Nützliche Betrachtung der Schönheit der Welt, nicht nur für Reiche und Gesunde, sondern auch für Arme und Kranke

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Barthold Heinrich Brockes: Nützliche Betrachtung der Schönheit der Welt, nicht nur für Reiche und Gesunde, sondern auch für Arme und Kranke (1743)

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Geliebte Menschen, laßt uns einst in unserm Leben
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stille stehn,
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Und unsern eigentlichen Stand, beym Licht der Wahrheit,
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übersehn,
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Erwegen, was wir Guts besitzen, und was für uns der
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Kreis der Welt
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Für ungezählte Güter, Wunder und unschätzbare Schätz’
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enthält,
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Die alle bloß für uns bestimmt! Wir werden, wenn wir
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auf der Erden
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(aus unserm dunklen Nichts gezogen) erscheinen und
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gebohren werden,
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In einem Pallast ja gebohren, der, so an Größ’ als Zier-
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lichkeit,
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Bey weitem alle übertrift, die alle Kunst je aufgeführet.
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Die Kunst ist nie so weit gekommen, sie kann auch an die
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Seltenheit
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Der bildenden Natur nicht reichen, der allezeit der Preis
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gebühret.
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Das unermäßliche Gewölbe, der Boden- lose Stern-Altan,
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Zeigt diese Grösse, sonder gleichen, am allerdeutlichsten
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uns an.

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Es lehrt uns dieß des Himmels Blau, worinn sich das
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Gesicht verlieret,
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Wenn uns, selbst seine Dunkelheit, mit einer Art von Ehr-
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furcht, rühret.
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Die Sonne, die, durch ihre Ferne, wie groß sie gleich,
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uns dennoch klein,
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Durch den Betrug der Augen, scheint, hört nimmer auf,
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den Lebens-Schein
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An allen Orten zu verbreiten. Die Nacht läßt, mitten
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in dem Dunkeln,
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Die Stern’, und zwar fast alle Wochen den Augen andre
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Sterne funkeln.
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Der Tages-Wechsel macht, daß wir zur Ruhe von der
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Arbeit gehn,
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Des Jahres Wechsel, daß von Arbeit verschiedne Arten
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stets geschehn.
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Berufet dieses uns nun gleich zu neuen Sorgen; so ent-
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stehn
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Daraus auch neue Lieblichkeiten, Belohnungen und neuer
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Segen,
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Worunter denn die Erde selbst, die so geschmückt, so reich,
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so schön,
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Fast ungezählte Seltenheiten gewohnet ist uns darzu-
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legen.
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Dieselbe giebt uns ihre Bluhmen, auch ihre Früchte,
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Wiesen, Felder,
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Erhabne Hügel, sanfte Flächen, Gebürge, Thäler, Büsch’
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und Wälder.
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Da sind die Wasser überall, die sich, wie eine Schlange,
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winden,
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Die Erde schön sowohl, als fruchtbar zu machen, überall
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zu finden.

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Die Jahres-Zeiten geben uns den Regen, unsre Aecker
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reich,
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Den Wind, die Lüfte rein zu machen. Man sieht sie uns
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die Vögel bringen,
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Die von so sehr verschiedner Art, und welche so verschied-
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lich singen.
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Sie liefern uns so viele Thiere, die zahmen, welche sich
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bequehmen,
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Zu unserm Nutzen, uns zur Lust, bey uns den Aufenthalt
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zu nehmen,
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Und die sich gleichsam selbst gefallen, wenn sie verrichten,
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was wir wollen,
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Ja gar für die geringe Kost, zur Dankbarkeit, sich selbst
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uns zollen.
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Da sind die Thiere, die die Wälder für uns in solcher
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Menge nähren,
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Da sind die Fische, die die Seen, und die Gewässer uns
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beschehren.
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Hier sind die Flüsse, dort das Meer, in welches sie sich all’
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ergiessen,
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Auf welchem wir, durch Schiff’ und Winde, von einem
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Ort zum andern fliessen,
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Um neue Völker, neue Pflanzen, auch neue Thiere, neue
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Früchte,
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Nicht minder neue Heilungs-Mittel, manch neuen Vor-
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wurf dem Gesichte,
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Auch für der Menschen andre Sinnen, viel’ neue Schätze
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zu erhalten,
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Und sie, auf ungezählte Arten, zu unserm Nutzen zu ver-
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walten.
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Wenn ich, mit einem Ueberlegen, bey dieser Menge stille
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steh,

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Und, wie sie uns des Schöpfers Hand, in solcher Fülle,
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giebet, seh,
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Derselben Vielheit immer grösser, die Schönheit immer
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schöner finde;
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So kommt es mir nicht anders vor, als wenn auf einem
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jeden stünde:
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“o Mensch, für dich gehöret alles! Komm, schlacht’,
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und iß, und sey vergnügt!
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Wozu sich denn noch diese Lehre, die gleichfalls überzeug-
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lich, fügt:
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„der Schöpfer, welcher nichts bedarf, hat aller Güte
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Nutz und Pracht
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„zu Seinem eignen Nutzen nicht, zu deinem bloß,
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hervorgebracht.
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So machet euch doch selber glücklich, bringt eure Zeiten
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im Vergnügen,
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Und eure Tag’ in Anmuht zu, sucht allen Unmuht zu be-
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siegen!
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Kommt, folgt der Stimme der Natur und ihrem wohlge-
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meynten Raht,
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Da GOtt ja Seinen Tisch für euch so herrlich zubereitet
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hat,
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Indem die aufgesetzten Schätze selbst scheinen dazu einzu-
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laden!
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Beweiset eure Dankbarkeit durch die Begierden, Seiner
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Gnaden
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Bezeugungen recht zu geniessen. In unsern Herzen selber
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liegt
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Ein Grund, der diese Stimme hört, und, gleichsam selbst
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dadurch vergnügt,
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Darauf ein’ Art von Echo giebt. Ein Trieb, der nimmer
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zu besiegen,

