Mein Gott, wo ist denn schon der Lenz von meinen Jahren

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Johann Christian Günther: Mein Gott, wo ist denn schon der Lenz von meinen Jahren Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Mein Gott, wo ist denn schon der Lenz von meinen Jahren
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So still, so unvermerckt, so zeitig hingefahren?
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So schnell fleucht nimmermehr ein Seegel durch das Meer,
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So flüchtig dringt wohl kaum ein heißes Bley zum Ziele,
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Es dünckt mich ja noch gut der ersten Kinderspiele;
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Wo kommt denn aber schon des Cörpers Schwachheit her?

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Mein Alter ist ja erst der Anfang, recht zu leben,
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Indem mir Raum und Zeit noch manchen Scherz kan geben.
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Wie? Überspringt dies nun die Stafeln der Natur?
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Mein Geist, der wie die Glut in fetten Cedern brannte,
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Verdruß und Traurigkeit aus allen Winckeln bannte
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Und wie der Bliz bey Nacht aus Mund und Antliz fuhr.

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Ich hatte von Geburth viel Ansehn auf der Erden,
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Nach meiner Väter Art ein starcker Geist zu werden.
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Der Eltern kluge Gunst erzog Gemüth und Leib
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Durch Übung, Schweiß und Kunst zu wichtigen Geschäften;
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Was andern sauer ward, das war schon meinen Kräften
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Ein lustiges Bemühn und froher Zeitvertreib.

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Kein Eckel, keine Furcht, kein abergläubisch Schröcken
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Vermochte mir das Herz mit Unruh anzustecken.
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Die Glieder fluchten nicht auf Hize, Frost und Stein,
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Verfolgung, Mangel, Haß, Neid, Lügen, Schimpf und Zancken
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Erstickten mir keinmahl den Ehrgeiz der Gedancken,
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Der Welt durch Wißenschaft ein nüzlich Glied zu seyn.

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Ich sah mich als ein Kind den Warheitstrieb schon leiten,
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Ich schwazte durch die Nacht bey Schriften alter Zeiten,
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Die Musen nahmen mich der Mutter von der Hand;
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Ich lernte nach und nach den Werth des Maro schäzen
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Und fraß fast vor Begier, was Wolf und Leibniz sezen,
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Bey welchen ich den Kern der frommen Weißheit fand.

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Dabey verschmäht ich auch kein eußerlich Vergnügen,
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Die Liebe wuste mich recht künstlich zu besiegen,
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Sobald Anacreon in meinen Zunder blies;
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Ich dacht, es zöge mich nur blos ein nettes Singen,
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Und war doch in der That ein zärtliches Bezwingen
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Der süßen Eitelkeit, die ihre Macht bewies.

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Bey vielem Ärgernüß und unter allen Sorgen,
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Die mir noch ziemlich jung den Abend wie den Morgen
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Mit Drohung und Gefahr empfindlich zugesazt,
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Verdarb ich gleichwohl nicht Gesellschaft, Scherz und Küßen,
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Und manch vertrauter Freund wird oft noch sagen müßen,
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Wie freudig ihm mein Trost die Grillen ausgeschwazt.

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Allein es ändert sich die Scene meines Lebens.
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Ach Gott, wie ist es jezt mit mir so gar vergebens!
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Was seh ich zwischen mir und mir vor Unterscheid!
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Mein junges Feldgeschrey bringt stumme Klagelieder,
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Es keimt, es gährt bereits durch alle meine Glieder
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Der Saame und das Gift geerbter Sterbligkeit.

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Die Geister sind verraucht, die Nerven leer und trocken,
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Die Luft will in der Brust, das Blut in Adern stocken,
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Das Auge thränt und zieht die scharfen Strahlen ein;
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Das Ohr klingt fort und für und läuthet mir zu Grabe,
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Und da ich überall viel Todeszeichen habe,
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So zagt dabey mein Herz in ungemeiner Pein.

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Nicht etwan, daß mein Fleisch, die abgelegte Bürde,
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Aus Abscheu vor der Gruft zulezt noch weibisch würde:
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Dies hab ich mir vorlängst bekand und leicht gemacht;
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Nur darum, daß mein Fleisch sich in der Blüthe neiget
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Und nicht der Welt vorher durch seine Früchte zeiget,
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Zu was mich die Natur an dieses Licht gebracht.

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Allein wer hat hier Schuld? Ich leider wohl am meisten,
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Ich, welchen Glück und Wahn mit süßen Träumen speisten,
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Als würd es stets so seyn und niemahls anders gehn,
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Ich, der ich so viel Zeit nicht klüger angewendet,
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Gesundheit, Stärck und Kraft so liederlich verschwendet –
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Ach Gott, verzeih es doch dem redlichen Gestehn!

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Nun ist auch dies wohl wahr, der Himmel wird es zeugen,
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Daß Neid und Unglück oft die besten Köpfe beugen
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Und daß ich wider mich gar viel aus Noth gethan.
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O hätte mich die Pflicht des Nechsten oft gerettet
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Und mancher Blutsfreund selbst mir nicht den Fall gebettet,
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Vielleicht – – jedoch genug! Ich klage niemand an.

