Und wie lange soll ich noch, dich, mein Vater, selbst zu sprechen

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Johann Christian Günther: Und wie lange soll ich noch, dich, mein Vater, selbst zu sprechen Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Und wie lange soll ich noch, dich, mein Vater, selbst zu sprechen,
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Mit vergeblichem Bemühn Hofnung, Glück und Kräfte schwächen?
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Macht mein Schmerz dein Blut nicht rege, o so rühre dich dies Blat,
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Das nunmehr die lezte Stärcke kindlicher Empfindung hat.
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Fünfmahl hab ich schon versucht, nur dein Antliz zu gewinnen,
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Fünfmahl hastu mich verschmäht, o was sind denn dies vor Sinnen!
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Dencke nach, wie scharf es beiße, dencke doch, wie nah es geh,
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Daß ein Sohn durch seinen Vater zwischen Furcht und Unruh steh.
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Hab ich dich nicht überall treu gerühmt und froh gepriesen?
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Hat sich ein verstockter Sinn gegen deine Zucht gewiesen?
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Hab ich nicht mit Lust studiret, dich nur einmahl zu erfreun
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Und mit wohlgerathnen Früchten deines Kummers Trost zu seyn?
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Such ich auf der Erden mehr als ein still- und weises Leben?
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Wollt ich nicht sogar mein Blut vor des Nechsten Wohlseyn geben?
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Steckt mir Boßheit in der Seele, brennt mir Rachgier in der Brust
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Oder hat mein freches Spotten an des Feindes Schaden Lust,
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Ja, verführt die Heucheley mein entschuldigtes Gewißen,
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Dich allhier um neue Gunst blos aus Eigennuz zu küßen,
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O so werden meine Glieder mit des Hiobs Qual geplagt
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Und mein Fuß mit Cains Schröcken in der Welt herumgejagt.
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Adams Erbschuld nehm ich aus; Mängel sind uns angebohren,
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Und ich habe tausendmahl mich auch außer mir verloren.
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Schlüge Gott mit Bliz und Keilen gleich auf solchen Fehltritt zu,
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O wie wenig würden Greise, und wo blieben ich und du!
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Daß du mich gezeugt, ernährt, unterrichtet und geführet,
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Ist ein Lorbeer, der dein Haupt auch noch auf der Baare zieret.
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Ich erkenn es in der Stille, ob gleich ängstlich und betrübt,
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Weil mir weder Zeit noch Glücke Mittel zur Vergeltung giebt.
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Wenn der Morgenröthe Glanz an dem grauen Himmel blickte
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Und der frühe Garthenbau dir so Herz als Aug entzückte,
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Machte mir dein muntres Scherzen Feder und Papier bequem
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Und dein rüstiges Exempel Kiel und Bücher angenehm.
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O wie mancher Abendstern sah mich unter deinen Lehren!
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Damahls lernt ich als ein Kind Rom und Griechenland verehren,
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Wenn mein Ohr an deinem Munde mit erhizter Sehnsucht hing
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Und der Nachdruck beider Sprachen lustig ins Gedächtnüß gieng.
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Alles kont ich nach und nach, so zu reden, spielend faßen,
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Was die Knaben sonst bewegt, daß sie Buch und Feder haßen,
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Weil der Schulfuchs Lust und Liebe mit der Ruthe niederschlägt
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Und durch so viel tolle Regeln auf die strengste Folter legt.
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Um nun hinter den Bestand meiner Neigung recht zu kommen,
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Hastu mir oft selbst das Buch als zur Strafe weggenommen.
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Diese wohlgemeinte Klugheit mehrte sonderlich in mir
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(kinder thun verbothne Sachen) Fleiß und Eifer und Begier.
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Las doch nun nicht erst den Neid dich in mir so arg verlachen,
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Las dir doch nicht so viel Müh durch sein Maul zu Schanden machen!
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Trau doch deinem Fleisch und Blute, gönne mir Gedult und Ohr;
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Bin ich ja mit Recht verklaget, warum läst man mich nicht vor?
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Was ich dann und wann versehn, ist die Hize junger Jahre;
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Denn wo wird wohl einer alt, der nicht oft den Fall erfahre?
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O warum bestraft die Länge meine Menschligkeit so scharf?
