Gesundheit, Glück und Trost und alles ist nun hin

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Johann Christian Günther: Gesundheit, Glück und Trost und alles ist nun hin Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Gesundheit, Glück und Trost und alles ist nun hin.
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Mich wundert, daß ich noch der Feder mächtig bin;
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Allein sie merckt es fast, wer da, nicht ich, geschrieben:
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Der Himmel sey verehrt, der, da mich vieles preßt,
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Mir gleichwohl noch den Schaz von wenig Freunden läst,
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Die nicht aus Eigennuz noch blinder Einfalt lieben.

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Du bist, ich rühme mich auch bey der Spötter Hohn,
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Von meiner Poesie der erstgebohrne Sohn
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Und crönst dadurch mein Haupt mit neuen Lorbeerzweigen,
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Mein Herz ist von Natur so gut und treu gesinnt;
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Sobald ein Mensch nur Lust zur Wißenschaft gewinnt,
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So wallt es vor Begier, ihm Rath und Weg zu zeigen.

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Ich hab ein kleines Pfund an Weißheit und Verstand;
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Es würde dann und wann mit Nuzen angewand,
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Wofern nur Feind und Noth den Vorsaz nicht betrögen.
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Jedennoch wenn auch nur ein einzig Wort bekleibt
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Und mancher, der mir buhlt, dem Zwecke näher treibt,
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So tröstet sich mein Geist, er wuchre nach Vermögen.

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Ein grog- und rauher Stein macht Eisen blanck und scharf.
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Dies Gleichnüß zieh auf mich. Wofern ich rathen darf,
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So folge, werther Freund, dem aufgegangnen Lichte,
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Bau eifrig auf den Grund, den Wolf und Leibniz legt,
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Lis, prüfe, denck und schreib; was eigner Fleiß nicht regt,
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Das, wär es noch so gut, kriegt selten reife Früchte.

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Erkennestu auch dich und vieles, was die Welt
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Der forschenden Vernunft zur Übung vorgestellt,
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So fang behutsam an, dein Glücke fest zu sezen,
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Versorge Seel und Leib und sez ihr Heil in Ruh.
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Rast außen Neid und Sturm, so sieh mit Großmuth zu
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Und lerne Farben, Schein, Beweis und Warheit schäzen.

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Bewirb dich um den Kranz der wahren Dichterkunst;
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Sie ist der Weißheit Schmuck und bringt der Nachwelt Gunst;
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Wir leben, stirbt das Fleisch, im klugen Angedencken;
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Sie weckt, besänftigt, straft, erbaut, ergözt und nüzt,
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Giebt Enckeln Lust und Muth und macht den Geist erhizt,
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Der Warheit, die man hast, ein gütig Ohr zu schencken.

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Die Alten gehn dir vor; die nimm und lis mit Fleiß.
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Ihr Vorzug kostet sie viel Nächte, Kunst und Schweiß.
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Virgil beschreibt genau, Homer bewegt und lodert,
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Anacreon macht voll, Catull kan zärtlich seyn,
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Horaz ist reich und hoch, der Schwan von Sulmo rein,
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Und was der Sappho fehlt, ist, daß man mehrers fodert.

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Der Neuen Kunst fällt ab; doch geht Petrarcha mit,
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Der nebst noch wenigen die rechte Straße tritt.
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Sonst haß ich insgemein der Welschen hohe Grillen.
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Was Ludwigs Gnadenglanz in Franckreich aufgeweckt,
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Im Boileau, Racine und Moliere steckt,
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Das kan ja auch die Lust gelehrter Sehnsucht stillen.

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Der Deutsche kommt fein spät. Vom Opiz halt ich viel;
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Der Geist des alten Gryph und Flemmings gründlich Spiel
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Verdient die Ewigkeit so gut als Neukirchs Flöthe;
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Im Caniz find ich Gold; die edle Lindenstadt
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Versteht nicht, was sie schon an Rabners Satyr hat;
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Und manchem fehlt August, sonst würd er ein Poete.

