[hab ich mich einmahl vergangen]

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Johann Christian Günther: [hab ich mich einmahl vergangen] (1709)

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Hab ich mich einmahl vergangen,
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Mach ich es doch wieder gut,
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Da mein stumm und still Verlangen
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Deiner Schönheit Opfer thut,
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Deiner Schönheit am Verstande,
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Die sich auch durch Mienen zeigt,
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Und die ungewohnten Bande
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Machen, daß mein Herze schweigt.

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Schweigen will ich mit dem Munde,
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Da das Herz nicht reden darf;
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Das Verhängnüß dieser Stunde
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Handelt etwas gar zu scharf;
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Ich soll reimen und nicht wißen,
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Was sich diesmahl reimen soll.
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Fülle nur mit deinen Küßen
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Die gesuchte Strophe voll.

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Küße sind der Weg zum Lieben
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Und der Geist der Poesie;
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Blindlings wird man oft getrieben,
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Daß uns eine Schönheit zieh.
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Schönheit, Bäume, Graß und Nelcken,
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Welche Lenz und Jugend zieht,
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Müßen nach und nach verwelcken,
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Bis der Baum voll Mandeln blüht.

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Blühn schon einmahl diese Früchte,
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Ach, so ist es warlich aus,
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Und des Alters Schaugerichte
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Sind ein erlner Blumenstrauß,
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Welcher Mund und Augen locket,
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Aber, wenn er tragen soll,
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So wie die Granaten stocket,
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Die nur sind zum Ansehn voll.

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Mag's doch seyn! Ich will verehren,
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Was ich nicht genießen kan;
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Wiltu meine Lieder hören,
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O so hör auch dieses an,
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Daß der Strahl von deinem Glanze,
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Welcher dich vor andern ziert,
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Auch den Ruhm von meinem Kranze
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Mit sich auf die Nachwelt führt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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