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Welcher Richter ist so grausam, daß man gar nicht bitten darf?
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Muß man doch wohl oft aus Noth wider Willen was beschließen,
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Was wir ohne starcken Zwang oftmahls unterwegens ließen.
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Schwachheit lauft gar leicht mit unter, und der Mangel nebst der Schmach,
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Die man unverdient erduldet, zieht viel schlimme Folgen nach.
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Beßrung, Buße, Fleiß und Ernst weis viel Scharten auszuwezen,
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Die mich bey den Redlichen ohne Grund in Argwohn sezen.
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Läst man doch verdorrten Bäumen zum Erholen etwas Zeit:
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Gilt ein Mensch nicht mehr als Bäume noch ein Kind als fremder Neid?
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Und was sind es denn auch nun vor so grob und schwere Sünden,
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Die so mühsam und so spat Ablas und Errettung finden?
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Sagt, was sind sie? Meistens Lügen, junge Thorheit, viel Verdacht
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Und mit einem Worte Mücken, die man zu Camelen macht.
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Sieht man etwan darum scheel, daß mein aufgeräumt Gemüthe
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Andern wie sich selbst getraut und nach angebohrner Güte
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Sich zum öftern blos gegeben? Freunde, schweigt, es ist geschehn;
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Dieses Laster, ist's ein Laster, sollt ihr nicht mehr von mir sehn.
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Die so groß und altklug thun und von viel Erfahrung sprechen,
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Wollen durch den Poltergeist meinen Sinn zur Unzeit brechen;
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Aber allzuscharf macht schärtig, und Affecten bey der Zucht
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Reizen feurige Gemüther und erhalten schlechte Frucht.
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Einmahl ist und bleibt mein Zweck, blos der Warheit nachzustreben
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Und, so viel nur an mir ist, als ein nüzlich Glied zu leben.
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Drum verehrt mein Geist die Lehrer, die in unsern Tagen blühn
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Und das Licht der rechten Weißheit endlich aus dem Nebel ziehn.
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Daß mich Haß und Pöbel schilt, als vertieft ich mich in Grillen,
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Die den Beuthel und den Kopf mit gelehrtem Winde füllen,
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Das verzeih ich seiner Einfalt, die im Aberglauben steckt
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Und die Wißenschaft verachtet, weil sie ihren Kern nicht schmeckt.
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Daß Verleumder böser Art auch mein Christenthum vernichten,
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Mag der Herr, der alles sieht, doch nur mit Erbarmung richten.
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Mich befestigt bey den Stürmen die gewiße Zuversicht,
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Daß die Liebe des Erlösers gar was anders von mir spricht.
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Dies gesteh ich ohne Furcht, daß ich manch verwirrt Geschweze,
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Das in Glaubenssachen schwermt, vor geringe Poßen schäze;
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Ich gesteh auch, daß mich's ärgert, wenn Alazon schreyt und kracht
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Und sein Jahrgang oft mehr Kezer als bekehrte Sünder macht.
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Wär es mir nicht selbst geschehn, wollt ich hier kein Wort verlieren;
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Aber da er mich verdammt, hab ich Recht, es anzuführen,
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Weil er aus dem Leichenreime, der von Gottes Liebe singt,
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Eine Gift der Pietisten und ich weis nicht was erzwingt.
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Und wieso? Man höre nur, wie genau sein Vorwurf schließe:
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Weil ich damahls mich erklärt, daß den Tod nichts mehr versüße
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Als die Liebe vor den Heiland, die das lezte Schröcken schwächt,
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Soll ich dies geleugnet haben: Nur der Glaube macht gerecht.
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Sagt mir, wo die Folge steckt! Nirgends als im blinden Dünckel.
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Ist das nicht ein schöner Schluß von dem Prügel auf den Winckel?
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Wenn ich ohngefehr nun spräche: Unser Nachbar baut ein Haus,
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Schlöß ich denn darum den Meister und den Werckgesellen aus?
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Etwas muß ich doch noch hier bey Gelegenheit erwegen:
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Mancher meint, ich sollte mich auf die Brodtkunst beßer legen,
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Und beredet dich, mein Vater, viel Verachtung sey daher,
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Weil ich nicht mit rechtem Eifer Meditrinen dienstbahr wär.
