Ach, kan Natur und Jahr dich ja nicht ganz vermißen

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Johann Christian Günther: Ach, kan Natur und Jahr dich ja nicht ganz vermißen Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Ach, kan Natur und Jahr dich ja nicht ganz vermißen,
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So schleich doch unvermerckt, du sonst beliebte Nacht,
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Und las mich jezt nur nichts von Lust und Schweidniz wißen,
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Bis daß ein beßrer Stern die Ankunft froher macht.

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Ich bin ja nicht geschickt, dich würdig zu empfangen,
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Ich kan dir nicht mit Wein wie sonst entgegen gehn;
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Du siehst den Tempel an, er ist mit Flor umhangen,
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Und vor den Perlenschmuck gesalzne Thränen stehn.

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Ich kenne dein Verdienst so gut als meine Pflichten,
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Du hast mir auf der Welt den grösten Wuntsch erfüllt,
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Und da fast alles schwur, den Anschlag zu zernichten,
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Mit Leonorens Gunst viel süße Furcht gestillt.

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Der Sieg, den Höchstädt gab, gebahr viel Jubelpsalmen,
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Doch dacht ich, als mein Flehn die Schönheit überwand:
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Eugen und Marlborough, behaltet eure Palmen,
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Die Liebe wirft sie mir viel reicher in die Hand.

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Die Beute, so euch schmückt, ist oft verbannte Wahre,
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Der Lorbeer und der Ruhm mit Blut und Zorn befleckt;
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Ihr rühmt des Friedens Frucht, ja warthet wenig Jahre,
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Wer weis, wie bald der Wurm in ihrer Blüthe steckt!

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Mir flicht die Ehrligkeit die immer grünen Kränze,
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Die Wollust kluger Treu ist über allen Werth,
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Der frische Myrthenzweig, in dem ich heute glänze,
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Verlacht den Bliz, der oft in eure Lorbeern fährt.

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Die Hofnung triumphiert auf Leonorens Küßen,
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Wozu der volle Mund bequeme Lippen trägt,
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Von nun an ist sie mein und wird's auch bleiben müßen,
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So lange sich noch Blut in beider Adern regt.

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Die Ferne zeigt mir schon mein Paradies auf Erden,
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Und ob es gleich mein Fleiß noch sieben Jahr verschiebt,
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So sollen diese doch zu einzeln Tagen werden;
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Was fällt wohl einem schwer, der solche Rahel liebt?

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Sie wird mir auch entfernt die Sorgen leichter machen,
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Ihr Bildnüß wird ein Trost zu Kunst und Weißheit seyn,
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Und wenn Vernunft und Sinn bey klugen Schriften wachen,
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Den Geistern und der Lust viel Nahrungssaft verleihn.

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Gelang ich auch hernach zum vorgesteckten Ziele,
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So wird mein süßer Lohn in ihrem Schooße ruhn;
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Da soll die Zärtligkeit von unserm Liebesspiele
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Der Jugend Blumen streun, dem Alter gütlich thun.

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Schau, seegensvolle Nacht, wie viel du mir gewonnen;
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Doch glaube dies dabey, du kommst mich hoch zu stehn.
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Was hab ich nicht geseufzt, gedichtet und gesonnen,
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Wie ofters must ich nicht zu Bette wachen gehn!

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Und durft ich auch darum nicht erst Philister schlagen,
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Noch dies mein goldnes Vlies von Drachenglut befreyn,
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Ich muste dennoch wohl viel schwere Streiche wagen;
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Wer kennt, was Lieben ist, der weis auch deßen Pein.

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Was ist es nicht vor Qual, drey Vierthel Jahr zu schweigen,
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Wenn Gegenwart und Wort die stumme Lieb erhizt,
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Wie viel bedarf es Kunst, die Flammen recht zu zeigen,
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Was fühlt man, wenn das Kind dem andern näher sizt!

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Jedoch ein Augenblick macht aller Müh vergeßen;
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Ja, seegensvolle Nacht, dies that dein Augenblick,
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Ich kan das süße Wort nicht oft genug ermeßen:
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Behalt, mein Kind, das Herz, ich will es nicht zurück.

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O seegensvolle Nacht, nun zieh ich dir zu Ehren
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Den Mond der Sonne vor, so blaß er immer scheint;
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Dein Schatten müße nichts von Mord und Schröcken hören,
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Und was gebohren wird, das sey dem Glück vereint!

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Dein helles Abendroth begleit' ein froher Morgen,
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Dein Thau sey Engelbrodt, dein Einfluß Fruchtbarkeit;
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Es schände dich kein Geiz mit ungerechten Sorgen,
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Dein Denckmahl dringe sich durch aller Zeiten Zeit!

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Dein freundlicher April sey Herr von seines gleichen!
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Verliebte, zehlt von ihm des Jahres Circkellauf!
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Er las ihm Herbst und Lenz Geschmack und Farben reichen
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Und thu dem Nahmen nach des Jahres Vorrath auf!

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Nach jener, die vordem das Licht der Welt gegeben,
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Bist du mir allemahl die schönste Finsternüß;
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O warum fing ich doch in dir nicht an zu leben!
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Es war ein kurzer Raum, der diesen Wuntsch zerriß.

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Ich feyre Jahr vor Jahr in dir das Fest des Bundes
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Und opfre, was und wie Gelübd und Recht versprach,
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Mit Bechern auf das Heil des allerliebsten Mundes,
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Aus dem das freye Ja mit keuschem Zittern brach.

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Nur heuer weis ich dich nicht würdig zu empfangen,
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Hier, wo ich Fremdling bin und Noth Calender macht;
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Das Glücke sündigt nur, nicht aber mein Verlangen,
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Drum schleich nur unvermerckt, du sonst beliebte Nacht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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