muß man gleich davor sogar auf Predigtstühlen
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Von Heuchlern böser Art . . . . . . . . . . . . . fühlen,
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Die Gott wohl nicht gebeuth und leicht kein Mensch verdaut.
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Ich gieng mit gleich vor gleich den Thoren auf die Haut.
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Verzeih derselben Zeit; die Jugendhize brannte,
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Indem sie dort noch nicht der . . . . . . . Moden kannte.
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Vielleicht hat dazumahl mein Theodosius,
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An welchen Volck und Stadt und Schauplaz dencken muß,
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Die Lästrer hin und her mit Hasenschrot getrofen.
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Doch damahls kunten sie noch wenig Rachlust hofen,
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Indem mich weder Freund noch Schuz noch Geld verlies.
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So bald mir aber auch der Stab den Rücken wies,
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Der Brand mein Erbtheil fraß, kein . . . . . helfen konte,
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Erfuhr ich leider früh, wie viel man Günthern gonnte.
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Die Feinde wachten auf, die Lügner brachen los,
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Der Mangel band mich an, die Fehler schienen groß,
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Die Gönner sturben hin, da fing es an zu regnen.
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Ich sah die Noth vorher und wollt ihr auch begegnen.
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In Rendsburg war ein Freund, ein Freund von Wort und That,
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Bey dem ich nie umsonst und jezo kräftig bat.
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Er . . . . . . . . . . . . . . . . und hatte kaum geschrieben,
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So kam die Post hernach: Nun ist er auch geblieben.
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Ach Freund, ach treuer Freund, ach Peterß, hättstu doch
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Nur mich nicht so geliebt, ich weis, du lebtest noch,
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Denn was nur mir erst hilft (o . . . . . . . . . . Stunde
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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .) das geht gewis zu Grunde.
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Da lag mein lezter Stab, ich fiel aus Noth in Schuld,
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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ungedult
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. . . . . . . . . . . . . . . vergaß mich selbst und alles
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Und wurde doch aus Zwang die Ursach meines Falles,
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Bey dem der Pöbel lacht. Da hies ich nun ein Thor;
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Die Pfafen trugen es dem Vater listig vor,
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Verschwärzten mich entfernt durch . . . . . . . . Gründe,
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Und fremder Neid galt mehr als Bitt und Flehn vom Kinde,
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Das gern zum Creuze kroch. Du weist, gelehrter Mann,
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Und siehst vernünftig ein, was Aberglauben kan;
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Er ist . . . . . der Geiz die schlimmste Pest der Erden
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Und kan . . . . . . . durch nichts besänftigt werden.
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Man thu auch, was man will, er schilt aus Eigensinn,
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Nennt Beßrung Heucheley, stößt Buß und Thränen hin;
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Was einmahl sein Verdacht nur schon vor böß erkläret,
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Dem flucht er, bis der Tod den . . . . . . Zorn verzehret.
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Ich strauchle freylich scharf, denn auf dergleichen Streich
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Geräth kein sichrer Schritt. Der erste Wurf in Teich
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Ist aller Kreise Schuld, die aus dem ersten fließen
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Und nach und nach mehr Raum im Fortgehn in sich schließen.
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Bedenck es nur ein Mensch; der . . . . . . . . wächst,
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Seitdem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . lechst;
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Ich schmeichle mir in nichts. Mein etwas freyes Leben
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Hat auch wohl dann und wann dem Feuer Öl gegeben.
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Allein, du lieber Gott, wie leichtlich ist's geschehn!
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Die Jugend weis sich ja nicht allzeit vorzusehn.
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Verführe Gott so scharf und wollt er ein Verbrechen
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Der Übereilung stracks mit Bliz und Donner rächen,
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Wie wenig würden alt. Vergebens Hülfe schreyn
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Führt gleichfalls, . . . . . . ., gar wenig Ordnung ein.
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Wem nichts zurückebleibt, der wird wohl wenig sparen,
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Und wer fünf Tag umsonst nach Hofnung ausgefahren,
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Der muß, wenn endlich auch der sechste Rath verschaft,
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Nothwendig mehr verthun als der, so Blut und Kraft
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Bey ordentlicher Kost in gleicher Waage nähret.
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Ja, wenn noch überdies der Lästrer Maul beschweret
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Und mehr zur Sache fügt und niemand uns verhört,
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So wird dadurch gewis die Ungedult vermehrt,
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Und manchen, welchem man ein Laster angelogen,
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Hat Vorwurf . . . . . . . . hernach zur That gezogen.
