Müdes Herz

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Johann Christian Günther: Müdes Herz Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Müdes Herz,
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Las den Schmerz
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Mit dem Athem fahren!
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Lebstu doch
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Jezo noch
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In den besten Jahren.
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Thoren dencken vor der Zeit
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An die Nacht der Eitelkeit;
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Gnug, wenn uns das Alter zwingt
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Und den Kummer mit sich bringt.

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Alle Noth,
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Die uns droht,
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Kommt von eignem Wahne;
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Daß das Weh
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Bald vergeh,
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Bohrt man nicht im Zahne.
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Unser mürrischer Verdruß
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Ist wie ein gesalzner Fluß,
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Der, je mehr man Thränen reizt,
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Wang und Auge schärfer beizt.

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Brüder, wir
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Sind jezt hier,
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Und wer weis wie lange?
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Jeder Schritt
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Ist ein Tritt
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Zu dem lezten Gange.
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Nehmt die Wollust zum Voraus
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Und besucht das Freudenhaus,
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Eh ein ungewißer Tag
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Uns der Baare liefern mag.

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Glaubt doch nur,
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Epicur
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Macht die klügsten Weisen;
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Die Vernunft
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Seiner Zunft
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Sprengt die Foltereisen,
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Die der Aberglaube stählt,
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Wenn er schlechte Seelen quält
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Und des Pöbels blöden Geist
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In die Nacht des Irrthums reißt.

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Diese Nacht
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Giebt uns Macht,
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Franck und frey zu leben.
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Jeder Stern
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Sieht es gern,
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Daß wir Feuer geben;
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Unsre Büchsen sind zwar Thon,
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Aber sie verjagen schon
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Aller Grillen starckes Heer,
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Wenn es noch so heftig wär.

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Nehmt doch wahr,
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Wie sogar
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Todte Kräuter lehren!
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Last uns noch,
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Last uns doch
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Ihre Warnung hören!
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So verfliegt der sachte Rauch,
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So verfliegt das Leben auch,
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Und die Asche mahlet hier
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Unsers Leichnahms Bildnüß für.

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Nun wohlan,
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Nehmt doch an!
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Hier ist Engelländer,
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Deßen Dampf
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Trozt den Kampf
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Aller Tobacksschänder.
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Kostet auch den Wurzner Saft!
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Gerstenblut macht Brüderschaft;
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Treu und ofenherzig seyn
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Flöst mit diesen Strömen ein!

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Dieser Schlung,
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Dieser Trunck
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Geht auf das Vergnügen
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Derer, die
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Schoos und Knie
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Fein gemächlich fügen.
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Fort, ihr Brüder, trinckt und schreyt,
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Weil ihr noch in Leipzig seyd
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Und man in der schönen Stadt
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Doch kein ewig Leben hat.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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