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Glaube, da du mich so früh zu der edlen Kunst erzogen,
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Da ich auch nicht ohne Frucht deine Warnung eingesogen,
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Da ich sie von dir schon kenne, da ich ihren Vorzug weis,
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Geb ich ihr vor andern Künsten Neigung, Herze, Kranz und Preis.
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So viel überseh ich auch, daß wir, etwas recht zu wißen
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Und von Grund aus zu verstehn, keine Sprünge machen müßen.
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Las mich also kürzlich mercken, was des Arztes Pflichten seyn;
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Denn der Umfang seines Amtes schliest vorwahr nicht wenig ein.
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Mit dem Doctor kaum zwey Jahr flüchtig durch den Sennert laufen,
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Hunde würgen, Feuer sehn, Pillen drechseln, Kräuter raufen,
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Auf Gerathewohl verschreiben, andre neben sich verschmähn
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Und sich bey dem Sterbebette in der Staatsperrüque blehn,
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Ist so thöricht als gemein, thut auch selten große Wunder.
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Bücher, Tiegel, Glas und Ring sind zusammen nichts als Plunder,
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Wenn man die Gesundheitsregeln nicht vorher in Kopf gebracht
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Noch auch durch vernünftig Schließen die Erfahrung brauchbahr macht.
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Will man nun den Stümpern gleich nicht an jeder Klippe scheitern,
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So bemüh man sich zuerst, Sinnen und Verstand zu läutern;
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Man erforsche die Geseze, die der Bauherr schöner Welt
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Ehmahls zwischen Geist und Cörper ewig gleich und fest gestellt.
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Dies erfordert etwas mehr als in alten Schwarten wühlen
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Und mit Knochen, Stein und Kraut oder heißem Erze spielen.
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Wer die Wißenschaft der Größe und der Kräfte nicht versteht,
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Kan den Leib unmöglich kennen, der wie Waßeruhren geht.
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Was vor Klugheit, was vor Müh fließet nicht aus diesen Gründen,
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Eh wir jedes Cörpers Art, den wir vor uns haben, finden,
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Eh man Neigung und Gewohnheit, Kranckheit, Siz und Ursach trift.
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Unzeit, Eckel, Ort und Menge macht auch Mithridat zu Gift.
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Inwieweit ich nun gedacht, dieser Vorschrift nachzuleben,
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Davon mag die Zeit einmahl ein gerechtes Urtheil geben.
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Bin ich nur bey mir versichert, daß ich nach Vernunft gethan,
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Hör ich andrer stolzes Bellen mit gelaßner Demuth an.
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Was die Poesie betrift, muß ich frey heraus bekennen:
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Ich empfand schon als ein Kind ihren Trieb im Herzen brennen.
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Da mich nun die blinde Neigung ihr schon damahls zugeführt,
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Schenck ich ihr auch noch die Liebe, die anjezt Vernunft regiert.
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Will man sie nur obenhin nach gemeiner Art betrachten,
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Hat man freylich den Parnaß vor ein Grillennest zu achten.
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Hochzeitreime, Todtensprüche und ein buntes Quodlibet
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Nebst erfrornen Buhlerflammen heißen zwar galant und nett;
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Doch ein solcher Reimenspruch, den die Nahmen erst verbrämen,
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Den auch Klingsohr, Frauenlob und Hans Sachsens Kunst beschämen,
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Schickt sich wohl dahin am besten, wo man Schöps und Kofent schenckt,
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Oder auf den Musentrödel, wo Theranders Leyer hängt.
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Dichter, sind sie, was sie sind, müßen feuerreiche Gaben,
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Wiz, Verstand, Gelehrsamkeit, Tugend und Erfahrung haben
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Und die Menschen, derer Augen die entblöste Warheit fliehn,
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Durch die Weißheit in den Bildern recht mit Lust zum Guten ziehn.
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Was Homer und Maro schreibt, was auch Fenelon gesungen,
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Ist ein Muster, deßen Werth die Vergängligkeit bezwungen.
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Dies versteht kein Phoebuspritscher, der nur an den Schalen klaubt
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Und der Schönheit im Erklären allen Geist und Nachdruck raubt.
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Doch damit vorjezt genug! Du, mein Vater, magst nun schäzen,
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Ob und was und auch wie viel meinen Musen auszusezen.
