Mit dem im Himmel wär es gut

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Johann Christian Günther: Mit dem im Himmel wär es gut Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Mit dem im Himmel wär es gut,
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Ach, wer versöhnt mir den auf Erden?
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Wofern es nicht die Liebe thut,
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Wird alles blind und fruchtlos werden,
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Wer glaubt wohl, hartes Vaterherz,
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Daß so viel Unglück, Flehn und Schmerz
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Der Eltern Blut nicht rühren sollen?
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Ich dächt, ich hätt in kurzer Zeit
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Die allerhärtste Grausamkeit
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Blos durch mein Elend beugen wollen.

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Ich bin und bin auch nicht verwaist;
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Dies Räthsel kostet mich viel Thränen.
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Ach Vater, bistu, was du heist,
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So höre mein gerechtes Sehnen.
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Ich küße dich mit Mund und Hand;
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Du kanst ja wohl dies Ehrfurchtspfand
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Nicht ganz und gar zurückeschlagen.
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Verschmähst auch du dies Lösegeld,
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Zu welchem soll ich auf der Welt
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Mehr Neigung, Herz und Zuflucht tragen?

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Ich bitte, prüfe Straf und Schuld.
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Dein Eifer streckt sich in die Länge,
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Er stiehlt mir aller Gönner Huld,
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Er mehrt der Feinde Spott und Menge,
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Mein künftig Wohlseyn geht in Grund.
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Verleumdet uns der Eltern Mund,
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Was wollen Fremde thun und glauben?
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Behält dein Herz noch eine Spur
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Der ehmahls gütigen Natur,
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So mustu mir die Frag erlauben:

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Wer sündigt mit Entschuldigung,
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Der alle Rechte Statt vergönnen?
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Die Strafe dient zur Beßerung,
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Ja, wenn wir sie gebrauchen können;
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Allein, wer gar zu Boden liegt
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Und nirgends Rath noch Hülfe kriegt,
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Der ist den Krancken beyzuzehlen,
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Die, wenn der Brand das Haupt gewinnt,
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Ohn eigne Schuld vernunftlos sind
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Und Gift vor Mithridat erwehlen.

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Was bringen dich vor Laster auf,
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Und was vor Boßheit reizt die Rache?
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Was ist, wodurch mein Lebenslauf
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Der Eltern Zucht zu Schanden mache?
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Ich falle, ja, wie jeder fällt,
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Dem Fleisch und Jugend Neze stellt;
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Und hätt ich etwas Grobs begangen,
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So würde nach bewiesner That
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Ein Strafbrief und geheimer Rath
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Viel mehr als Fluch und Schimpf verfangen.

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Was zwischen uns vor Streit geschehn,
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Was darf denn dies die Misgunst hören?
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Sie wird sich desto stolzer blehn,
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Auch dir gereicht es nicht zu Ehren,
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Sie misbraucht deinen frommen Sinn
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Und schwärzt mich anders als ich bin.
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Ach schone doch dein eignes Herze.
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Der Himmel weis, ich klage dich;
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Du weinst und traurest über mich
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Und machst dir Lüg und List zum Schmerze.

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Sieh endlich, wenn du ja so wilst,
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So will ich mich verloren nennen
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Und, weil du mich in Larven hüllst,
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Auch mehrers, als ich weis, bekennen.
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Hält Demuth oft die Tyranney
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Und macht die Buße Sclaven frey,
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So muß auch dir das Herze brechen.
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Ich falle dir in Zorn und Arm,
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Ach, Vater, Vater, ach erbarm
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Und las die Thränen weiter sprechen.

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Du hast mit großer Lieb und Müh
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Gezeugt, ernährt, gelehrt, gezogen,
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Und daß ich schon an Künsten blüh,
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Das zeigt, dein Fleiß sey nicht betrogen.
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Verwirfstu jezo deinen Sohn,
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So kommstu endlich um den Lohn:
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Wer wird dein Trost im Alter bleiben?
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Wer wird dein Frommseyn und dein Leid,
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Dein Wohlthun, deine Redligkeit
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Der Nachwelt zum Exempel schreiben?

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Ach, mach uns nicht das Ende schwer,
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Ich will mit Lust noch größre Plagen,
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Und wenn es selbst dein Sterben wär,
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Als solchen Haß noch länger tragen.
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Der Nothzwang lehrt uns freylich viel.
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Versöhnt dich weder Mund noch Kiel,
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So ist doch nichts umsonst geschrieben;
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Die Welt erfährt den treuen Sinn,
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Womit ich dir ergeben bin,
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Du magst mich haßen oder lieben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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