Bey so nahen Todeszeichen

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Johann Christian Günther: Bey so nahen Todeszeichen Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Bey so nahen Todeszeichen
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Zittert meine Schwachheit nicht;
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An der Seite kalter Leichen
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Weis ich, daß mein Joch zerbricht.
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Andre mögen schwizen liegen
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Und vor Zagheit kläglich schreyn,
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Ich erblicke mit Vergnügen
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Den erwüntschten Abendschein.

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Müder Geist, hör auf zu klagen,
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Kampf und Lauf sind bald vollbracht;
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Die Empfindung aller Plagen
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Schwindet in der lezten Nacht,
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Wo mich kein Verfolger dränget,
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Wo mich keine Furcht mehr schröckt,
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Die sich hier in alles menget
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Was noch etwan Lust erweckt.

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Strebe nun nicht mehr nach Dingen,
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Die ein eitler Wuntsch begehrt;
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Was wir außer uns erschwingen,
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Ist vorwahr der Müh nicht werth.
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Las die Sehnsucht, viel zu wißen,
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Nebst der Ruhmbegierde fliehn;
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Die Gewalt von höhern Schlüßen
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Läst dadurch dein Glück nicht blühn.

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Glaube nur, auf deine Bitte
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Wird kein Zeiger rückwärts gehn,
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Und des morschen Leibes Hütte
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Kan so lange nicht mehr stehn.
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Feuer, Muth und Kraft verrauchen,
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Und indem ich klüger bin,
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Zeit und Jugend erst zu brauchen,
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Sind sie wie ein Schatten hin.

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Was verzögerstu so lange?
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Reiß dich doch mit Großmuth los!
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Macht dir so ein Wechsel bange?
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Die Verändrung ist zwar groß;
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Doch beherzt! aus diesem Leben
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Ist in jenes nur ein Schritt,
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Und du kanst dich froh erheben,
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Weil die Weißheit mit dir tritt.

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Diese lies dich oftmahls hören,
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Wie man ruhig sterben kan;
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Dir gefielen ihre Lehren,
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Wende sie zum Vortheil an!
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Zeige, wie vorher im Leide,
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Daß dein unerschrockner Muth
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Dich vom Pöbel unterscheide,
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Der am Ende kläglich thut.

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Wohl, mein Geist, ich seh und mercke
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Deines Glaubens Zuversicht
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Nebst der ungemeinen Stärcke,
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Die schon aus dem Kercker bricht.
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O welch innerlich Ergözen
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Macht mich erst im Tode reich!
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Der Genuß von allen Schäzen
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Kommt der Wollust wohl nicht gleich.

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Fleuch, mein Geist! Nein, bleib und säume,
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Bis noch eine Lebenspflicht
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Durch den Abschied kurzer Reime
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Von dem lezten Willen spricht.
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Ihr Verleumder dürft nicht lachen,
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Daß mein Hausrath Armuth ist;
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Günther kan noch was vermachen,
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Warum wär er sonst ein Christ?

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Schöpfer, nimm mein Blut und Leben,
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Nimm das anvertraute Pfund,
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So du mir an Wiz gegeben,
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Und gedenck an deinen Bund.
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Wuchert gleich mein Fleiß im Kleinen,
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Ist er dennoch hoch gebracht,
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Wenn sein Beyspiel auch nur einen
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In der Warheit fest gemacht.

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Held, auf den ich mich verlaße,
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Richter, Schaz und Seelenfreund,
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Den ich brünstiger umfaße,
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Als wohl niemand denckt und meint,
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Nimm, was du dir selbst erlesen,
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Nimm und heb mein Schuldbuch auf!
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Will es ja die Rache lesen,
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O so blute vor darauf!

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Geist des Trostes und der Gnade,
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Die mir liebreich nachgeeilt
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Und im ersten Sündenbade
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Schon die Seeligkeit ertheilt,
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Lege meines Glaubens Siegel,
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Leg es zur Verwahrung bey,
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Bis es dort auf Salems Hügel
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Meiner Stirne Brautschmuck sey.

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Buße, fang mit milden Thränen,
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So mir jezt in Augen stehn
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Und mit wehmuthsvollem Sehnen
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Zur Erbarmung opfern gehn.
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Kan sie deine Hand nicht faßen,
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Suche des Erlösers Grab,
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Der sein Schweißtuch hinterlaßen;
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Dieses trocknet alles ab.

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Euch, ihr Sünden meiner Jugend,
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Ohne die so leicht kein Mann
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Weder zu Verstand noch Tugend
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Auf der Welt gelangen kan,
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Euch Gefehrten grüner Jahre
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Schenck ich der Vergeßenheit,
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Die mit euch in Abgrund fahre.
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Ach, wie dauret mich die Zeit!