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Scheint dir auch die Art und Weise meines Lebens wunderlich,
160
Ach, dem ist bald abgeholfen. Und womit? Versöhne dich!
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Dencke, was der Unmuth thu, wenn uns Freund und Feinde kräncken,
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Wenn sie uns den nahen Weg zu der Gönner Herz verschräncken,
163
Wenn man kranck und in der Fremde bey Verfolgung und Verdruß
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Wegen andrer Groll und Zwietracht alles Unrecht leiden muß,
165
Wenn uns innerliche Reu, eußerlicher Mangel dränget,
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Wenn sich Anverwandter Haß unter unsre Feinde menget,
167
Wenn der Schmerz getreuer Eltern in der Güter Asche sizt,
168
Wenn ein Bruder von Gemüthe ohne Schuld sein Blut versprizt,
169
Wenn die Buße nichts erhält, wenn die besten Stüzen weichen,
170
Wenn ein unverhofter Freund nach viel seltnen Gnadenzeichen
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Unser Glück im Lieben gründet und gleichwohl des Vaters Geist
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Uns aus Eifer dahin bringet, daß man untreu scheint und heist.
173
Da verliert sich die Gedult, da vergißt man sich und alles,
174
Läst es durcheinander gehn, strauchelt oft aus Furcht des Falles;
175
Man getraut sich nichts zu wagen, man verfällt von Zeit zu Zeit
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Und gewöhnt sich ganz gelaßen zu der Niederträchtigkeit.
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O wie oft hat Fleisch und Blut durch ein ungeduldig Schmollen,
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Weil kein Retter kommen will, der Verzweiflung rufen wollen!
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Doch ein Strahl von höherm Lichte und die kämpfende Vernunft
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Stärckten mich im grösten Wetter mit des Trostes Wiederkunft.
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Strafe nehm ich willig an; man erinnre nur bescheiden
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Und so redlich als geheim. Dies Volck kan ich nur nicht leiden,
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Das uns fast auf alle Mienen eine Sittenpredigt hält
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Und alsdenn am ärgsten dencket, wenn es sich am frömmsten stellt.
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Jene sind es, die da stracks Donner, Bliz und Höll erwecken,
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Die, so ein verirrtes Schaaf mit der gröbsten Keule schröcken,
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Jene sind es, die den Mägdgen, so nur einen Blick versehn,
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Alle Schlüßel zu dem Himmel ohne den Beruf verdrehn,
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Jene sind es, die sich selbst vor gerecht und heilig halten,
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Mit Verachtung andrer stehn, die befleckten Hände falten,
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Mit den kläglichsten Gebehrden aller Augen auf sich ziehn,
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Mit Gebethen Wucher treiben und nur Schein, nicht Sünde fliehn.
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Gott, du kennst und zeichnest sie, untersuchest Herz und Wercke.
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Stummer Hochmuth, Geiz und Neid ist der ganzen Andacht Stärcke.
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Kommt es zu der Nechstenliebe, zum Vergeßen, zum Verzeihn,
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Oder soll man Schwache tragen, wird kein Christ zu Hause seyn.
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Zornlust, Haß und Eigensinn soll aus keiner Zucht erscheinen,
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Und die Ruthe, so da schlägt, muß der Kinder Bestes meinen;
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Wo hingegen Straf und Schärfe das Verbrechen übersteigt,
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Wird das edelste Gemüthe mehr gebrochen als gebeugt.
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Wilder Frevel ist es werth, daß ihn Draht und Geißel schwäche,
202
Und die Boßheit braucht Gewalt, daß man ihr den Starrkopf breche;
203
Aber Irrthum, Fall und Schwachheit, fällt ein Mensch auch noch so oft,
204
Fodert billig nichts als Liebe, die allzeit das Beste hoft.
205
Sucht ich mich auch noch so wohl unter Leuten aufzuführen,
206
Muß ich dennoch überall Glauben, Müh und Freund verlieren,
207
Wenn man hört, daß selbst der Vater, den ein gut Gerüchte schmückt,
208
Mich, sein Kind, nicht hören wolle. Sieh, mein Vater, was mich drückt;
209
Dadurch fällt mein zeitlich Wohl und das Heil des ganzen Lebens,
210
Alles, was ich denck und thu, wird durch deinen Zorn vergebens.
