Wo ist die Zeit, die güldne Zeit

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Johann Christian Günther: Wo ist die Zeit, die güldne Zeit Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Wo ist die Zeit, die güldne Zeit,
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Wo sind die süßen Stunden,
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Worin ich von der Eitelkeit
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Noch wenig Gram empfunden?
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Ich war ein Kind, ich trieb mein Spiel,
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Das selbst der Unschuld wohlgefiel,
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Und durft an keinem Morgen
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Vor Kleid und Nahrung sorgen.

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Die Einfalt gab mir Fried und Ruh,
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Der Unverstand viel Glücke;
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Es sazte mir kein Zweifel zu,
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Viel minder Neid und Tücke;
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Kein Ehrgeiz plagte Geist und Sinn,
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Ich lebt in aller Hofnung hin
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Und fühlte kein Entzünden
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Noch unbekandte Sünden.

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Ich schwör es, die Zufriedenheit
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Der armen Christtagsbürde
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War dort von größrer Zärtligkeit,
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Als wenn ich Domherr würde.
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Der Eindruck von derselben Lust
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Erwacht mir noch in Marck und Brust,
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So oft ich nur die Lehre
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Des Weihnachttextes höre.

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Von Fabeln bey der Rockenzunft
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Empfand ich mehr Vergnügen
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Als jezt von Schlüßen der Vernunft,
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In welchen Knoten liegen.
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Ja, wenn mir auf der Ofenbanck
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Ein Lied vom deutschen Kriege klang,
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So schien die alte Grete
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Mein künstlichster Poete.

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Ein Garthen, den des Vaters Schweiß
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Stets vor der Thauzeit nezte,
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Versüßte mir den Bücherfleiß,
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Womit er mich ergözte.
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Oft war ein Nest voll Vögel da,
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Da klang ein froher ?????a
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Als deßen kaum geklungen,
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Der aus dem Bad entsprungen.

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Die Nachbarskinder ließen mir
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Die Ehre, sie zu lencken;
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Da spielt- und lacht- und sprungen wir
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Auf Rasen, Berg und Bäncken.
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Was dieser hört und jener sah,
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Das in der großen Welt geschah,
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Das sucht auch ich mit vielen
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Im Kleinen nachzuspielen.

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Der Schweden Beyspiel weckt einmahl
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In uns viel Andachtsflammen,
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Wir knieten in gehäufter Zahl
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Auch öfentlich zusammen;
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Der Eifer war mehr Ernst als Schein,
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Und unser täglich Himmelschreyn
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Hat etwan auch viel Plagen
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Des Vaterlands verschlagen.

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Wie ernstlich war ich dort ein Christ!
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Wie brannt oft mein Verlangen,
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Dich, der du unser Heiland bist,
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Persönlich zu umfangen!
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Wie freudig dacht ich an den Tod!
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Ach Gott, gedenck einmahl der Noth,
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Vor die ich als ein Knabe
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Vorausgebethet habe.

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Mit was vor Liebe, Trost und Treu
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Kont eins das andre klagen,
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Wenn etwan blinde Tyranney
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Das Stiefkind hart geschlagen!
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Wir stritten leicht, doch aller Streit
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War stündliche Versöhnligkeit,
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Und von der Eltern Gaben
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Must jeder etwas haben.

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Jezt lern ich leider allzufrüh
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Des Lebens Elend kennen.
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Es ist doch nichts als Wind und Müh,
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Wornach wir sehnlich rennen;
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Es gauckeln Reichthum, Stand und Kunst,
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Die Wollust macht nur blauen Dunst,
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Und was wir so begehren,
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Muß allzeit Reu gebähren.

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Mein eignes Creuz ist überhaupt
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Ein Bündnüß aller Schmerzen
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Und geht mir, weil es niemand glaubt,
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Empfindlich tief zu Herzen.
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Ach Himmel, mindre meine Qual!
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Wo nicht, so las mich doch einmahl
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Nur eine Gunst erwerben
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Und mehre sie zum Sterben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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