Dir, der du aus bewiesnen Schlüßen

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Johann Christian Günther: Dir, der du aus bewiesnen Schlüßen Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Dir, der du aus bewiesnen Schlüßen
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Recht, Ordnung und Natur verstehst
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Und mit Vernunft dem Joch entgehst,
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Das Neid und Pöbel tragen müßen,
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Dir, edler Freund, vertraut mein Kiel
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Des Glückes langes Trauerspiel,
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Wodurch ich Ärmster auf der Erde
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(die Thränen brechen Reim und Wort
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Und schießen mit der Hofnung fort)
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Den Leuten zum Gelächter werde.

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Das Leben ist der Rest der Güter,
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Wovon mich Haß und Glut entblößt;
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Des Vaters Eigensinn verstößt
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Auf Reizung giftiger Gemüther.
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Hier ist kein Weg zur alten Treu;
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Die Beßrung hält er Heucheley,
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Weib, Pfafen, Neid und Aberglauben
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Beflügeln seines Eifers Lauf
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Und wühlen meine Lieder auf,
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Aus Vorwiz, Gift herauszuklauben.

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So bin ich auf den Boßheitsbühnen
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Geschleppt, gerichtet und verdammt.
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Läst Gott sein hohes Richteramt
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Den Thoren zum Gespötte dienen?
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So mancher, dem ich in Gefahr,
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Der Himmel kennt ihn, dienlich war,
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Bezahlt mir Treu und Fleiß mit Lachen.
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Dies fährt und frißt wie Salz ins Marck
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Und zieht die Sehnen noch so starck,
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Als müst ich auf der Folter wachen.

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In Juvenals gewißem Dichten
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Stehn Leute, derer Lastergeist
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Sich mit Gewalt zur Sünde reißt,
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Die Nechsten, Gott und alles richten:
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Die, so des keuschen Ehstands Frucht
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Mit Bädern zu verhalten sucht,
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Der, welcher Wais- und Wittwen dränget,
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Der, so vom Opfergelde spielt,
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Ein andrer, der sein Amt bestiehlt
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Und Hüttenrauch in Perlen menget.

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Die fluchen noch mit frömmsten Scheine
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Der Jugend, die sich leicht vergeht;
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Wenn irgendwo ein Glück entsteht,
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So wirft ihr Zorn den Weg voll Steine.
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Ich weis, ich fehl in mancher That;
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Doch könten Hülfe, Zeit und Rath
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Und Freund und Alter alles zähmen.
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Mein Herz, das gern von andern schweigt,
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Ist ja so ehrlich als geneigt,
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Vernunft und Warnung anzunehmen.

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Ich weis nicht, ob ich mein Geschicke
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Mehr schelten als bewundern kan.
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Ich seh es hier- und dortnaus an,
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So seh ich gleich- und saure Blicke;
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Ich komm in allen Scenen blind.
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So klug mein Ernst und Anschlag sind,
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So wenig bringt die Hofnung Früchte.
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Träf alles noch so künstlich ein,
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Wird leztlich stets ein Umstand seyn,
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Der schlechterdings die Müh vernichte.

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Erschien ein Engel auf der Erden
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Und schwür er mir sein Mitleid zu,
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Die Schickung lies ihm keine Ruh,
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Er müst an mir zum Satan werden.
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Dies meinte Scarron so wie ich.
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Ihr Gönner, last und meidet mich,
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Wo nicht, so seyd ihr schon verloren;
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Denn was nur mir erst Gunst verspricht,
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(wie viel Exempel hab ich nicht!)
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Das ist gewis zum Fall erkohren.

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Man spricht, ich sey zu blind gewandelt.
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Wer zeigt mir nun die rechte Spur?
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Bin ich allein die Creatur,
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Die sich zur Strafe thöricht handelt?
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Ich liege furcht- und grillenvoll
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Und weis nicht, was ich glauben soll.
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Mein Schöpfer, leb ich dir zur Schande,
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Dein Keil ist ja noch wohl so heiß,
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Was giebstu mich den Feinden preis,
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Und warum irr ich in dem Lande?

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Du schlägst mich unter fremden Leuten
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Bey allgemeiner Armuth lahm,
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Als würde mir nicht so der Gram
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Ein schnelles Grabmahl zubereiten.
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Ach, aber bin ich nicht ein Thor,
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Was kan des Höchsten Arm davor?
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Mein Wesen giebt die Folgerungen.
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Verzeih, mein Freund, der Ungedult;
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Du siehst, sie ist nicht meine Schuld,
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Doch hab ich Trost, woher? gezwungen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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