211
Sage mir, wem soll mein Herze auf der Welt wohl weiter traun?
212
Bin ich meiner Eltern Greuel, muß auch Fremden vor mir graun.
213
Stünd es mir auch zehnmahl frey, einen Vater zu erwehlen,
214
Würd ich dich doch in der Wahl alle zehnmahl nicht verfehlen;
215
Würdestu mir auch im Kittel vom Verhängnüß vorgestellt,
216
Käm ich doch aus deinen Lenden mit Vergnügung auf die Welt.
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Daraus stelle dir nur vor, welche Angst mich nächtlich preße,
218
Wenn ich deinen harten Sinn und des Kummers Angst ermeße,
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Der mir jezo meinetwegen Herz und Marck und Bein zerfrißt,
220
Weil mein Bild mit falschen Farben dir so schlimm geschildert ist.
221
Wenn du ja nicht anders wilt, will ich mich gern schuldig nennen,
222
Dir zu Liebe will ich mehr, als ich selber weis, bekennen.
223
Aber geh doch auch zurücke und erinnre dich der Zeit,
224
Da ich als ein Kind voll Hofnung dein und vieler Aug erfreut.
225
Mein Gehorsam, wie du weist, hat dir zwanzig Jahr gefallen;
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Was ich dann und wann verbrach, das geschicht von mir und allen.
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Furcht, Gesellschaft, Übereilung und des grünen Alters Glut
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Machen, daß man unterweilen wider beßer Wißen thut.
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Bin ich doch gestraft genung, daß der Zorn von höhern Schlüßen
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Unter so viel Ungemach meiner Jugend Blüth entrißen,
231
Daß mir so viel Gram und Wachen Kraft und Leben abgekürzt
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Und der Lästrer bittres Schäumen jeden Bißen Brodt verwürzt.
233
Stieß mir oft ein Glücke vor, kont ich solches doch nicht faßen,
234
Weil die Noth kaum einen Tag mein Gemüthe frey gelaßen
235
Und der eußerliche Mangel, den ein schlechtes Kleid bewies,
236
Bey der Mode Wind zu machen, mich beschämt entweichen hies.
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Was ich in das sechste Jahr überstanden und gelidten,
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Wie ich oft mit Wind und Schnee, Hunger, Hiz und Frost gestritten,
239
Das wird der am besten wißen, deßen reiche Vaterhand
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Mir noch immer einen Seegen unvermuthet zugewand.
241
Alles Schadens ohngeacht, den mein Leib dadurch bekommen,
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Hab ich, ohne Ruhm gesagt, an Erfahrung zugenommen.
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So viel Creuze, so viel Schulen, die mich warlich mehr gelehrt,
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Als man im Pedantenstaube von den Maulgelehrten hört.
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Darum danck ich vor den Haß, den mir Freund und Feind erzeiget,
246
Denn er hat den Muth gestählt und der Jugend Stolz gebeuget.
247
Doch, ihr Väter, du im Himmel und auch du auf dieser Welt,
248
Schont doch endlich, weil mein Alter noch in etwas Kraft behält!
249
Jezo beth ich Tag und Nacht bey so überhäufter Plage:
250
Nimm mich doch, mein Gott, nicht weg in der Hälfte meiner Tage!
251
Führe mich durch Creuz zur Weißheit, gieb mir aber auch dabey,
252
Daß ich klug, getreu, geduldig und der Welt noch nüzlich sey.
253
Welchen meine Stachelschrift ohne Grund zu nah getreten,
254
Denen sey es öfentlich und von Herzen abgebethen;
255
Scherz und Feuer und Exempel bringen oft den freyen Kiel
256
Durch den Ehrgeiz zu gefallen auf ein kühnes Dichterspiel.
257
Andre, die mir hier und dar nur von Hörensagen fluchen,
258
Werden so vernünftig seyn und es beßer untersuchen,
259
Eh sie einen Mensch verdammen, welcher das, was er begehrt,
260
Nehmlich Mitleid, Wuntsch und Liebe, jedem, der sie braucht, gewährt.
