Verzeiht, ihr warmen Frühlingstage

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Johann Christian Günther: Verzeiht, ihr warmen Frühlingstage Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Verzeiht, ihr warmen Frühlingstage,
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Ihr seyd zwar schön, doch nicht vor mich.
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Der Sommer macht mir heiße Plage,
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Die Herbstluft ist veränderlich;
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Drum stimmt die Liebe mit mir ein:
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Der Winter soll mein Frühling seyn.

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Der Winter zeigt an seinen Gaben
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Die Schäze gütiger Natur,
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Er kan mit Most und Äpfeln laben,
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Er stärckt den Leib und hilft der Cur,
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Er bricht die Raserey der Pest
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Und dient zu Amors Jubelfest.

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Der Knaster schmeckt bey kaltem Wetter
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Noch halb so kräftig und so rein,
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Die Jagd ergözt der Erden Götter
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Und bringt im Schnee mehr Vortheil ein,
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Der freyen Künste Ruhm und Preis
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Erhebt sich durch den Winterfleiß.

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Die Zärtligkeit der süßen Liebe
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Erwehlt vor andern diese Zeit;
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Der Zunder innerlicher Triebe
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Verlacht des Frostes Grausamkeit;
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Das Morgenroth bricht später an,
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Damit man länger küßen kan.

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Der Schönen in den Armen liegen,
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Wenn draußen Nord und Regen pfeift,
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Macht so ein inniglich Vergnügen,
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Dergleichen niemand recht begreift,
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Er habe denn mit mir gefühlt,
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Wie sanfte sich's im Finstern spielt.

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Da ringen die getreuen Armen
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Mit Eintracht und Ergözligkeit,
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Da laßen sie den Pfiehl erwarmen,
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Den oft ein falsches Dach beschneit,
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Da streiten sie mit Kuß und Biß
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Und wüntschen lange Finsternüß.

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Das Eiß beweist den Hofnungsspiegel,
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Der viel entwirft und leicht zerfällt;
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Ich küße den gefrornen Riegel,
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Der mir Amanden vorenthält,
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So oft mein Spiel ein Ständchen bringt
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Und Sayth und Flöthe schärfer klingt.

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Ich zieh den Mond- und Sternenschimmer
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Dem angenehmsten Tage vor;
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Da heb ich oft aus meinem Zimmer
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Haupt, Augen, Herz und Geist empor,
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Da findet mein Verwundern kaum
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In diesem weiten Raume Raum.

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Euch Brüder hätt ich bald vergeßen,
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Euch, die ihr nebst der deutschen Treu
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Mit mir viel Nächte durch geseßen;
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Sagt, ob wo etwas Beßres sey,
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Als hier bey Pfeifen und Camin
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Die Welt mitsamt den Grillen fliehn.

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Der Winter bleibt der Kern vom Jahre,
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Im Winter bin ich munter dran,
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Der Winter ist ein Bild der Baare
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Und lehrt mich leben, weil ich kan;
59
Ihr Spötter redet mir nicht ein;
60
Der Winter soll mein Frühling seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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