Die Liebe gab mir nechst den Pinsel in die Hand

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Johann Christian Günther: Die Liebe gab mir nechst den Pinsel in die Hand Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Die Liebe gab mir nechst den Pinsel in die Hand,
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Das Meisterstücke von den Bildern
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Der grösten Schönheit abzuschildern,
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Zu deren Dienst ich oft die Leyer angewand.
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Mein Ungehorsam ward sehr übel aufgenommen;
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Ich schüzte zwar die Ohnmacht vor,
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Die Ausflucht fand ein taubes Ohr,
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Drum eil ich, dem Befehl gezwungen nachzukommen.

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Mein Engel, fluche nicht auf die Verwegenheit,
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Der sich ein Mensch jezt unterwindet;
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Ich weis, daß auch ein Stern verblindet,
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So bald der Sonnen Glanz ihm Schein und Licht verbeuth;
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Doch die Tyrannin meiner Sinnen,
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Die dir mein freyes Herz als einen Sclaven schenckt,
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Entschuldigt mein Beginnen
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Und macht, daß meine Faust auf die Erfüllung denckt.

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Mein Phoebus zürnt mit mir, daß ich aus seinem Orden
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Ein Überläufer bin;
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Sein Geist verläst den kalten Sinn,
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Der troz der Poesie zu einem Mahler worden.
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Steht mir Apollo nicht mehr bey,
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So mag die Warheit ihn vertreten,
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Und diese macht, weil ich den Beystand ausgebeten,
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Statt meiner hier dein Conterfey.

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Der ordentliche Bau, das Uhrwerck deiner Glieder,
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Streckt wie ein Cedernbaum den wohlgesezten Leib.
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Ist nun die Majestät ein Weib,
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So giebt sie sich in dir als ihrer Tochter wieder.
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Die Ehrfurcht küst dein Bild,
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Bey welchem die Natur geschwizet,
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Als sie das zarte Fleisch aus Alabast geschnizet,
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Durch welchen der Saphir von Schneckenblute schwillt.

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Die Artigkeit lehrt dich die Füße sezen,
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Der sonderbare Gang
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Ist künstlich, aber ohne Zwang;
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Ein Schritt ist schon genug, die Freyheit wegzuhezen.
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Die Straße heftet dir viel hundert Augen an,
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Wenn dich die Gratien bald hin bald her begleiten;
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Ich selber kan
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Den alten Adam nicht bestreiten
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Und weiche meiner Leidenschaft,
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Sobald mein Fenster sich an deiner Art vergaft.

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Betracht ich auch dein Haupt, so seh ich eine Nacht,
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Mit der dein schwarzes Haar den Himmel überdecket,
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An welchem Amors Glut zwey Lichter aufgestecket,
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Die seine Mutter oft zu ihren Spiegeln macht.
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O wunderbare Finsternüß,
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Die ihr gerolltes Pech um deinen Nacken schläget,
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Den die Natur, gewis,
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Die Farben zu erhöhn, mit Reif und Schnee beleget.

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Die Wangen sind ein Feld, wo Rosen und Jasmin
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Einander zur Verhöhnung blühn
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Und wo viel Gratien und ... Amoretten
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Theils ihren Schlaf ... betten,
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Theils wie ein Bienenschwarm, wenn er den Klee beraubt,
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... begierig sind, den Honigseim zu lecken,
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Den nur die Götter schmecken,
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Weil ihn die Kostbarkeit dem Menschen nicht erlaubt.

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Das Auge lockt und spielt mit einem reichen Blize,
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Den, weil er schwarz und roth aus blauen Kreisen fährt,
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Vermuthlich Pech und Schwefel nährt.
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In dieser Vestung liegt der blind und nackte Schüze,
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Spielt draus auf meine Brust
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Das Freudenfeuer seiner Siege,
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So daß auch ich, jedoch zu meiner Lust,
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Ihm endlich unterliege.

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Was vor Entzückung bläst der Mund
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Den Rosenbüschen durch die Blätter!
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Sein Muschelwerck ist voll und rund,
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Sein Nectar vor die Götter.
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Leg ihm den Purpur bey,
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Was gilt's? er macht sein Blut zu einer todten Farbe.
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Wer leugnet nun, daß er die Dinte sey,
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Von der man längst gesagt, daß sie die Nachwelt darbe,

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Der höre den Beweisthum an:
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Als mich der Cypripor in seinem Richteramte
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Zum Feuer nechst verdammte,
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So stahl er unvermerckt der Mutter einen Schwan
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Und riß ihm einen Kiel aus dem gedrungnen Flügel;
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Die Feder nezt er in dem Saft,
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Den Tyrus nicht so sehr als deine Lippen schaft,
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Und unterschrieb mit angehencktem Siegel,
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Auf dem dein Antliz stund, das Urtheil meiner Glut,
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Die mir, ich weis es nicht, wohl oder bange thut.

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Dein Lächeln, schönes Kind, das, schweigt die Zunge still,
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Mich dennoch unvermerckt der Lügen strafen will,
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Entdeckt mir, was dein Geiz der Schönheit sonst verheelet,
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Ich meine deiner Zähne Pracht,
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Als die die Ordnung dir selbst in den Mund gezehlet;
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Hier rieg die Sorgfalt der Natur
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Den Reichthum Indiens an einer Perlenschnur,
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Nachdem der gröste Werth die Runde voll gemacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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