261
Ihr hingegen, die ihr euch in verborgnen Lastern wälzet,
262
Ruhm in fremder Schande sucht und aus Unrecht Silber schmelzet,
263
Die ihr Arglist, Geiz und Feindschaft so abscheulich schön versteckt
264
Und die Angeln eurer Boßheit stets mit Blumen überdeckt,
265
Mögt die Unart eurer Brust noch so fein und künstlich schmücken
266
Und mich, der ich liegen muß, noch so klug und sinnreich drücken,
267
Nur, damit nicht eure Schande, käm ich etwan in die Höh,
268
Aus den mir bekandten Winckeln einmahl auf den Schauplaz geh –
269
Thut es, aber wist zugleich, daß die Billigkeit der Rache,
270
Die sich niemahls spotten läst, schon die Striegel schärfer mache,
271
Die euch einmahl zum Gelächter den verlarvten Kopf zerreißt,
272
Ob mich gleich die Zeit noch warthen und die Klugheit schweigen heist.
273
Trozt nur auf mein Ungemach, seyd ihr doch noch nicht hinüber.
274
Hat euch gleich dem Ansehn nach Stern und Glücke fast noch lieber
275
Als den Samischen Tyrannen, der den Ring umsonst zerschmiß,
276
So verseht euch doch auch endlich seines Bades ganz gewis.
277
Du bescheidnes Vaterherz, zwinge dich, noch dies zu hören:
278
Nicht weil du mein Vater bist, nein, der Warheit blos zu Ehren,
279
Thu ich hier ein frey Bekäntnüß, daß das Kleinod deiner Treu
280
Und der längst erkandten Liebe auf der Welt mein Glücke sey.
281
Ja, ich seze dies noch zu: Wüst ich dir durch holdes Schmeicheln
282
Auch das reichste Vatertheil noch im Leben abzuheucheln,
283
Wäre deine zarte Regung gegen mich auch noch so groß,
284
Gäbstu sie mir zum Verschwenden in gemünzter Menge blos,
285
Wär es alles doch zu schwach, meinen Mund dahin zu bringen,
286
Dir ein unverdientes Lob eigennüzig abzusingen;
287
Wie ich mich und andre strafe, also stäch ich dir den Schwär,
288
Wenn dein Herz wie manches Vaters voller Tück und Boßheit wär.
289
Aber so getrau ich mir ohne Selbstbetrug zu glauben,
290
Daß, wofern mir Zeit und Kunst auf dem Pindus Plaz erlauben,
291
Einst die Warheit deines Ruhmes (mach ihn durch Versöhnung voll!)
292
Unter allen meinen Liedern noch am schönsten klingen soll.
293
Sonder Hochmuth sag ich noch: Was ich ja noch auf der Erde
294
An Verdienst, Gefälligkeit und an Glück erhalten werde,
295
Das verdanck ich deinem Seegen und der Sorgfalt im Erziehn,
296
Die mir zu dergleichen Früchten vollen Saamen dargeliehn.
297
Deiner Eltern Dürftigkeit lehrte dich bey Zeiten darben;
298
Was sie ehrlich, ob gleich schwer und mit Sparsamkeit erwarben,
299
Warf dir bey so viel Geschwistern wenig zum Studiren ab,
300
Dem gleichwohl dein Wohlverhalten nicht geringes Wachsthum gab.
301
Was vor Kummer hatte nicht dich, mein Vater, stets gebunden,
302
Bis du unverhoft den Siz in der armen Stadt gefunden,
303
Die dich bey nun dreißig Jahren in der Stille mäßig nährt
304
Und dir bei so schweren Zeiten, was du nöthig brauchst, bescheert.
305
Hätten Ehrsucht, Geiz und List die Begierden eingenommen,
306
Vor wie vielen wärestu da und dort ans Bret gekommen.
307
Hättestu mit krummen Räncken nach des Nachbars Gut geschnappt,
308
Hättestu wohl auch wie mancher Naboths Weinberg leicht ertappt.
309
Deine Kunst thut in der Still mit Geringem größre Curen
310
Als ein Prahler öfentlich, der mit theuren Goldtincturen
311
Und berühmten Polychresten Gruft und Beuthel täglich füllt
312
Und bey denen, die bald glauben, mehr als Paracelsus gilt.
313
Aber ach, was hastu viel von der Ehrligkeit im Heilen?