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Feinden, welche meinem Schmerze
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Mit Gespötte zugesehn,
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Las ich mein versöhnlich Herze
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Statt der Rache vor ihr Schmähn;
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Freunden, die sich nur so schreiben
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Und von Joabsbrüdern sind,
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Soll mein Creuz und Kummer bleiben,
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Bis die Beßrung Kraft gewinnt.

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Herz und Adern wollen springen,
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Da ich halb verzweiflungsvoll
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Durch kein Flehn noch Händeringen
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Dich, mein Vater, rühren soll,
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Dich, mein Vater, deßen Güte
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Durch des Aberglaubens List
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An dem redlichsten Gemüthe
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Zur Tyrannin worden ist.

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Unterdeßen will ich schweigen
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Und nach meinen Pflichten thun.
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Läst mich dein erhizt Bezeigen
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Auch nicht in der Grube ruhn,
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So erwarth ich deine Liebe
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In der Ewigkeit aufs neu
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Mit dem Wuntsche reiner Triebe,
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Daß dein Tod ohn Unruh sey.

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Breßler, Kluge, Scharf und Mencke,
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Haben mehr an mir gethan,
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Als ich kaum, wie weit ich dencke,
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Ihnen Lob erfinden kan.
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Väter armer Pierinnen,
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Seyd zufrieden, wenn mein Geist,
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Euer Mitleid zu gewinnen,
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Einen Blick voll Ehrfurcht weist.

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Du mein Unglück auf der Erden,
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Allerliebste Redligkeit,
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Die du mich bey viel Beschwerden
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Gleichwohl als mein Schaz erfreut,
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Geh nun aus der Marterkammer,
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Aus der Höhle meiner Brust,
143
Da du dir zum grösten Jammer
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Allzeit selber schaden must.

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Geh und suche beßer Glücke
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Und ein würdig Haus vor dich!
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Sieh nur, was ich schon erblicke:
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Beuchelts Herz eröfnet sich.
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Zeuch allhier mit meinem Seegen
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Und mit der Versichrung ein,
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Günther hofe deinetwegen,
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Seiner Freundschaft werth zu seyn.

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Treuer Candor in der Ferne,
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Der du mich zuerst gelehrt,
155
Was zur Wißenschaft der Sterne
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Und zur Seelenruh gehört,
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Dir bescheidet meine Baare,
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Die kaum sechsundzwanzig zehlt,
159
Jenen Rest der Lebensjahre,
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Der mir noch zum Alter fehlt.

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Was ich etwan noch vor Gaben
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In der Armuth übrig weis,
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Sollt ihr drey Vertrauten haben:
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Hofnung und Gedult und Fleiß.
165
Brüder, last euch diese führen
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Und erhebt euch in die Welt,
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Bis dadurch auch mein Studiren
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Erst in euch den Lohn erhält.

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Aber, ach, welch zärtlich Weinen
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Zieht mir jezt das Herz empor?
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Kommen Seufzer aus den Steinen?
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Oder teuscht ein Traum mein Ohr?
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Phillis schwebt mir in Gedancken,
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Phillis, das getreue Kind.
175
Jezo will die Großmuth wancken,
176
O was Hofnung geht in Wind!

177
Phillis, die mich lieben würde,
178
Wenn mein Elend noch so schwer
179
Und die ärmste Schäferhürde
180
Ihre Morgengabe wär,
181
Phillis, die an Geist und Gliedern
182
Gleiche Kraft und Schönheit trägt
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Und, die Treue zu erwidern,
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Sich schon kranck darnieder legt.

185
Holde Liebe, sey geseegnet!
186
Geh zur Phillis, sprich ihr zu,
187
Daß sie, wenn ihr Antliz regnet,
188
Nur nicht gar zu heftig thu.
189
Sprich, ihr Herz und Angedencken
190
Hab ein großes Theil von mir;
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Wird man denn auch sie versencken,
192
Sterb ich noch einmahl in ihr.

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Sage, du begrifne Leyer,
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Wem ich dich vermachen darf.
195
Tausend wüntschen dich ins Feuer,
196
Denn du raßelst gar zu scharf.
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Soll ich dich nun lodern laßen?
198
Nein; dein niemahls fauler Klang
199
Lies mich oft ein Herze faßen,
200
Und verdienet beßern Danck.

201
Soll ich dich dem Phoebus schencken?
202
Nein; du bist ein schlechter Schmuck,
203
Und an Helicon zu hencken,
204
Noch nicht ausgespielt genug.
205
Opiz würde dich beschämen,
206
Flemming möchte widerstehn;
207
Mag dich doch die Warheit nehmen
208
Und mit dir hausieren gehn.

209
Auf, mein Geist! Nun fällt der Kummer
210
Eher, als du selbst geglaubt.
211
O was vor ein sanfter Schlummer
212
Warthet auf mein müdes Haupt.
213
Stolzer Neid, hör auf zu pochen,
214
Oder, bistu noch nicht satt,
215
O so friß an meinen Knochen
216
Und verschone dieses Blat!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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