Bewährtes Mittel für die Augen

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Barthold Heinrich Brockes: Bewährtes Mittel für die Augen (1743)

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Wenn wir in einer schönen Landschaft, mit Anmuht
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rings umgeben, stehn,
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Und, durch die Creatur gerühret, aufmerksamer, als sonst
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geschehn,
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Den Schmuck derselben zu betrachten und eigentlicher ein-
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zusehn,
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Noch einst vernünft’ge Triebe fühlen; so finden wir, daß
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unsre Augen
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(durch die Gewohnheit fast verblendet, und gleichsam
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ungeschickt gemacht)
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Der Vorwürf’ Anzahl, Zierlichkeit, der Farben Harmonie
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und Pracht,
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Indem sie sich zu sehr vertheilen, nicht ordentlich zu sehen
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taugen.
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Es scheint, als ob sich die Gedanken, so wie der Augen
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Strahl, zerstreuen,
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Und daß dieß der betrübte Grund, wodurch wir uns der
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Welt nicht freuen,
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Noch GOtt, in Seiner Creatur, mit mehrerm Eifer, ehren
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können.
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Wir lassen, mit dem hellen Licht, in unsre sehende Kry-
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stallen
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Zu viele Vorwürf’ auf einmahl, und zwar von allen
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Seiten, fallen.
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Anstatt daß unsere Vernunft, zu einer Einheit sie zu
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ziehn,
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Sie nach einander zu betrachten, sie zu bewundern, sich
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bemühn,

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Und sich daran vergnügen sollte; so springet, recht wie
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Licht und Blick
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Von allen plötzlich rückwerts springet, auch ebenfalls der
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Geist zurück,
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Ohn’ in der Cörper Schmuck und Ordnung, wie es doch
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nöhtig, einzudringen,
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Ohn’ in uns Lust, Erkenntlichkeit und Dank aus uns
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herauszubringen.
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Der Unlust und des Undanks Quell’, den wahren Unglücks-
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Brunnen nun
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Zu stopfen, und, nach Menschen-Art zu sehen, etwas doch
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zu thun,
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Und uns zum Sehn geschickt zu machen; raht ich ein Mittel
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anzuwenden,
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Das, wie ich neulich auf dem Felde spatzieren ging, von unge-
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fehr,
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Bey den Betrachtungen, mir beyfiel, und das, zu brauchen,
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gar nicht schwehr.
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Es hat ein jeder von uns allen dieß Mittel selber in den
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Händen.
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Man darf, wofern man es gebraucht, inskünftige nicht
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ferner klagen:
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Ich weiß nicht was ich sehen soll, das Feld ist gelb, die
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Luft ist blau,
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Der Wald ist licht- und dunkel- grün, und dieß ist alles, was
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ich schau.
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Jhr seyd, durch meinen schlechten Vorschlag, gewiß geschick-
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ter GOtt zu preisen.
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In einem flachen offnen Felde, in welchem ihr spatzieren
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geht,
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Und, durch der Vorwürf’ Anzahl, nichts, als etwan Feld
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und Himmel, seht,

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Will ich euch, in verschiedner Schönheit, statt einer Land-
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schaft, tausend weisen.
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Man darf nur bloß von unsern Händen die eine Hand
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zusammenfalten,
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Und sie vors Auge, in der Form von einem Perspective,
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halten;
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So wird sich, durch die kleine Oeffnung, von den dadurch
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gesehnen Sachen
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Ein Theil der allgemeinen Landschaft zu einer eignen
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Landschaft machen,
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Von welcher, wenn man mahlen könnte, ein’ eigne nette
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Schilderey
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Zu zeichnen und zu mahlen wäre. Man darf sie nur ein
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wenig drehen;
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So wird man alsbald eine neue, von ganz verschiedner
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Schönheit, sehen.

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Was nun die Ursach’, daß die Schönheit für uns so sehr
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vervielfacht sey,
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Läßt sich ganz eigentlich erklären: Zu viele Vorwürf’ in die
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Augen,
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Die wir, durch gar zu grosse Menge, nicht recht zu unter-
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scheiden taugen,
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Sind abgehalten, und die Strahlen, die in die spiegelnde
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Krystallen,
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Mit den Figuren ihrer Cörper, an des Gesichtes Nerven
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fallen,
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Sind nicht nur dadurch deutlicher, daß unser Geist sie schär-
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fer merkt;
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Der kleine, durch die hohle Hand, formierte kleine Schatte
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stärkt,
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Durch sanfte Dunkelheit, das Auge, und folglich ist der
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Geist geschickt,

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Mit größrer Achtsamkeit, auf Dinge, die einzeln, schärfer
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sich zu lenken,
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Und die darinn vorhandne Schönheit, mit mehrerm Nach-
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druck, zu bedenken.
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Zumahlen es unwidersprechlich, und eine feste Wahrheit
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bleibet
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Das, was der Britten grosse Newton uns von dem Sinn
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der Augen schreibet,
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Sey vielen Menschen noch verborgen, so wie es vormahls
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auch gewesen:
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Es sey das Sehen eine Kunst, sowohl als Schreiben,
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oder Lesen,
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Wozu wir den Verstand sowohl, als wie zu allen andern
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Schlüssen,
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Ja öfters andre Sinnen mehr, um recht zu sehn, gebrau-
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chen müssen.

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Ach, daß wir uns denn dieses Mittels, um, wie die Crea-
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tur so schön,
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Zu GOttes Ruhm, und unsrer Lust, mit mehr Bedacht-
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samkeit zu sehn,
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Und ihren Schmuck zu unterscheiden, zuweilen doch gebrau-
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chen mögten,
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Damit wir öfters, wie bisher:
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Werke! dächten!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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