314
Pflegt man dir zur Perlenmilch ganze Schnuren mitzutheilen?
315
Bringen deine schwarze Tropfen, ob sie noch so kräftig sind,
316
Dir wie andern gelbe Raben? Nein. Was fehlt? Du machst nicht Wind.
317
Mache Wind und schwöre drauf; schneide, weil das Fieber währet;
318
Gieb den Bademüttern Recht, tröste, bis die Seel entfähret;
319
Koche fremde Tränck und Säfte, kostet's auch die lezte Ruh;
320
Röchelt schon der Tod im Munde, sez ihm nur mit Julep zu.
321
Säume, daß sich die Gefahr nur so spät als möglich lege;
322
Ist sie aber noch nicht da, gut, so bringe sie zuwege.
323
Schreib den Bezoar von Eyern vor ein Wunderpulver an
324
Und versprich der jungen Frauen ehstens einen beßern Mann.
325
Diese guldne Practica baut auch Pfuschern Haus und Wagen,
326
Diese macht, daß Jung und Alt nach dem großen Doctor fragen,
327
Welcher in dem naßen Zeichen Lung und Leber schwimmen sieht
328
Und mit seinem Bracatabra Würmer aus den Nieren zieht.
329
Nein, dein allzu ehrlich Herz flucht auf solche Klugheitsstreiche
330
Und begehrt nur, daß sein Brodt ohne Schulden täglich reiche.
331
Hastu doch wohl eh den Armen, die dein Fleiß umsonst geheilt,
332
Nicht mit Pharisäerhänden Brodt und Waßer mitgetheilt.
333
Friede, Demuth, Nüchternheit sind dir angebohrne Gaben;
334
Wenn der Magen und der Soff manchen in die Federn graben,
335
Stehstu schon bey deinen Bäumen mit gesund- und starcker Lust,
336
Bis du denn die Patienten auch noch früh besuchen must.
337
Und da sinckt dein wüster Kopf niemahls bei dem Kranckenbette,
338
Wie ich weis, daß Calidor noch bis heut zu laufen hätte,
339
Wenn er nicht mit truncknen Händen vor den Hals das Kinn berührt
340
Noch des Apotheckers Unschuld mit berauschter Schrift verführt.
341
Dein Verstand, dein Christenthum und dein unverlezt Gewißen
342
Werden dich zwar ohne mich in dem Jammer trösten müßen;
343
Dennoch kan dir mein Erinnern auch wohl etwas Trost verleihn,
344
Fällt doch oft den grösten Weisen in der Angst nicht alles ein.
345
Da du stets und überall recht geglaubt und wohl gehandelt
346
Und, so viel ein Mensch vermag, dem Geseze nachgewandelt,
347
Kan der Vorwiz nicht begreifen, welcher Grund des Höchsten Macht,
348
Der doch stets die Seinen schüzet, wider dich in Zorn gebracht.
349
Vor so viel getreuen Fleiß, den du allzeit angewendet,
350
Da du oft den besten Schlaf auf so vieler Ruh verschwendet,
351
Ist dein Vortheil ziemlich mager und der Arbeit selten gleich.
352
Unterdeßen schien der Schickung dies dein Armuth noch zu reich;
353
Den durch einunddreyßig Jahr schlecht genug erworbnen Seegen
354
Muste kaum ein halber Tag plözlich in die Asche legen.
355
Da doch wohl kein Scherf mit Unrecht Kalck und Stein zusammenhielt,
356
Welche die geschwinde Flamme fast bis auf den Grund durchwühlt,
357
Hebe dein betrübtes Haupt und ermuntre das Gesichte
358
Und vertiefe dich nur nicht in die heimlichen Gerichte,
359
Die der Rath der heilgen Wächter täglich zu bewundern giebt,
360
Sondern las es dir gefallen, weil Gott auch im Schlagen liebt.
361
Das Verhängnüß ist ja nichts als der Schluß vom höchsten Wesen,
362
Der die Fälle würcklich macht, die die Weißheit schon erlesen,
363
Als sie unter allen Dingen durch den ewigen Verstand
364
Diesen Weltbau, den wir schauen, überhaupt vor gut befand.