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Verdirb dein Urtheil nicht durch vielerley Geschmack,
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Hab einen weisen Freund, der scharf erinnern mag.
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Schreib wenig, aber gut, und schreite nicht auf Stelzen.
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Und da der Phoebus stets dem Volcke, das er liebt,
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So wie auch Helden, nichts als Ruhm und Lorbeer giebt,
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So halt es dir vor Schimpf, mit Reimen Geld zu schmelzen.

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Du wilst nunmehr Bericht. Sobald ich Dresden lies,
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Beweint ich brünstiglich der Sachsen Paradies.
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Bis Hirschberg hielt der Fuß, drauf hinckt er, doch mit Freuden,
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In Meinung, sich davor in Striegau Guts zu thun.
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Hier dacht ich mir einmahl mit Frieden auszuruhn
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Und in der Eltern Schoos der Lästrer Pfeil zu meiden.

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Ich gieng, ich kam und sah, ach, leider nichts als Leid.
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Kein Vater lies mich vor. So viel vermag der Neid
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Und List und Eigensinn und Haß und Aberglauben.
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Die treue Mutter lag, die Schwester weint und schwieg.
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Ich zog mit Wehmuth aus; lieg, armes Striegau, lieg,
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Ich mag schon keinen Scherf aus deiner Asche klauben.

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Zwo Meilen führten mich nach Schweidniz bey der Nacht;
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Die Ankunft ward sogleich der Misgunst zugebracht,
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Der Misgunst, der ich dort viel Hecheln angehangen.
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Die Feinde drohten Lerm und schritten schon zur That.
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Bleib, Schweidniz, was du bist, ich kenne deinen Rath
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Und habe schon in dir mein Gutes längst empfangen.

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Mit Sorgen, ohne Geld und durch die krümmste Bahn
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Gelangt ich wunderlich im großen Breßlau an.
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Ich zecht auf Kreide los. Was hilft's? Die Noth lehrt bethen.
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Man sperrte mir das Maul mit viel Befördrung auf;
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Der Wind kam hinten nach und trieb mich hintern Lauf,
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Eh Wafen, Feind und Schuld den kurzen Paß vertreten.

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Zwey Stücke rühm ich noch. Des klugen Breßlers Haus
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Gewann mein Dichten lieb. Hier wurden Schlaf und Schmaus
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Mit Lustgesprächen, Wein und Versen aufgezogen.
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Voraus entzückte mich der schönen Wirthin Geist,
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Die Salz und Feuer führt und in der Feder weist,
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Es hab ihr die Natur viel Pfunde zugewogen.

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Mit was vor Lust und Schmerz gedenck ich noch an dich,
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Du ruhiges Camin! Bey dir ergözten mich
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Ein Baro in der That und einer nach dem Nahmen;
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Der lezte scherzt galant, der erste spricht gelehrt,
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Kennt Wirthschaft, Hof und Vers. Was ward da nicht gehört,
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Wenn Thor und böse Zeit uns auf die Zunge kamen!

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Noch jenseit blickt ein Schloß auf unsern Oderstrand;
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(die Spötter suchen hier das Besenbinderland;)
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Auf diesem lernt ich auch, daß alte Gunst nicht roste.
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Was thut nicht, dencke nach, Trunck, Freyheit, Liebe, Nacht?
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Sobald der zwölfte Schlag das Volck zur Ruh gebracht,
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Vergaßen wir der Noth bey selbst gewürztem Moste.

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Ein traurig Lebewohl beschloß die keusche Lust.
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O Himmel, daß du stets so grausam wechseln must!
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Ich riß mich brünstig los, sie sah betrübt zurücke.
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Verstehstu, wie man liebt, so bild es dir nur ein,
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Was Thränen solcher Angst vor Scheidewaßer seyn;
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Ich fühl es, wenn ich nur das Abschiedslied erblicke.

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Es geht auf Lauben zu: Ich meße Thal und Höh
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Durch Graben, Regen, Wind, Frost, Unruh, Angst und Schnee.
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Wie manches Nachtquartier beschwert mir Kopf und Lenden!
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In Jauer stärckt mich Gorn, ein alt- und treuer Freund,
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Mit Bette, Tisch und Rath und dem, was trostreich scheint,
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Von Leuten meiner Qual Verzweiflung abzuwenden.

