Egypten stieg vordem an Stärcke

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Johann Christian Günther: Egypten stieg vordem an Stärcke Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Egypten stieg vordem an Stärcke
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So wie an Ehrgeiz und Verstand
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Und legte Reichthum, Sinn und Hand
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An lauter seltne Wunderwercke,
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Von welchen noch der halbe Rest
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Und manche tief verfallne Mauer
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Nicht sonder einen heilgen Schauer
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Die alte Größe kennen läst.

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Der Baukunst seltnes Meisterstücke
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War überhaupt der Tempelpracht;
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Die Dächer warfen in der Nacht
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Den Sternen ihren Schein zurücke;
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Werth, Arbeit, Marmor und Metall
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Vermehlten ihre Kostbarkeiten
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Und trozten fast auf allen Seiten
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Sowohl die Schönheit als den Fall.

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Strahlt außen so ein Lustgepränge,
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Wie herrlich wird's von innen seyn!
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Kommt mit, last sehn! Was nimmt euch ein?
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Ein Eckel vor der Gözen Menge.
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Hier steht ein scheuslich Afenbild
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Nebst Fischen, Kazen, Hund- und Ziegen,
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Dort seht ihr einen Pfafen liegen,
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Den Blut und Sof mit Andacht füllt.

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Ihr flieht mit Grauen aus dem Tempel.
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Ach, aber flieht doch selbst aus euch:
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Ihr seyd dem Gözenhause gleich,
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Ihr seht und seyd auch ein Exempel.
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Euch Heuchler fahr ich christlich an,
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Euch, euch, ihr übertünchten Wände,
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Euch, derer Schmincke böser Hände
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Die Lauge nicht vertragen kan.

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Ihr schmeichelt mit gelaßnen Blicken,
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Ihr gebt Gedult und Sanftmuth vor
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Und wist des Pöbels Herz und Ohr
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Mit holder Andacht zu berücken;
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Ihr puzet Canzel und Altar,
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Last Arm- und Wittwenhäuser bauen,
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Ihr bethet, singt und weint als Frauen
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Und bannt die Kezer alle Jahr.

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Wie steht es aber um die Herzen?
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Da nisten Unversöhnligkeit,
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Haß, Hochmuth, Zwietracht, Zorn und Streit.
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So fahrt nur fort, mit Gott zu scherzen!
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Ihr seyd der Rache nicht zu klug;
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Sie wird euch, ohne zu verkennen,
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Die Larven vom Gesichte brennen,
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Und dies noch allzeit früh genug.

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Es sind zwar alles schwere Sünden,
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Und keine scheint so schlecht und klein,
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Sie muß des Todes schuldig seyn
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Und unbereut die Hölle finden;
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Doch eures Lasters Wichtigkeit,
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Ihr aufgeblasnen Pharisäer,
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Geht darum tausend Stafeln höher,
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Weil keine Beßrung Trost verleiht.

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Du Abgrund von des Höchsten Gnade,
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Du Geist des Trostes und Gebeths,
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Erinnre mich doch jezt und stets
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Der Reinigung vom Sündenbade.
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Mein Herz wird vor dein Heiligthum
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Als ein befleckt Gefäß erfunden,
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Drum wasch es in des Heilands Wunden
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Und geuß es durch dein Feuer um.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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