Nahrung edler Geister

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Johann Christian Günther: Nahrung edler Geister Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Nahrung edler Geister,
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Aller Sorgen Meister,
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Du mein Element,
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Was man jezo Knaster nennt,
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Komm und las die müden Sinnen
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Wieder Ruh gewinnen!

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Auf dem Erdenkreise
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Kommet deinem Preise
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Kein Geträncke gleich;
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Auch der Ärzte drittes Reich
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Flicht dich, deiner Kraft zu Lohne,
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Um Hygaeens Crone.

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Nach den Lorbeerreisern,
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Die vor allen Kaysern
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Unsern Carl erhöhn,
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Soltu über alles gehn,
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Was aus Erd und Wurzel steiget
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Und den Gipfel neiget.

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Deine Kraft und Stärcke
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Macht durch Wunderwercke
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Allen Kummer zahm;
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Misgunst, Furcht, Verdruß und Gram
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Fliehn, so bald ich dich empfinde,
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Schneller als die Winde.

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Deine Tugend heilet,
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Deine Macht ertheilet
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Und gebiehrt die Ruh;
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Will der Schlaf nicht bald herzu,
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Kan ich ihn mit deinen Wafen
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Bald ins Zimmer schafen.

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Kommt der lichte Morgen,
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Bringt der Tag die Sorgen,
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Macht der Mittag warm,
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Stüz ich ruhig Kopf und Arm
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Und gebrauche deiner Kräfte
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Edle Nectarsäfte.

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Die dich nicht vertragen
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Und zum Schimpfe sagen,
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Du verderbst die Luft,
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Mögen in des Schinders Gruft,
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Ja zum Teufel selber kriechen
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Und was Beßers riechen.

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Kommt ein junges Häschen
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Mit dem weißen Näschen,
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Das nach Biesam stinckt,
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Soll es, wenn es dich verdringt,
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In den aufgerollten Haaren
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Glut und Dampf erfahren.

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Wer dich gar nicht brauchet
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Und nicht stündlich schmauchet,
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Ist des Mauls nicht werth,
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Weil er die Natur verkehrt
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Und die Gaben, die dich zieren,
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Niemahls will probieren.

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Las die Canzeln schmählen,
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Ihre Diener fehlen
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Und betriegen sich,
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Wenn sie, theurer Knaster, dich,
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Da sie dich nicht brauchen können,
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Teufels Abbiß nennen.

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Andre mögen sizen
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Und die Lippen spizen,
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Bis ihr Mägdgen will;
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Gelt, du hältst mir immer still
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Und vermehrest meine Plagen
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Durch kein Hörnertragen.

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Las den eckeln Frauen
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Vor dem Dampfe grauen!
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Die, so klüger sind,
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Sprechen: Allerliebstes Kind,
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Mich ergözet deine Pfeife,
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Die ich selbst ergreife.

73
Rom verbrannte Leichen
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Auf den Zimmetsträuchen;
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Muß ich von der Welt,
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Hab ich schon voraus bestellt,
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Daß die Lauge deiner Asche
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Meinen Cörper wasche.

79
Held, vor deßen Schwerdte
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Stambol rückwärts kehrte,
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Ewiger Eugen,
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Will dein Bliz durch Ungarn gehn,
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Ey, so las doch nur der Bohnen
84
Und des Knasters schonen.

85
Pursche fangen Grillen;
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Aber wenn sie füllen
87
Und die Pfeifen glühn,
88
Muß der Schmerz so weit entfliehn
89
Als die Span'sche Degenklinge
90
Vor dem tapfern Binge.

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Rosmarin und Nelcken
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Schwinden, wenn sie welcken,
93
An Gefälligkeit;
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Du gefällst zu jeder Zeit,
95
Denn dein Ruhm gedörrter Blätter
96
Grünt durch alle Wetter.

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Sind uns unsre Wahren
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An den Fels gefahren
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Und ins Meer versenckt,
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Brüder, last euch ungekränckt!
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Blätter, so die Mohren rösten,
102
Können wieder trösten.

103
Epheu crönt Poeten;
104
Doch um meine Flöthen
105
Soll Tobackskraut blühn.
106
Brüder, macht euch zum Camin
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Und verjagt mit diesem Pfeile
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Eure lange Weile!

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Hört den Winter rasen,
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Hört den Nordwind blasen,
111
Hört, er pfeift und fährt!
112
Kommt, wir wollen um den Herd
113
Seinem kalt- und stolzen Wüten
114
Ruhig Troz gebiethen.

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Wollt ihr Ländern rathen,
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So verpflügt die Saaten,
117
Haut die Wälder aus,
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Macht uns ein Tobacksfeld draus,
119
Und verzäunt es mit den Reben,
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Die uns Freude geben!

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Top, es leben alle,
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Die bey diesem Falle
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Der Toback ergözt!
124
Drum, ihr Brüder, raucht und nezt,
125
Bis der Blick vom andern Tage
126
Uns zu Bette jage!

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Junge, schneide Knaster!
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Dieses Lebenspflaster
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Ist ein Polychrest.
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Dem, der uns nicht rauchen läst,
131
Soll an Statt der Nerv- und Flachsen
132
Ein Tobacksstrunck wachsen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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