Gefährlicher Abweg der Vernunft

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Barthold Heinrich Brockes: Gefährlicher Abweg der Vernunft (1743)

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Ich sahe jüngst ein weinend Kind, das halb im Grase
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lag, halb saß,
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Das, mit geschwollnen Augenliedern, mit Wangen, ganz
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von Zähren naß,
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Mit Fingern seine Augen rieb, verdrießlich und erbärmlich
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flennte,
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So daß man sein Geschrey kaum dulden, es aber auch nicht
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schweigen könnte.
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Ich hörte, wie ich es, warum es so erbärmlich weinte, fragte,
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Daß es mir, mit verzognen Lippen, und heiserm Ton, zur
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Antwort sagte:
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“ich wollte starr die Sonne sehn,
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„daher ist mir so weh geschehn.

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Nachdem wir es nun aus der Sonnen, und in den
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nah gelegnen Schatten
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Gesetzet, und es allgemach, mit vieler Müh’, beschwichtigt
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hatten;
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Erwegt’ ich dieses Kindes Thun, mit einem ernsten Ueber-
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legen.
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Ich fand in ihm ein lehrend Beyspiel, und ein Erinnrung-
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volles Bild,
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Mit einem überzeugenden Beweis, zumahl für die, erfüllt,
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Die, wie dieß Kind es mit der Sonnen, mit GOtt es selbst
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zu machen pflegen,
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Da sie nicht GOtt in Seinen Werken, worinn sie Jhn doch
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sehen sollen,
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Nein, mit Verachtung dieses Weges, Sein Wesen Selber
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sehen wollen.

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Die Sonne kann in den von ihr bestrahlten Cörpern auf
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der Erden,
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Mit vieler Lieblichkeit und Anmuht, gesehn, genossen und
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gespührt,
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So daß uns, im Genuß, der Geist zu ihren Herrlichkeiten
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führt,
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Nicht aber ihres Lichtes Quell’, in eignem Glanz, gesehen
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werden.
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Für unsre Augen ist allein die durch ihr Licht gewirkte
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Pracht,
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Nicht aber ihres Lichtes Abgrund, ihr flammend Meer
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von Glanz, gemacht.
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Will man die Ordnung der Natur aus Eigensinn und
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Stolz verkehren;
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So wird die nahe Straf’ im Jrrthum des Jrrthums Gröss’
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uns deutlich lehren.

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Wie sonst, so scheinet von der Gottheit auch hier die Sonn’
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ein Schatten-Bild,
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Voll Anmuht, Lieblichkeit und Nutzen, doch auch mit ernster
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Lehr erfüllt.
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Es will von ihres Lichtes Glanz der undurchdringlich helle
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Schein
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Genossen, aber nicht erblinzt, erforschet, noch ergrübelt
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seyn.
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Gott hat uns Seine Herrlichkeit, und Seine Weisheit, Lieb’
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und Macht,
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In Seiner schön- und weisen Werke ganz unausdrücklich
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schönen Pracht
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Gezeigt, und offenbahren wollen. Wir aber wollen sie nicht
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sehn,
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Und, um die Gottheit selbst zu finden, auf selbst erfundnem
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Wege gehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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