Vertraut- und werther Freund, ach, las dir was erzehlen

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Johann Christian Günther: Vertraut- und werther Freund, ach, las dir was erzehlen Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Vertraut- und werther Freund, ach, las dir was erzehlen,
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Ich werde wiederum (o spotte nicht!) verliebt.
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Die Sehnsucht fängt mich an mit stiller Angst zu quälen
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Und macht's wie Seitenweh, das blinde Stiche giebt.
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Vier Jahr entbehr ich schon die schöne Leonore,
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Mein Herz verlies mit ihr die Übung süßer Gluth,
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Das Unglück riß mich fort, und meinem Dichterrohre
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Vergieng der geile Klang wie mir der holde Muth.
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Ich sang und spielte zwar, doch nichts als Klagelieder,
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Dort um das Elb-Athen, hier um den Pleißenstrand.
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Nun, dacht ich, kommt dir doch die liebe Zeit nicht wieder,
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Die Schweidniz dazumahl in deinem Lager fand,
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Nun, dacht ich, wirstu alt und früh erkennen müßen,
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Daß Zärtligkeit und Lust ein flüchtig Spielwerck seyn;
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Die Thränen haben dir das beste Marck entrißen,
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Von was gedenckstu mehr, dem Amor Zinß zu weihn?
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Gott Lob, ich dachte falsch, die Wollust kehrt zurücke,
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Ich werd und weis nicht wie den Adlern gleich verjüngt;
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Der Kummer hindert nicht das Lächeln heißer Blicke,
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Wozu mich jezt ein Stern geneigter Vorsicht zwingt.
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Die Schwalbe bringt den Lenz, die Störche warme Tage
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Und Amor mir vielleicht die gute Botschaft bey,
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Daß dieses Osterfest der Gränzstein meiner Plage
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Und Glück und Wohl mit ihm in naher Ankunft sey.
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Es wär auch einmahl Zeit und, dächt ich, gnung gelidten,
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Seit dem ich ohne Trost auf hohen Schulen bin:
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Mein Scheitel graut vor Noth, viel Hofnung ist beschnidten
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Und mancher schöner Tag ohn eine Lust dahin.
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Doch acht ich alles nichts; ein Augenblick im Lieben
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Bezahlt uns, wer es weis, zehn Jahre theurer Zeit.
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Jezt kan ich mich davor mit größerm Nuzen üben;
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Auf Wermuth kriegt der Most viel schärfre Liebligkeit.
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Der Vorschmack fliest mir schon auf Lippen, Zung und Seele,
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Und ob die Noth gleich noch ihr Abschiedswetter schickt,
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So find ich doch, wie dort Aeneas, eine Höhle,
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In der mich Dido schüzt und sichre Lust erquickt.
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Du siehst es mir wohl an, ich bin ganz ausgelaßen,
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Scherz, Lachen, Spiel und Vers sind blos mein Zeitvertreib,
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Die Zirckel haben Ruh, die Bücher müßen paßen,
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Und was mein Umgang wüntscht, sind Jungfern, Magd und Weib.
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Der Wohlstand kömmt mich an, jezt will ich zärtlich heißen;
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Das abgeschabte Kleid wird mühsam ausgekehrt,
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Es müßen Schnallen, Schuh von Kreid und Kohlen gleißen,
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Die gröbste Krause wird gestickter Arbeit werth.
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Mein Aufzug war bisher ein halb soldatisch Wesen,
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Und wie der freye Pursch in Jena schwermt und geht,
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So hatt ihn sich mein Leib zum Muster auserlesen,
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Weil, was sonst zierlich heist, hier blos den Füchsen steht.
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Sechs Löcher in dem Strumpf, fünf Federn in den Haaren,
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Das hielt ich ebenfalls vor ehrlich und galant,
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Und war der Brandtewein im Antliz ausgefahren,
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So kneipt ich öfentlich die Blatern mit der Hand.
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Vor roch mein Haar nach Staub und schmuzigen Papieren,
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Jezt muß Violenmehl den halben Rock beschnein,
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Und wüst es nur dabey mein Beuthel auszuführen,
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So richt't ich meinen Staat recht seid- und sinnreich ein.
