Du wirst noch wohl, verzagtes Herz

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Johann Christian Günther: Du wirst noch wohl, verzagtes Herz Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Du wirst noch wohl, verzagtes Herz,
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Vor Unmuth in die Erde sincken.
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Was helfen Thränen vor den Schmerz?
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Du must ganz andern Julep trincken.
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Wo ist dein großmuthsvoller Sinn
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Mitsamt dem tapfern Vorsaz hin,
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Durch Fels und Müh emporzubrechen?
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Betrachte doch den Unterscheid
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Der Lieder alt- und dieser Zeit:
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Was wird die Nachwelt von dir sprechen?

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Erweck einmahl den faulen Muth,
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Den Trunck und Wollust eingenommen.
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Du brauchst vorwahr nicht schlechte Glut,
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Berühmten Seelen nachzukommen.
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Hier sezt es Schweiß, hier kostet's Müh;
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Du wilst ja, daß dein Nahme blüh;
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Der Gram verspricht dir schlechte Tittel;
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Er ist ein Kind der Weichligkeit
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Und ist bei dem, den Ruhm erfreut,
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Das schädlichste Verhindrungsmittel.

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Du weist vor Unglück nicht wonaus;
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Gedult, die Vorsicht sinnt auf Wege.
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Du bist nur selbst dein Marterhaus
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Und machst dich selbst zum Guten träge.
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Ja, sprichstu, mein Gewißen beißt,
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Indem es mir die Fehler weist,
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Wodurch ich fast schon gar verdorben:
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O halt es nur noch künftig rein,
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Die Hofnung wird bald grüner seyn,
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Du bist ja wohl noch nicht gestorben.

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Der Ernst kommt nimmermehr zu spät,
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Bereute Sünde läst sich hüten.
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Die Misgunst, so dich jezo schmäht,
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Muß endlich in sich selber wüten,
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So bald du nehmlich klüger gehst
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Und mit geschickter Art verstehst,
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Die alten Scharten auszuwezen.
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Dies kan nun anders nicht geschehn,
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Als derer Beyspiel anzusehn,
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Die Kunst und Weißheit höher sezen.

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Der Schatten macht die Farben schön.
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So wird der Fehler deiner Jugend
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Des reifen Alters Glanz erhöhn;
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Bekleid es nur mit wahrer Tugend.
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Kein Vorwurf hat bey Leuten Statt,
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Die Straf und Zeit gebeßert hat.
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Verschiebe nur den Ernst nicht länger;
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Ein guter Anfang kürzt das Ziel,
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Und wer im Laufen säumen will,
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Dem macht die Furcht den Raum gedränger.

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Erhize dich durch andrer Ruhm,
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Betrachte, sag ich, deines gleichen;
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Wie mancher Musen Heiligthum
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Glänzt schon von ihren Ehrenzeichen.
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Den ziert Asträens Sternenkranz,
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Der heist der Canzel Licht und Glanz,
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Den führt der Krancken Heil zum Glücke,
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Drey zieren schon des Fürsten Stand,
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Und zweyen schickt Bellonens Hand
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In Ost- und Westen holde Blicke.

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Dies sind jezt die, bedenck es recht,
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Die noch mit dir vor wenig Jahren
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Da, wo man lernt und scherzt und zecht,
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Vertraut- und gleiche Brüder waren.
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Wie mancher ist darunter stolz,
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Der damahls als ein grobes Holz
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Dir auf den Schulen schmeicheln muste,
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Wenn ohngefehr der Prüfungstag
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Ihm nächtlich in Gedancken lag
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Und nichts als dich zum Helfer wuste.

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Jezt wird er als ein großes Thier
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Dir kaum noch über Achsel dancken.
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Ach faules Herz, wo bleiben wir?
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So brich doch mit Gewalt die Schrancken.
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Es reizt dich selber deine Noth,
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Greif an und adle deinen Tod,
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Wer kehrt sich an die schlechte Wiege?
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Ich weis, der Himmel hilft dir nach
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Und will nicht, daß dir Creuz und Schmach
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Bis in das Grab zur Seiten liege.

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Der Aberglauben soll sich nicht
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Vor unsrer Bischofsmüze bücken,
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Ich mag durch Urtheil und Gericht
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Mir weder Sack noch Küche spücken.
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Es bethe, wer da will und kan,
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Der Höfe Pracht und Abgott an:
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Mein Fuß erspart mir Pferd und Wagen;
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Mein Cörper ist auch nicht geübt,
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Die Arbeit, so Meßina giebt,
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Im naßen Lager zu vertragen.

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Die Musen kennen blos mein Pfund,
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Dem Phoebus schenck ich Fleiß und Leben,
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Er hat mir den beredten Mund,
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Ich aber ihm das Herz gegeben.
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Und steht mir Meditrinens Treu
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Mit allzeit frischen Kräften bey,
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So soll mein Nachruhm ewig grünen.
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Ich aber will nach meiner Kraft
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Mit Redligkeit und Wißenschaft
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Der Welt zu Gottes Ehren dienen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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