Fort, o Seele, von der Welt

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Johann Christian Günther: Fort, o Seele, von der Welt Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Fort, o Seele, von der Welt,
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Las das Lazareth der Erden!
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Wem ihr Fürnüß wohlgefällt,
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Mag durch Schaden klüger werden,
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Gott und Himmel soll allein
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Meiner Sinnen Leitstern sein.

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In Egypten herrscht man nicht,
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Gosens Apfel schmeckt zu bitter;
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Ihre Blumen, so man bricht,
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Sind ein Blendwerck der Gemüther,
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Bis man dort in Canaan
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Rosenerndte halten kan.

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Unsers Lebens Wanderschaft
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Giebt das Bürgerrecht im Himmel;
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Wer sich an der Welt vergaft,
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Kriegt vor Körner Staub und Schimmel;
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Alle Hoheit dieser Zeit
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Ist ein Bild der Eitelkeit.

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Schifer werden auf der See
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Von den Stürmen umgetrieben,
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Bis die Zeit ihr langes Weh
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Durch den Nordstern aufgerieben;
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Dies, was uns bestürmen will,
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Ist ein Leiden ohne Ziel.

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Seufzer sind der theure Zoll,
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Welchen wir der Erde geben,
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Unser Krug ist selten voll,
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Disteln list man von den Reben,
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Thränen mischen unsern Tranck,
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Dornen pflastern uns den Gang.

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Das Vergnügen bringt Verdruß,
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Aus der Wollust sproßt der Schmerzen.
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Öfters kan der Überfluß
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Uns die Freudensaat verscherzen,
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Wenn des Feindes gelber Neid
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Unkraut auf den Acker streut.

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Perlen, die wie Lügen blühn,
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Sind der Speichel wilder Fluthen.
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Last den blizenden Rubin
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Auf der Fürsten Scheitel bluten,
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Ihre Würde zeiget doch
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Des gecrönten Knechtes Joch.

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Meine Sehnsucht brennt vor Lust,
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Brief und Abschied einzufodern,
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Und die schmerzensvolle Brust
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Wüntscht im Grabe zu vermodern;
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Denn die niemahls schlafen gehn,
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Können niemahls auferstehn.

49
Auf, bestürzter Geist, zu Gott,
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Der crönt dich mit Salems Schäzen;
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Jesus selbst will durch den Tod
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Deiner Last den Gränzstein sezen.
53
Gieb dem, was dich traurig macht,
54
Nun auf ewig gute Nacht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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