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Was Mägdgen artig läst, das raubt mir Herz und Augen,
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Ich beßre Schmuck und Zucht aus ihrer netten Tracht,
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Und was ihr Mund nicht lobt, das will mir auch nicht taugen,
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Und wär es zu Paries auch noch so schön gemacht.
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Dies ist das wenigste, was Lieb und Brunst verwandelt,
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Mein Sinn verändert sich an Sitten, Wuntsch und Hang.
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Secundus wird bereits vor Wolfen eingehandelt,
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Und Bilder geiler Kunst bekleiden Tisch und Banck.
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Ich kriege frommen Fleiß, das Hohe Lied zu suchen,
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Die Andacht treibet mich in Kirch und Heiligthum,
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Mein Herz wird mild und gut, ich haße Trunck und Fluchen
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Und kehre von der Bahn der wilden Spötter um.
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Die Ehrsucht trieb mich vor, den Siegern nachzusingen,
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Jezt aber denck ich nur: Bleibt, Helden, wo ihr wollt!
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Carl, Tugend und Eugen, erlaubt mir umzuspringen:
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Die Mägdgen rauben mir, was ihr bekommen sollt.
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Was hätt ich vor begehrt, den Knaster halb zu meiden?
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Jezt meid ich ihn umsonst, jezt zieht mich andre Glut;
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Denn meint gleich Lesbia den starcken Dampf zu leiden,
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So weis sie noch nicht recht, wieviel er Abbruch thut.
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Verworfne Fechterkunst, dich mag ich nicht begreifen,
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So sehr ich sonsten wohl zu dir gebohren bin;
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Da, wo wir Staub und Saal mit Saum und Sohlen schleifen,
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Ergözt mich, Arm und Schritt dem Tacte nachzuziehn.
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Ich schwaze mit mir selbst, bald fang ich an zu lachen,
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Bald hält der Spiegel her, bald wüntsch ich weis nicht was,
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Bald traumt mir ohngefehr von lauter weichen Sachen,
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Womit ich nechst gescherzt, als jemand bey mir saß.
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Die faule Poesie bekommt jezt neuen Zunder,
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Die Reime laufen mir zu Paaren in den Kiel:
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Und dies macht Lesbia. Drum nimmt mich nicht mehr Wunder,
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Warum mir erst vorher der Vers verdrießlich fiel.
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Es fehlt' ihm rechter Zeug, es fehlt' an ihrem Munde,
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Hier quillt der Musenbach, der Geist und Feuer bringt.
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Und dies erfahr ich erst seit jener Abendstunde,
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In der sie mich mit Lob und Arm und Scherz umringt.
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Philetas, eifre nicht, ich folge deinem Triebe,
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Den ehmahls Griechenlands verliebtes Ohr geschäzt,
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Und finde schon die Spur der allgemeinen Liebe,
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Die Zeit und Ewigkeit voll Lebensbäume sezt.
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Nun, Naso, glaub ich dir die Reizung schöner Mienen,
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Nun fühl ich den Affect, um den dein Finger sang,
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Als Frau und Kammermagd (hier läst sich's zweyen dienen)
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Dein wohlgetheiltes Herz in süße Feßel zwang.
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Verlaßnes Vaterland, du und auch ihr Sudeten,
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Versprecht euch meinen Ruhm in Liedern deutscher Kunst,
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Die Lieb erhebt auch euch im Schalle meiner Flöthen:
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Und dies macht Lesbia; drum danckt es ihrer Gunst.
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Sie weckt mich glücklich auf, sie ist jezt in den Linden,
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Wo jedes Blat ergözt, das erst- und schönste Kind
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Von denen, die aufs neu mein Herz mit Anmuth binden
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Und durch die Poesie stumm überwunden sind.
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Ihr Musen, greift euch an, ihr sollt auch mit mir küßen,
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Ihr sollt auch mit mir gehn und auf der Lilgenbahn
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(seht, was Versprechen thut!) das Trinckgeld noch nicht wißen.
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Die Sonne sincket schon, ihr Musen, greift euch an!
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Mein Freund, du lachst mich aus und nennst es blinde Poßen;
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Es mag denn, ras ich gleich, so ras ich mit Vernunft.
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Wie mancher wüntscht sich nicht so angenehm geschoßen!
116
Genug, denn Lesbia eilt gleich zur Wiederkunft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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