Hat jemahls Furcht und Scham, du angenehmes Kind

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Johann Christian Günther: Hat jemahls Furcht und Scham, du angenehmes Kind Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Hat jemahls Furcht und Scham, du angenehmes Kind,
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Dem wenig an Verstand und Schönheit ähnlich sind,
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Den angesezten Kiel mir in der Hand verrücket,
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So ist es warlich wohl auf diesen Tag geschehn,
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Da meine Grobheit es um deine Gunst versehn
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Und meine Demuth sich vor deinem Eifer bücket.

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Ich fühle deinen Zorn, der als ein scharfes Schwerd
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In meine Seele dringt und durch das Herze fährt,
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Ein jeder Blick von dir verweist mir das Verbrechen;
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Mich deucht, ich sehe schon, wie heftig, wie erhizt
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Der Augen Wetterstrahl auf meine Scheitel blizt,
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Mich deucht, ich höre dich schon zu dir selber sprechen:

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Ist dies der schöne Mensch, der sich so heilig stellt
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Und der kein Waßer trübt, bis er ins Waßer fällt?
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Das, warlich, hätt ich mir von ihm nicht träumen laßen,
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Das hätt ich auch in ihm mit Spießen nicht gesucht.
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O großer Aberwiz, o Junggesellenzucht!
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Ach, möchte doch ein Strick ihn bey der Gurgel faßen!

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Ach, keusche Marilis, dein Eifer ist gerecht,
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Die Strafe noch zu klein, und dein gefallner Knecht
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Nicht würdig, nur ein Wort vor dich mehr aufzusezen.
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Ruf alle Hencker auf, sprich mir das Leben ab,
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Stoß den zerfleischten Leib in ein beschimpftes Grab,
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Auch dieses müst ich noch vor eine Gnade schäzen.

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Allein was nüzt dir wohl die schlechte Hand voll Blut
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Des Sünders, der in Staub und Asche Buße thut?
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Zum Creuze kriech ich jezt wie gestern in das Bette.
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Erwege meine Reu, schau meine Thränen an
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Und glaube, daß kein Mensch so ernstlich weinen kan,
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Wenn er wie Petrus gleich auch Gott verleugnet hätte.

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Ich rede fast zuviel; jedoch der herbe Schmerz
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Beraubt mich der Vernunft, und mein beklemmtes Herz
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Hat in der Brust nicht Raum, weil es der Kummer schwängert.
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Erbarme dich, wo noch Erbarmung übrig ist;
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Du weist es ohnedem, der ist kein guter Christ,
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Der, wenn er helfen kan, des Nechsten Pein verlängert.

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Es stirbt kein Mensch so jung, den nicht ein Fall gedenckt;
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Kein Weiser ist so klug, den nicht ein Irrthum kränckt;
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Den Salomon beschämt die Weißheit seiner Bücher.
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Wie leichtlich wird doch nicht die Jugend übereilt;
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Wer weis, wer heute noch mit mir die Strafe theilt;
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Es lebt kein Sterblicher vor Tod und Fehlern sicher.

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Vergieb, vergiß und nimm vor das, was ich verübt,
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Dies Blat, so meine Faust dir zitternd übergiebt,
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Und schencke meiner Haut vor dieses Mahl die Strafe;
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Entreiß mir deinen Zorn, der mich wie Feuer schmerzt.
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Schweig, doch wo jemand fragt, ob Günther dich geherzt,
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So gieb zur Antwort: Ja, er that es nur im Schlafe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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