365
Freylich sah Gott auch vorher, was vor Schmerzen, Last und Bürden,
366
Elend, Sünden, Wuntsch und Flehn in die Reiche kommen würden,
367
Freylich sah er dieses alles und erwog zugleich dabey,
368
Daß der Mangel in den Theilen zu dem Ganzen nöthig sey;
369
Und so hat er auch dein Creuz vorgesehn und zugelaßen
370
Nach der weisen Gütigkeit, die gewis nicht alle faßen.
371
Durch dergleichen scharfe Proben, die er nur den Frommen gönnt,
372
Macht er, daß die Liebesflamme nach dem Himmel stärcker brennt.
373
Las die Spötter immerhin deine Gottesfurcht verlachen,
374
Las sie sich vollauf erfreun und in Sodom lustig machen,
375
Die Gefahr verfolgt ihr Schwelgen, Fall und Tod sind ihr Gewinn,
376
Und mit diesen Wollustknochen ist ihr ganzer Lohn dahin,
377
Naht sich doch ihr Ende schon, und das nehmen sie mit Schröcken.
378
Gott, was wird dein großer Tag dort vor Unterscheid entdecken!
379
Gott, was wird bey solchen Thoren, die so blind in Abgrund gehn,
380
Vor Verwundrung, Angst und Zagen und verlorne Reu entstehn!
381
Des Gerechten Freudigkeit, den sie hier so grausam plagen,
382
Wird ihr höhnisch Angesicht wie der Bliz zur Erden schlagen,
383
Und die Seeligkeit der Frommen nebst der Klarheit um ihr Haupt
384
Wird den Narren endlich zeigen, was sie nimmermehr geglaubt.
385
Freue dich der Herrligkeit, die den auserwehlten Seelen
386
Glanz und Unschuld wiedergiebt, wenn sie in den Marterhöhlen
387
Die Gedult genug bewiesen und mit viel Gebeth und Flehn
388
Hier aus Babels Sclavenhäusern dort nach Salem hingesehn.
389
Dorthin, treues Vaterherz, spart mein unverfälscht Gemüthe
390
Das verdiente Wiedergelt vor die Treue, vor die Güte,
391
Vor Ermahnung, Rath und Strafe, vor Gedult, vor manche Nacht,
392
Die ich auch der liebsten Mutter in der Kindheit lang gemacht.
393
Ach, mit was vor Zärtligkeit, Ehrfurcht, Jauchzen und Verlangen
394
Will ich dort euch beiderseits vor des Lammes Stuhl empfangen
395
Und im Chore vieler Tausend, die in weißen Kleidern stehn,
396
Als der Erstling eurer Liebe Gottes Lob an euch erhöhn.
397
Kümmre dich nur weiter nicht, wenn mich Haß und Neid verschwärzen;
398
Mein Gemüthe bleibet starck und behält die Ruh im Herzen,
399
Weil es auf die Wißenschaft mehr als Stand und Reichthum hält
400
Und ihm nichts als Gott und Warheit und des Nechsten Wohl gefällt.
401
Vater, wilstu noch an mir deines Alters Stab zerbrechen?
402
Vater, ach, bedenck es doch! Ach, was wird die Langmuth sprechen?
403
Vater, denckt denn deine Liebe gar an keine Wiederkehr?
404
Ach, ich bitte deinetwegen, mach uns nicht das Sterben schwer!
405
Las den demuthsvollen Kuß die Versöhnung wiederbringen;
406
Denn darauf, ich weis gewis, wird mir alles wohlgelingen.
407
Ich verspreche dir die Freude, die der Eltern Creuz versüßt,
408
Wenn das Wachsthum guter Kinder ihres Nachruhms Spiegel ist.
409
Deinen Seegen, dein Gebeth schäz ich über große Güter;
410
Dieser Beyfall, dieser Ruhm, den die ehrlichsten Gemüther
411
Deiner Frömmigkeit ertheilen, ist ein Vorzug, der dich ehrt
412
Und auch mir als deinem Sohne durch das Erbgangsrecht gehört.
413
Es ist niemahls mein Gebrauch, große Dinge zu begehren
414
Noch des Himmels mildes Ohr mit viel Wüntschen zu beschweren,
415
Weis doch dieser selbst am besten, was die Nothdurft haben will:
416
Giebt er mir dein Herz bald wieder, schweig ich gern zu allem still.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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