Klägliche Folgen des strengen Winters 1740.

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Barthold Heinrich Brockes: Klägliche Folgen des strengen Winters 1740. (1743)

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Wie ist doch der betrübte Winter von einer gar zu langen
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Dauer,
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Kein Laub, kein Blättgen zeiget sich, kein Kraut, kein Gräs-
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gen bricht herfür!
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Wo ist das schöne grüne Feld? Wo der beblühmten Gärten
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Zier?
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Bleibt unsre Mutter heuer denn in unveränderlicher
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Trauer?
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Verändert sich denn die Natur? Führt uns der Winter
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nicht zum Lenzen?
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Kömmt keine Wärme nach dem Frost? Der sonst beblühmte
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Monat May
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Hat keine Bluhmen, kennt kein Grün, und ist dennoch schon
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halb vorbey.
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Des alten Grases welker Wust deckt, wie ein schmutzigs
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blasses Heu,
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Die sonst so lieblichen Gefilde, wo Bluhmen, Klee und
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Kräuter glänzen.

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Ist gleich das Wasser aufgethaut, so scheint die Luft an-
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noch gefroren,
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Sie füllt ein Heer von kalten Theilen, das uns mit stren-
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ger Schärfe preßt,
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Und fast kein Kraut aus harter Erde, kein Blatt aus seiner
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Knospe läßt.
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Ein lauer Regen sprüet nirgend, früh wird für uns
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kein Thau gebohren,

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Das Vieh blöckt in dem leeren Stall, es blöcket auf den
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öden Weiden,
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Dort ist kein Futter, hier kein Gras, die ganz enthaarte
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nackte Haut,
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So kaum die dürren Knochen deckt, wird ohne Gram nicht
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angeschaut.
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Jhr Brüllen bricht des Landmanns Herz, er leidet selbst bey
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ihrem Leiden;
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Sieht etwan einst ein Spierchen Gras, das niedrig steht am
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Wasser-Graben,
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So stürzet es oft in das Wasser. Man rettet dieses arme
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Vieh
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Zuweilen nicht, und es ertrinkt; zuweilen, doch mit vieler
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Müh,
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Indem sie selber sich zu helfen, für Hunger, keine Kräfte
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haben.
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So geht es Ochsen, Kühen, Kälbern, den Schaafen gleich-
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falls, nebst den Pferden,
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Sie schleppen kaum ihr eigne Last. Nun soll annoch gepflü-
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get werden.
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Ja, wo das Unglück sich nicht ändert, wie soll im Herbste
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doch das Feld,
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Wenn sie noch weiter sterben sollten, zur nöht’gen Winter-
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Saat bestellt,
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Gepflüget und geeget werden? Woher soll Milch und
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Butter kommen?
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Woher, zu unsrer Nahrung, Fleisch? Ach, wird denn nun
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nicht wahrgenommen,
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Was für ein Schatz im Grase steckt, worauf wir niemahls
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fast gedacht,
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Weil es, so lang man denkt und weiß, das Land von selbst
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hervorgebracht.

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Ach, welch ein göttliches Geschenke hat in der Erden
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Schmuck gesteckt,
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Das man, wie alles Gute, leider! nunmehr, bloß im Verlust,
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entdeckt!
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O GOtt! aus Dessen Lieb’ und Macht allein das Laub
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und Gras entstehet,
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Wir haben durch des Undanks Laster, durch unsre Uner-
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kenntlichkeit,
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Die Strafe mehr als wohl verdient, daß es uns geht, wie es
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uns gehet.
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Wir fühlen itzt von unsrer Sünden die sträfliche Beschaf-
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fenheit.
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Wir haben nicht des Grases Wehrt erwogen, nicht, wie es
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so schön,
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Bey seinem Nutz, zu unsrer Lust, anbey geschmückt, nicht
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angesehn.
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Steckt gleich der Thier’ und Menschen Nahrung fast in
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dem Grase nur allein;
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Wir haben es fast nie bedacht, wie konnten wir gerühret
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seyn?
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Wie konnten wir dem Schöpfer danken, da wir doch offen-
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bar itzt sehn,
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Daß, wenn allein das Gras uns fehlte, die lebendige Welt
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vergehn,
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So Thier’, als Menschen sterben müsten? Nun aber, da
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wir leider finden,
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Was aller Welt daran gelegen, und da es uns nunmehro
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fehlt,
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Mit Thränen in den Augen fühlen, wie heftig der Verlust
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uns quält,
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Und wir nunmehr die bittern Folgen von diesem Mangel
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kaum ergründen;

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So fällt mir Moses Beyspiel ein, da er sich für sein Volk
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erkühnte,
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Und gegen Dich, HErr Zebaoth! sich Deines Namens selbst
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bediente.
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Soll, sprach er, denn der Heiden Schaar von Deines Na-
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mens Ehre sagen:
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Du habest Jsrael erlös’st, sie in der Wüsten zu erschlagen?
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Auf gleiche Weise bin ich kühn, und stelle, grosser Schöpfer!
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Dir
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Die Ehre Deines grossen Namens, in tiefster Unterwerfung,
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für.
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Soll, denk ich, denn ein Atheist (da Du ja aller Welt ver-
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sprochen:
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So lang’ als Erd’ und Himmel steht, hört in dem fest
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gestellten Lauf
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Der Frühling, Sommer, Herbst und Winter, in ihrer
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Ordnung, nimmer auf.)
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Wohl ungeahndet sagen können: Es wär Dein grosses
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Wort gebrochen?
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Ich flehe Dich nicht um ein Volk, in aller Völker Namen an,
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Wovon kein einzigs ohne Gras, wie wir gesehn, bestehen
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kann.
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Ach laß, HErr, Deiner Gnaden Schein, in lauer Wärme,
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wiederkehren!
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Schenk uns aufs neue Laub und Gras, damit sich Thier’ und
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Menschen nähren,
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Und laß, im frohen Danken, uns dafür mehr, als zuvor,
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Dich ehren!Siehe die sehr späte Heu-Erndte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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