Kein Mensch hat von des Höchsten Güte

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Christian Günther: Kein Mensch hat von des Höchsten Güte Titel entspricht 1. Vers(1709)

1
Kein Mensch hat von des Höchsten Güte
2
Ein größer Zeugnüß auf der Welt,
3
Als wem sie ein getreu Gemüthe
4
Durch seltne Führung zugesellt,
5
Dergleichen Schaz lehrt uns auf Erden,
6
Viel eitler Wüntsche loszuwerden.

7
Die Güter des bedrängten Lebens
8
Sind insgemein mehr Schein als Werth.
9
Man sucht das Glücke da vergebens,
10
Wo Ehr und Pracht das Haupt beschwert
11
Und wo Gefahr und Last und Sünden
12
Im Purpur Plaz und Nahrung finden.

13
Der geile Saft von Sodoms Früchten
14
Ergözt uns durch ein süßes Gift,
15
Bis Zeit und Lust den Leib zernichten
16
Und Rach und Glut die Seelen trift,
17
Die mancher schönen Lais Küßen
18
Zulezt umsonst verfluchen müßen.

19
Der Mammon macht in aller Ohren
20
Den schön- und angenehmsten Klang.
21
Zehlt immerhin, ihr kargen Thoren,
22
Die Finger blau, das Silber blanck;
23
Dies niederträchtige Vergnügen
24
Soll mich nicht um die Ruh betriegen.

25
Ein Herz, das mit mir lacht und weinet,
26
Nachdem sich mein Verhängnüß kehrt,
27
Das, was es sagt, auch denckt und meinet,
28
Des Nechsten Heil wie seins begehrt,
29
Mich freundlich straft und unterrichtet
30
Und allen Zanck mit Sanftmuth schlichtet,

31
Ein solches Herz ist meinem Herzen
32
Ein Reichthum, den kein Dieb berührt,
33
Ein Stab und Trost in Fall und Schmerzen,
34
Ein Ancker, den kein Sturm entführt,
35
Ein Arzt, der Schlag und Wunden heilet
36
Und allzeit sichern Rath ertheilet.

37
Im Glück ist dies mein gröstes Glücke,
38
Daß so ein Freund es mitgenießt,
39
Und giebt der Himmel saure Blicke,
40
So wird die Bitterkeit versüßt,
41
Wenn Jonathan und David ringen,
42
Einander ehrlich beyzuspringen.

43
Da trennt kein Eigennuz die Seelen,
44
Die in zwey Cörpern eines sind,
45
Da darf man nichts aus Furcht verheelen,
46
Da kommt die List der Misgunst blind,
47
Da müßen Argwohn, Neid und Haßen
48
Den Bund wohl unzerrißen laßen.

49
Wir sezen uns vertraut zusammen,
50
Betrachten Gott, uns und die Welt.
51
Bald fluchen wir den Kriegesflammen,
52
Wodurch manch schönes Reich zerfällt,
53
Bald wüntschen wir des Friedens wegen
54
Dem großen Carlen Sieg und Seegen.

55
Wir richten andre sonder Spotten
56
Und gehn uns selber nicht vorbey.
57
Wie mancher Misbrauch auszurotten
58
Und wie gedrückt die Armuth sey,
59
Das pflegen wir mit treuem Klagen
60
Einander christlich vorzusagen.

61
Die Unschuld scherzt mit uns zur Seite,
62
Die Weißheit giebt uns Licht und Ruh,
63
Und droht uns auch der Tod noch heute,
64
So sezt uns sonst kein Kummer zu
65
Als dieser, daß wir fürchten müßen,
66
Uns nicht in einen Sarg zu schließen.

67
Nun mag das Unglück Pfeile schärfen,
68
Dir, Himmel, hab ich nun nicht mehr
69
Mein Creuz und Elend vorzuwerfen:
70
Ich seh, du liebst mich noch zu sehr
71
Und läst mich die versagten Gaben
72
Durch meinen Freund auf einmahl haben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.