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Ja, wär auch alles wahr, womit man mich verschwärzt,
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So dächt ich, wen darauf ein solches Unglück schmerzt,
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Der sey gestraft genug; ich will es keinem gönnen,
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Sogar auch denen nicht, die wider mich entbrennen.
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Wer gar zu Boden liegt und keinen Arm mehr regt,
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Dem wincket man umsonst. Was nüzt es, daß man schlägt?
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Man spring ihm lieber bey und heb ihn auf die Sohlen,
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So lauft er glücklich fort, das Säumnüß einzuholen.
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Man schreyt mir häufig zu: Verlas die Poesie!
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Was kan denn ich davor? So oft ich ihr entflieh,
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So oft erhascht sie mich mit allzeit größrer Liebe.
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Die Reime feßeln mich, es sind nicht falsche Triebe,
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Es ist Natur und Hang, ist wie ein schönes Kind
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Des Buhlers leichten Zorn durch einen Blick gewinnt,
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So nimmt Calliope die schnelle Flucht gefangen,
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Und wär ich noch so weit aus ihrer Schoos entgangen.
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Ich weis auch eben nicht, ob sie viel Schaden thu;
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Sie bleibt in Noth getreu, sie stellt den Geist in Ruh
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Und läst . . . . . . . . . . . . von allen Wißenschaften
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Die Anmuth und den Kern im Herzen fester haften.
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Man wirft ihr täglich vor, sie hab ein höhnisch Maul,
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Wie junge Weiber sind; ihr Scherz ist selten faul,
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Sie redet etwas hin und meint es nicht so böse
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Und spottet wohl mit Recht, so oft ein neuer Zese
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Ihr deutsches Kleid verstellt und wenn es ihr gelingt,
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Daß der und jener Thor mit Fleiß ins Neze springt.
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Und steht es andern frey, ihr Ungemach zu schrauben,
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So kan sie sich wohl selbst die Gegenwehr erlauben.
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Was will ihr Tadler mehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Viel Dichter klagen blos, Gedancken anzubringen,
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Erbetteln ihren Schmerz, zu dem sie sich erst zwingen,
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Von fremder Traurigkeit und weinen künstlich toll
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Und glauben selber nicht, was uns bewegen soll.
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Wen aber rührt die Qual gemahlter armer Sünder,
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Es wäre denn ein Weib und noch nicht trockne Kinder.
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Die Noth erklärt sich schlecht und redet, wie sie denckt.
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Lis, prüfe, theures Haupt, was hier den . . . . . kränckt.
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Die Warheit wird sich hier in keine Larve stecken,
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Wohl aber überall ein treues Herz entdecken.
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Ich habe nie begehrt, was mehr als Nothdurft heist;
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Ein Alter kluger Ruh, das vom Erworbnen speist,
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Ist jederzeit mein Wuntsch. Mein Satyr muß oft gähnen,
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Wenn Männer zärtlich thun und durch ein thöricht Sehnen
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Geschlecht und Bart entweihn. Wie jener Cardinal,
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Der, als ihm Pflicht und Amt das Reisen anbefahl,
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Ein Wirthshaus sucht und fand. Man lies ihm reinlich decken,
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Die Schüßeln kamen voll und gaben viel zu schmecken.
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Doch als kein Käß erschien, der Tisch und Magen schloß,
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So fehlte wohl nicht viel, daß nicht sein Auge floß.
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Er seufzte nach der Höh und sprach mit Creuz und Seegen:
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O Gott, was leidet man nicht deiner Kirche wegen.
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Mein Gönner, glaub es mir. Es thut empfindlich weh,
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Daß, da ich von Natur nach Lob und Weißheit steh
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Und soviel Nacht und Schweiß an freye Künste wende,
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Gleichwohl kein glücklich Ziel und angenehmes Ende
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Den Vorsaz fruchtbahr macht. Ich schwäch in solcher Zeit
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Gesundheit, Geist und Blut und alle Fähigkeit,
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Mein anvertrautes Pfund mit Wucher auszubiethen.
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Man hat wohl so zu thun, sich vor sich selbst zu hüten,
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Daß weder Wahn noch Schein noch blinde Prahlerey
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Der Warheit hinderlich, der Einsicht schädlich sey.
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Was soll nicht erst geschehn, wenn eußerliche Plagen
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Die Kräfte der Vernunft mit . . . . . und Ohnmacht schlagen.
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Zu diesem kam die Furcht, die, wo es länger kracht,
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Den Muth, der übrig ist, noch gar zu Schanden macht.