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Mit Noth erreich ich noch die Gränzstadt um den Queis,
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Um den sich jezt das Volck wohl kaum zu nähren weis.
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Die Armuth henckt sich auf, der Reiche will verzagen;
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Der Hunger speist mit Lust von Eicheln, Rind und Stroh;
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Kein Gleichnüß gleicht der Noth; in Cabul war es so
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Und dort, wo Mosis Stab den dürren Fels geschlagen.

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So komm ich überall dem Elend eben recht.
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Hier lieg ich nun gestreckt, die Kräfte sind geschwächt;
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Den Schenckel will der Fluß, der Gram das Herze freßen;
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Der Nordwind deckt mich oft mit Flocken durch das Dach.
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Kein Freund, kein Mensch, kein Hund erfährt mein Ungemach;
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Dies kan ich auch sogar im Schlafe nicht vergeßen.

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Muß ist ein schwerer Trost, doch ist's ein Trost vor den,
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Der, was er mit Vernunft zuvor schon übersehn,
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Auch durch Erfahrung lernt: Die Vorsicht kan nicht wancken.
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Wer ist ein Thor und flucht auf Wetter, Zeit und Ort?
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Der Schickung starcker Trieb geht ungehindert fort,
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Ohn Absicht auf den Wuntsch verdrießlicher Gedancken.

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Gott lege, was er will und was mir zukommt, auf.
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Er wird und darf auch nicht den wohlbestellten Lauf
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Der großen Creatur erst mir zu Liebe stören.
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Sein Zweck ist überhaupt des Weltgebäudes Heil;
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Wir, ich und auch mein Creuz, sind davon nur ein Theil
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Und müßen auch den Schmuck der ganzen Ordnung mehren.

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Dies mercke, werther Freund. Und drückt auch dich ein Joch,
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So schlepp es freudig mit. Mein Herz empfindet noch;
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Die Seele der Gedult will ich die Hofnung nennen.
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Das Glücke schläft recht aus, wofern ich scherzen mag,
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Damit, wenn einmahl kommt sein Auferstehungstag,
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Wir desto muntrer seyn und länger wachen können.

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Das Ansehn unsrer Zeit droht Ländern hier und dar,
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Man braucht nicht weit zu sehn, viel Jammer und Gefahr.
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Ach armes Schlesien, du liegst zu nah an Polen.
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Gewis, wir haben viel und große Ding erlebt;
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Las seyn, daß alles bricht und Erd und Abgrund bebt,
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Ein Weiser weis den Trost blos in sich selbst zu holen.

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Carl hat Verdienst und Macht, der Herr ist Tempel werth.
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Er siegt in West und Ost und giebt auf Blut und Schwerd
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(was könt er Größers thun?) den Völckern Schuz und Friede.
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Wer weis, wie unverhoft sein Arm in deutscher Luft
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Der Musen göldne Zeit aus ihren Winckeln ruft?
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Europa, mache nur der Feinde Thorheit müde!

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Der Herr, der Cronen nimmt, auch Cronen giebt und hält,
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Erhalte Rudolphs Stamm, das Wunder unsrer Welt,
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Und mehre durch sein Blut den Saamen der Gerechten.
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So lange Carl noch lebt und Sachsens Raute blüht,
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So lange fürcht ich nicht, so schlecht es immer sieht,
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Daß Neid und Barbarey in Deutschland siegen möchten.

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Was etwan übrig ist, (die Dinte wird fast hart)
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Das hast der Reime Zwang und will nur Gegenwart;
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Ich habe viel mit dir, es wird sich ehstens schicken.
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Schreib, eile, sey nicht kurz. Ein Säugling sucht die Brust;
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Die Sehnsucht, edler Freund, hat auch nur halbe Lust,
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Den Kuß, der dir gehört, auf kalt Papier zu drücken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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