Gedenck auch nun einmahl, getreue Poesie

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Johann Christian Günther: Gedenck auch nun einmahl, getreue Poesie Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Gedenck auch nun einmahl, getreue Poesie,
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An Sachen, die nicht so nach Welt und Thorheit schmecken,
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Und leide, daß mein Fuß dich von dem Wege zieh,
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Auf welchem Lust und Schein den Untergang verdecken.
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Man rühmt dir allzeit nach, du seyst ein Himmelskind,
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Gieb thätigen Beweis, dein Vaterland zu glauben;
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Nachdem Geschmack, Geruch und Farb und Würckung sind,
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Nachdem erfährt man auch den Boden reifer Trauben.
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Du hast der Eitelkeit so dienstbahr aufgespielt,
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Viel Feuer angesteckt, manch schlüpfrig Lied geschrieben
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Und manchen reichen Thor, der sonst sich anders fühlt,
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Durch Lob und Schmeicheley zum Hochmuth angetrieben;
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Die Sünd ist zwar nicht klein, doch wird sie leicht verziehn,
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Wenn Buß und Beßerung die Arbeit heilig machen.
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Du must dein Saythenchor nach Davids Harfe ziehn,
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O was bekommstu hier vor groß- und hohe Sachen!
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Kein Maro, kein Homer, kein hoher Pindarus
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Hat vor sein Heldenlied so reich- und starcken Zunder;
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Du brauchst nicht erst den Geist, der jene treiben muß,
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Betracht und schäze nur des Höchsten Werck und Wunder!
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Du bist zu sehr verwöhnt und hast ein thöricht Ohr,
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Wofern dir Juppiter und Venus beßer klingen,
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Als wenn die Sulamith und Assaphs güldnes Rohr
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Vom großen Zebaoth und schönen Freunde singen.
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Liegt Elims Palmenstadt nicht höher als Athen?
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Beschämt nicht Hermons Thau des Pindus Gözenhügel?
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Aurora macht den Vers bey weitem nicht so schön,
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Als wenn ihm David wüntscht der Morgenröthe Flügel.
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Was giebt Elysien? Verlogne Frucht und Lust.
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Komm, las dir Gottes Stadt vom liebsten Jünger zeigen;
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Ihr Schatten wirft dir schon viel Klarheit in die Brust,
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Und was du hier gewinnst, das ist ein sehnlich Schweigen.
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Wie, schärfstu schon den Kiel zum Riße dieser Pracht?
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Sie läst sich nicht so wohl erzehlen als genießen;
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Auch dazu weis ich Rath, komm mit und gieb fein Acht,
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Was dort auf Golgatha vor Seegensströme fließen.
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Es ist das rothe Meer in jen' gelobtes Land,
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Das unser Josua am Creuze scharf erfochten;
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Hier übe deine Kunst, hier wecke Geist und Hand,
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Zerreiß auch, was mir sonst der Helicon geflochten;
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Wir finden reichern Schmuck, was soll der Lorbeercranz?
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Nimm, was der Heiland trägt, und cröne mir die Scheitel
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Und sprich: Hier schenck ich dir den wahren Dichterglanz;
44
Wer andern Nachruhm sucht, der handelt blind und eitel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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