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Je mehr ein Schneeball rollt, dies wist ihr Schweizerhügel,
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Je mehr bekommt er auch vom Laufen Größ und Flügel.
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Mein . . . . . . . . ist schon starck, und nach dem Augenschein
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Kan wohl mein Untergang nicht gar zu weit mehr seyn.
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Jedennoch könt es noch ein . . . . . . . . . . . . hemmen.
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Wenn Salz und Feuchtigkeit sich um die Nerven stremmen
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Und Blut und Luft verstockt, ist freylich viel Gefahr.
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Indeßen läst der Arzt den krancken Leib nicht gar;
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Er thut, so viel er weis, das Leben aufzuhalten,
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Und muß sein schönes Amt gleichwohl mit Trost verwalten.
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Verzweiflen will ich nicht, mein Elend hat Vernunft,
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Und dächten Glück und Heil an keine Wiederkunft,
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Ja, müst ich Brodt und Licht mit Waßerziehn erschwingen,
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Verkürzt ich doch den Schlaf, mich noch emporzubringen.
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Es dürfte mancher seyn, der, wenn er erstlich säh,
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Mit was vor Ehrligkeit der gute Vorsaz fleh,
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Aus Großmuth und Verstand den Musen Vorschub thäte.
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Allein er kennt mich nicht, indem mein arm Geräthe
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Der ungezwungnen Tracht den frommen Sinn verstellt.
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Dies macht mich liederlich. Die, so vor aller Welt
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Von Huren, Sof und Fraß an Händ und Füßen zittern,
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Die Weste von Damast mit stummen Schulden füttern,
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Dem Nechsten Unrecht thun, mehr plaudern als verstehn
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Und allzeit nur dabey wie Drechslerdocken gehn,
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Die schielen, wenn man grüßt, verächtlich nach der Seite
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Und heißen überall galant- und kluge Leute.
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Verzeih mir, großer Mann. Gerechter Schmerz entfährt.
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Ich küße dein Verdienst und wär der Huld nicht werth.
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Als Fremdling sucht ich längst in Menckens Huld zu kommen,
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Als Fremdling hastu mich mit Sanftmuth angenommen.
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Dein Nahme trieb mich an. Vor diesem wüntscht ich mir
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Nur dieses Glück allein, berühmter Mann, von dir
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Und deiner Wißenschaft ein gutes Wort zu heben;
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Du aber hast auch gar den Musen Brodt gegeben.
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Ist's möglich, daß auch ich der Welt noch nüzen kan,
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So gieb mir auch zulezt . . . . . . . . . Mittel an.
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Ich will gern alles thun und von der Pique dienen,
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Kan endlich nur mein Fleiß bey andrer . . . . grünen.
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Man läst den Bäumen Zeit, die Brand und Fäule schwächt,
202
Und was man Bäumen gönnt, begehr auch ich mit Recht.
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Man seh der . . . . . . nach, ich will viel Fehler beßern,
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Die . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Auch sag ich dieses nicht, als macht ich Gönnern Müh,
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Damit mein . . . . . . durch Fremder Unruh blüh;
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Ich hab ein . . . . . Herz, es lernt sich stets bescheiden
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Und will, das glaube mir, viel lieber Mangel leiden
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Als Gönner . . . . . . . . . beschwerlich seyn
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Ein Rath, ein gutes Wort . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Was raubt dir der Verlust? Mich kan . . . . schüzen.
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Kein Zuwurf ist so schlecht, er wird mir jezo nüzen,
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Mir, welchem alles fehlt, sogar der Glieder Ruh.
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Nun ist die Welt mein Haus, die . . . . . . . . . dazu
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(als w . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . hätte)
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Und wirft den krancken Fuß in fremder Luft aufs Bette,
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Wo anders Stroh und Holz den weichen Tittel führt.
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Und was noch überdies . . . . . . . . . . . . . . . . gebiehrt,
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Ist, daß ich um und um auch wider Gottes Ehre
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Auf Theurung, Krieg, Accis und . . . . . fluchen höre.
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Gott führt mich wunderlich, vielleicht auf deinen Ruhm.
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Ist Großmuth und Gedult der Weisen Eigenthum,
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So hof ich, dir einmahl auf unsers Pindus Schrancken,
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Gelehrter Mäcenat, mein Wohlergehn zu dancken.
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Das Glücke sey dein Freund und breite durch dein Haus
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Den Seegen des Geschlechts dir noch vor Augen aus
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Und laße deinen Sohn, den hofnungsvollen Erben,
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An Wachsthum und Verdienst dem Alter Trost erwerben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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