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Ich klage niemand an aus redlichem Gemüthe
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Und wüntsche mir vielmehr nach angebohrner Güte
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Nur so viel Glück und Zeit, den Freunden Guts zu thun;
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Und da es in der Welt nicht weiter möglich scheinet,
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So thu es der vor mich, vor dem mein Herze weinet,
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Und laße Neid und Groll mit mir im Grabe ruhn.

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Nur mich verklag ich selbst vor dir, gerechter Richter.
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So viel mein Scheitel Haar, so viel der Milchweg Lichter,
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So viel die Erde Graß, das Weltmeer Schuppen trägt,
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So zahlreich und so groß ist auch der Sünden Menge,
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Die mich durch mich erdrückt und immer in die Länge
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Mehr Holz und Unterhalt zum lezten Feuer legt.

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Das Ärgste wäre noch, mich hier vor dir zu schämen:
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Hier steh ich, großer Gott, du magst die Rechnung nehmen.
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Ich hör, obgleich bestürzt, das Urthel mit Gedult.
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Wie hab ich nicht in mich so lang und grob gestürmet
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Und Fluch auf Fluch gehäuft und Last auf Last gethürmet!
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Schlag, wirf mich, tödte mich! Es ist verdiente Schuld.

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Dein Zorn brennt nicht so sehr die bösen Sodomskinder,
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Die Hölle scheint noch kalt und plaget viel gelinder
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Als mich die Qual und Reu, die in der Seelen schmerzt.
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Ist's möglich, ach, so gieb, du ewiges Geschicke,
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Mir auch jezund vor Blut ein Theil der Zeit zurücke,
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Mit der sein Selbstbetrug sein zeitlich Wohl verscherzt!

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Wie beßer wollt ich jezt das theure Kleinod schäzen,
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Wie ruhig sollte sich hernach mein Alter sezen
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Und, wenn denn meine Pflicht der Welt genug gedient,
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Mit Fried und Freudigkeit und als im Rosengarthen
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Den Tod und auf den Tod den Nachruf still erwarthen,
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Ich sey als wie ein Baum nach vieler Frucht vergrünt.

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Mein Gott, es ist geschehn, mehr kan ich nun nicht sagen.
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Stimmt deine Vorsicht bey, so seze meinen Tagen
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(hiskias weint in mir) nur wenig Stufen zu.
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Ich will den kurzen Rest in tausend Sorgen theilen,
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Durch That und Beßerung das Zeugnüß zu ereilen,
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Daß ich anjezo nicht mit Heucheln Buße thu.

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Der Ernst macht alles gut; was hin ist, sey vergeßen.
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Kein Kraut ist ja so welck, man weis noch Saft zu preßen,
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Der, kommt gleich jenes um, den Krancken Heil gewährt
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Manaßes mehrt zulezt die Anzahl frommer Fürsten,
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Und Saul kan nicht so starck nach Blut und Unschuld dürsten,
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Als eifrig und geschickt hernach sein Geist bekehrt.

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Ist deiner Ordnung ja mein längres Ziel zuwider,
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So rette, treuer Gott, doch alle meine Brüder,
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Die voller Irrthum sind und noch an Jahren blühn,
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Und las sich ihren Geist an meinen Thränen spiegeln,
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Eh Ohnmacht, Schwäch und Zeit die Gnadenthür verriegeln,
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Damit sie mehr Gewinn von ihrem Pfunde ziehn.

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Von nun an will ich mich dir gänzlich überlaßen
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Und um den lezten Sturm den stärcksten Ancker faßen,
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Den uns auf Golgatha der Christen Hofnung reicht.
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Dein Wort, dein Sohn, dein Geist befriedigt mein Gewißen
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Und lehrt mich hier getrost der Jugend Fehler büßen,
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Bis ihrer Strafen Schmerz mit Wärm und Athem weicht.

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Komm nun und wie du wilst, die Erbschuld abzufodern;
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Der Leib, das schwere Kleid, mag reißen und vermodern,
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Weil dies Verwesen ihn mit neuer Klarheit schmückt.
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Ich will ihm zum Voraus mit freudenreichem Sehnen
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Auf Gräbern nach und nach den Schimmer angewöhnen,
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In welchem ihn hinfort kein eitler Traum mehr rückt.

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O sanfte Lagerstatt, o seeliges Gefilde!
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Du trägst, du zeigest mir das Paradies im Bilde;
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Ich steh, ich weis nicht wie, recht innerlich gerührt.
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Wie sanfte wird sich hier Neid, Gram und Angst verschlafen,
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Bis einst der große Tag die Böcke von den Schaafen,
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Die in die Marter jagt und die zur Freude führt.

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Mein Schaz, Immanuel, mein Heiland, meine Liebe!
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Verleih doch, daß ich mich in deinem Wandel übe,
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Verdirb mir alle Kost, die nach der Erde schmeckt,
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Verbittre mir die Welt durch deines Creuzes Frieden,
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Vertreib, was mich und dich durch mein Versehn geschieden,
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Und hüll in dein Verdienst, was Zorn und Rache weckt.

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Soll ja mein jäher Fall den Cörper niederstürzen,
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So las mir Zeit und Schmerz auf deiner Brust verkürzen
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Und nimm den freyen Geist mit Arm und Mitleid auf.
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Wem irgend noch von mir ein Ärgernüß geblieben,
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Dem sey der Spruch ans Herz wie mir an Sarg geschrieben:
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Oft ist ein guter Tod der beste Lebenslauf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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