Die erste Staffel zur Gottheit

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Barthold Heinrich Brockes: Die erste Staffel zur Gottheit (1743)

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Ich, der mein Wesen selbst nicht kenne, befinde mich in
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einer Welt,
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In welcher ungezählte Schönheit, Pracht, Ordnung, Nutz
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und Lust vorhanden,
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Und welche nie zu zählnde Wunder in ihrem weiten Kreis
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enthält.
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Ich find in meinem Geist die Wahrheit: Daß sie nicht von
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ihr selbst entstanden.
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Ich bin, durch sie, denn überführet, und werd’ es Anfangs
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ganz allein,
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Durch diesen ewig wahren Schluß: Es muß ein GOtt,
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ein Schöpfer seyn.

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Wann nun von diesem Welt-Gebäude die Wunder-reiche
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Herrlichkeiten
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Die allerersten Stuffen sind, die uns zur wahren Gottheit
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leiten;
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Wie kann man doch, sie aufzusteigen, sich wegern, sie nicht
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einst betrachten?
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Mit welchem Fug kann man, in ihnen, Den, welcher sie
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gemacht, verachten?

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Gott zeigt uns selber diesen Weg, um, auf demselben,
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Jhn zu finden,
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Und lehret den sonst leeren Geist, durch Sinnen, mit Sich
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Selbst verbinden,
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Sein Wesen, Seine Güte schmecken, und, uns zum Nutz,
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und Jhm zum Preise,
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Auf diese, als die würdigste, und, Jhn zu ehren, beste Weise,

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Geschöpf und Schöpfer wohl vereinen, da wir aus Leib
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und Geist bestehn,
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Und um und an uns Creaturen, die ihren Schöpfer zei-
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gen, sehn.

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Wir aber wählen andre Wege, betreten eine fremde
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Bahn,
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Wir sehen unsere Gedanken von GOtt, die wir uns selber
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weben,
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Ohn’ auf Sein Seyn in Seinen Werken, wo Er Sich
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zeiget, Acht zu geben,
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(o selbst erzieltes Götzen-Bild!) für eine wahre Gottheit
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an.
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Wir eignen ihr verschiedne Kräfte, die doch nur in uns
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selber haften,
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Und, nur in etwas höherm Grad, der Menschheit eigne
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Leidenschaften,
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Die aus uns selber quillen, zu. Wir schneiden, bloß
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nach unserm Leiste,
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Uns einen GOtt in unserm Hirn, nach unserm eignen
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Leib und Geiste.
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Wir legen nicht nur unsre Cörper, in eines Greisen Bild,
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Jhm bey;
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Wir meynen, wenn Er denkt, wie wir, daß Er sodann
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vernünftig sey.
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Wir unternehmen uns zu sagen, durch richtig- und gefügte
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Schlüsse,
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Daß es, nach ihrem Sinn, die Gottheit so und nicht anders
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machen müsse.

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Wirfst du mir hier vielleicht nun ein: “Mein Freund!
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du übereilest dich,
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„du thust bey deiner eignen Seele nicht wohl, sie so
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vermessentlich
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„so klein zu machen, zu verachten. Bist du von ihr nicht
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überführt,
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„sie stamme selbst vom Schöpfer her, Der auch sogar den
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Leib formiert
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„in Adams Leib, nach Seinem Bilde, und Der den Odem,
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voller Leben,
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„in Adams Nase Selber blies; so ist die Antwort leicht
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gegeben:

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Ist dieses nach dem Wort-Verstande, und nicht figür-
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lich zu verstehn;
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So weiß ich nicht, wie solche Seele sich jemahls kann ver-
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dammet sehn,
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Die mit der Gottheit selbst verwandt, wie du ja schreibest,
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glaubest, lehrest,
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Und an so vielen tausend Stellen die Schrift, nach diesem
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Sinn, erklärest.
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So wirst du ja, aus diesem Satz, die wirkliche Figürlichkeit,
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Jm Ausdruck, von dem Odem sehn, und folglich aus dem-
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selben schliessen:
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Es sey der Geist des Menschen nicht von göttlicher Be-
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schaffenheit,
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Und, daß er folglich GOtt nicht fassen, noch bilden kann,
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gestehen müssen.

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Dieß alles aber hindert nicht, daß GOtt nicht eine rege
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Kraft
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Der Menschen Seelen anerschaffen, und Er ihr eine Ei-
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genschaft,

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(jedoch nach Seiner weisen Ordnung) Jhn immer mehr
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und mehr zu kennen
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Aus Seinen wunderbaren Werken, nicht hätte sollen
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geben können.
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Aufs wenigste wird die Vernunft unwidersprechlich dieß
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dir zeigen:
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Die Werke seyn die erste Staffel, auf welche wir zur
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Gottheit steigen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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