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Und ein’ in uns verborgne Neigung reizt unaufhörlich
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zum Vergnügen,
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Und treibt uns, uns beglückt zu machen. Uns lockt, was
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wir von aussen sehn,
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Und auch was in uns ist, dazu. Woher muß es denn
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doch entstehn,
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Daß wir, in so beglücktem Stande, dennoch so unglückselig
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leben?
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Woher? weil wir auf alles Gute, was in der Welt, nicht
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Achtung geben,
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Stets mehr noch zu verdienen glauben, nur das verlangen,
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was uns fehlt,
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Und wenn wir es erlanget haben, von immer neuer Sucht
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gequält,
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Den Blick von dem erlangten ab, und immer zum entfern-
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ten kehren,
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Stets mit phantastischen Gerichten, mit wirklichen uns
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nimmer nähren.
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So lange man, auf diese Weise, mit dem beseßnen Gut
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verfährt,
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Und wär uns noch einmahl so viel, ja tausend mahl
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so viel, beschehrt;
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So würd’ uns Unlust, Kummer, Gram und Unzufriedenheit
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beschwehren,
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Wenn wir in der Eliser Auen, ja selbst im Paradiese wären.

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Wie jüngst der arme
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Der voller Pein zu Bette lage, da jener vor dem Bette saß,
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Dieß sonst ermunternde Gedicht, mit Thränen in den Augen,
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las;

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Erseufzeten sie alle beyde. Ach! fing zuerst der sieche Mann,
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Nachdem er sich herumgeworfen, mit unterbrochnem
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Schluchzen an:
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“was hilft mir Armen dieser Trost? Was nützen mir der
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Erden Schätze?
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„da ich, ohn’ ihrer zu geniessen, mein Lager stets mit
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Thränen netze,
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„da mich der Nieren-Stein zerfoltert, die Gicht die Sehnen
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dehnt und nagt,
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„und mich nicht nur den ganzen Tag, die noch viel längere
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Nacht, zerplagt.
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„mich labt kein Trank, mir schmeckt kein Essen, und kurz: Auf
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dieser ganzen Welt
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„vergnüget mich von allen nichts. Nichts ist darinn, was
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mir gefällt.

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Kaum schwieg er, als auch
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Wangen wischte,
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Und mit des Kranken bittren Klagen auch sein betrübtes
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Klaglied mischte:
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“er schreibt: Die Welt ist voller Schätze. Ja Schätze, daß
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es GOtt erbarm!
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„sind nicht, bey dem gerühmten Reichthum so viel’, und
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ich besonders, arm?
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„er schreibt: Für uns soll alles seyn. Ja wohl für uns.
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Hat einer Mittel,
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„so decken so viel tausend andre sich kaum mit einem alten
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Kittel.
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„bey dem gerühmten Ueberfluß hab ich kaum mein erschwitz-
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tes Brodt,
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„und meine Kinder schmachten oft, gequält von bittrer
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Hungers-Noht.

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„wenn der, so dieß Gedicht geschrieben, in unsrer Stelle wär
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gewesen,
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„er gäb uns von der Lust der Welt so viel vergnüglichs nicht
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zu lesen.
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Mirander hörte beydes an, der eben in die Stube tratt,
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Und wie er das von allen beyden ihm eben dargereichte
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Blatt
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Mit Fleiß bedächtlich durchgelesen; so fragt er erstlich
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alle beyde,
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Nach dem vorher bezeugten Schmerz und Beyleid über
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ihrem Leide,
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Mit der ihm eignen sanften Art: Ob das, was in den
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Versen stünde,
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Sich in der That nicht so verhielt’, und sich nicht in der
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Welt befünde?
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Dieß stunden sie ihm beydes zu. Da ihr nun dieß nicht
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leugnen könnt,
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Fuhr hier
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nur vergönnt,
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Der hier die Welt so schön beschrieben, so schön dieselbe
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zu beschreiben,
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Es war dasselbe seine Pflicht. Und werdet ihr so billig
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seyn,
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Die Wahrheit ihm nicht zu verübeln. Doch um nun auch
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bey euch zu bleiben,
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Die ihr, die Erde schön zu finden, durch Armuht und durch
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bittre Pein,
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Betrübt genug, behindert seyd; so laßt uns erst die Dürf-
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tigkeit,
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Und ob sie, nach der Welt und Menschen geordneten Be-
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schaffenheit,

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Nicht hier auf Erden nöhtig sey, mit einigem Bedacht
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ergründen,
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Es mögte sich vielleicht für dich ein Trost in deiner Armuht
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finden.
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(
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scheid wohl nöhtig sey,
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„das weiß ich ja sowohl, als du. Von dem Beweisthum
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bist du frey.
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Allein dieß Wissen sättigt nicht. (
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es auch nicht hungriger,
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Und da, bey deiner Dürftigkeit und deinem Leiden, GOtt
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der HErr
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Dir dennoch den Verstand gelassen, der ja von allen an-
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dern Gaben,
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Die wir von unsers Schöpfers Güte auf dieser Welt er-
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halten haben,
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Unstreitig ja die allerbeste; so wend’ ihn denn auch dazu
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an,
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Daß er dir auch zum Besten diene, so wie er es wahr-
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haftig kann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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