Wider den Hochmuht

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Barthold Heinrich Brockes: Wider den Hochmuht (1743)

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Daß die Begier, zu viel zu wissen, dem Satan als ein
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Mittel dienet,
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Die ersten Eltern zu verführen, ist unserer Betrachtung
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wehrt.
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Wer weiß, ob ers nicht noch gebraucht? Es scheint, sobald
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man sich erkühnet,
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Des Geistes Kräfte zu vergrössern, (da wir, was GOtt uns
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hier beschehrt,
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Dadurch versäumen zu geniessen) daß bloß allein die Sucht
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zu wissen
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An allem unsern Unglück schuld. Indem wir, für den
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Geist allein,
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Um das, was ausser unsern Schranken, zu fassen nur
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besorget seyn;
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Wird, nebst der Kraft der Gottheit Werke zu kennen, uns
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Gott selbst entrissen.
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Wer kann bewundern? Wer geniessen? Wer kann GOtt
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danken? wenn der Geist
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Beständig mit sich selbst beschäftigt, sich seiner wahren
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Pflicht entreißt,
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Die in des Schöpfers Ehr’ allein besteht, wozu wir bloß
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gemacht?

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Wir lassen auf dem hohen Weg, den wir uns bahnen,
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aus der Acht
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Des Schöpfers weise Macht und Liebe. Wir wollen stets
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das Wissen häufen,
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Und, was uns wirklich unbegreiflich, des Schöpfers weise
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Macht begreifen.

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Uns scheinet der Verstand geschenkt, was uns der Schöpfer
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wollen gönnen,
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Bloß im vernünftigen Genuß, und im Bewundern zu er-
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kennen.
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So aber sieht man uns recht sträflich den angewies’nen
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Weg verlassen,
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Um die verborgne Spur der Dinge, und wie sie GOtt gewirkt,
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zu fassen.
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Es scheinet wahr, und mehr als glaublich, daß, wenn ein
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Pferd sein Futter frißt,
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Es fast vernünftiger geschehe, als wie vom Menschen,
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wenn er ißt.
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Denn hat es nicht so scharfe Geister, als wir; so sind sie auch
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hingegen
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So unvernünftig nicht zerstreut, als unsre, die, ohn’ Ueber-
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legen,
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Indem sie stets was anders denken, was sie geniessen nicht
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erwegen.
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Da es unwidersprechlich wahr, daß unser Auge gar nichts
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sieht,
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Und unsre Ohren nichts vernehmen, wenn unser denkendes
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Gemüht
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Mit anderm Vorwurf sich beschäftigt. Die Leidenschaf-
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ten helfen zwar
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Die Geister gleichfalls zu zerstreuen, und von den Sinnen
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abzuziehn.
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Allein die Wissens-Sucht, da wir, was wir doch nicht
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begreifen sollen,
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Jm Geistlichen und Weltlichen, ergrübeln und begreifen
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wollen,
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Hat noch die allergrößte Schuld. Wie viele sieht man
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sich bemühn,

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Geheimnisse der Schrift zu fassen, und selbe deutlich zu
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erklären,
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Die doch, wenn sie Erklärung fähig, gar nicht Geheim-
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nisse mehr wären.
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Inzwischen lassen sie die Wunder von GOttes Lieb’ und
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weisen Macht,
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In welchen sie doch gleichsam schwimmen, recht unver-
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nünftig aus der Acht.

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Gott hat uns auf die Welt gesetzt, um Seine Ehre zu
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erheben,
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Er hat uns ungezähltes Gutes, zur Lust und zum Genuß,
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gegeben.
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Wir aber achten dieses nichts. Der Geist fliegt in die
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Höh', wir schweben
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Aus unserm angewies’nen Ort in einen andern, und ver-
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gessen,
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In unserm aufgeblas’nen Flug, des Schöpfers Ordnung
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zu ermessen,
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Die uns zur Richtschnur dienen sollte, und zwar, ohn’
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Ausnahm, ganz allein.
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Gott will uns hier auf Erden haben, wir wollen nicht
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auf Erden seyn.
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Der Geist verschmäht das uns von GOtt allhier gegön-
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nete Vergnügen,
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Und sucht, auf seine Weis’, ihm Flügel (könnt’ er) selbst
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über GOtt zu fliegen.

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Ach, mögten wir doch unsre Pflicht, und in derselben
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Gottes Willen,
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Jm angewies’nen Brauch des Geistes, und nicht der Wis-
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sens-Sucht, erfüllen!

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Ach, laßt, den in der Sucht zu wissen versteckten Hoch-
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muht doch nicht mehr
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Euch den Genuß von GOttes Gaben, und in demselben
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Gottes Ehr',
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So sträflich, wie bishero, rauben! Bezähmt solch sträfli-
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ches Erkühnen,
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Und lasset eurer ersten Eltern Exempel, euch zur Lehre,
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dienen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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