Der Strand der Elbe im Winter 1740

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Barthold Heinrich Brockes: Der Strand der Elbe im Winter 1740 (1743)

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Was man erblickt', war alles wild,
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Die ganze Landschaft war erfüllt
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Mit Gegenwürfen, voller Schrecken;
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Doch konnte man darinn zugleich,
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Daß sie von mancher Schönheit reich,
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Ja Farben, Glanz und Schmuck entdecken.

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Von schwehren Felsen, die zerstückt,
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In nicht zu zählenden Gestalten,
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Zerdrengt, geborsten und gespalten,
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Ward der beschneite Strand gedrückt.

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Hier drohet eine schwehre Last,
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Von ungeheuren Quader-Stücken,
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So Schiff’, als Bollwerk zu zerdrücken.
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Die doch, nachdem sie einst in Rast,
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Für mehren Drang und Anfall, ihnen
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Nunmehro selbst zur Mauer dienen.

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Hier siehet alles öd’ und wilde,
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Die Landschaft starrt, wie Fels und Stein,
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Da zeiget uns der Sonnenschein
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Ein diamantenes Gefilde,
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Wenn von den glänzenden Krystallen
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Die Blitze funkelnd rückwerts prallen.
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Dort läßt, halb schön, halb fürchterlich,
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Ein hell-bestrahltes Eis-Feld sich,
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In einem Strudel-reichen blauen
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Beweglichen sapphirnen Strich,

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Und da von dunkel-blauer Fluht
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Ein reger Strich, der nimmer ruht,
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Jm Durchbruch weisser Berge, schauen.

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Hier ströhmten rege Felsen fort,
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Der Erden Fläche schien zu fliessen,
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Erhabne schroffe Berge liessen,
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Als sünken sie von ihrem Ort.
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Durchsicht’ge Hügel von Krystallen
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Sah man sanft hin und wieder wallen,
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Und wenn darauf die Sonne schien,
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Sah man dieselbe blitzen, glühn,
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Jm bunt- gefärbten Feur glimmen,
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Und, zu des Blicks Erstaunen, schwimmen.
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Es war das Bruch- und Schiefer-Eis
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So glänzend-hell, so rein, so weiß,
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Daß es dem schönsten Silber gliche.
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Wodurch es denn nicht anders ließ,
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Als wenn das, was vorüber schliche,
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Uns lauter fliessend Silber wies.

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Dort sieht man ungeheure Schollen,
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In Wirbeln und in Strudeln, rollen,
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Wo sie, mit krachendem Getön,
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Hier sinken und sich dort erhöhn.
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Ein recht gewaltig-schwehrer Drang
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Preßt hier den sanft- und strengen Gang.
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Ein ernstes majestätisch Regen
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Schien alles, was man fern und nah,
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Theils angenehm, theils greßlich, sah,
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Jm stillen Zuge, zu bewegen.

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Es schwamm mein reger Blick, und glitt
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In diesem strengen Zuge mit.

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Inzwischen dacht’ ich der Gestalt
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Der Erden, wenn der Frost sie drücket,
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Bedachtsam nach, und sprach: Wie bald
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Wird, was man sieht, nicht mehr erblicket!
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Wie bald vergeht von der Natur
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Die itzt uns schreckende Figur!
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Sie schwindet, wie das Eis vergehet.
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Der Welt natürlich schönes Kleid
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Zeigt bald die vor’ge Lieblichkeit,
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So bald ein lauer West-Wind wehet,
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Und wenigstens zur Frühlings-Zeit.

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Inzwischen freuet sich mein Geist,
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Daß man auch, wenn es schneit und frieret,
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Doch auch im Frost Vergnügen spühret,
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Und mancher Winter-Lust geneußt.
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Zumahl, wenn man dabey bedenket,
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Daß GOtt, auch in der Winters-Zeit,
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Uns mancherley Bequehmlichkeit,
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In Kleidern, Holz und Pelzwerk, schenket.
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Doch laßt uns nicht dabey vergessen
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Die Noht, die manchen Armen drückt,
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Den weder Pelz noch Feur erquickt,
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Bey dieser Kälte zu ermessen.
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In dieses Winters Grimmigkeit
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Laßt uns nicht säumen mitzutheilen!
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Besonders ist es itzo Zeit
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Den Dürftigen zu Hülf’ zu eilen.

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Du könntst in seiner Stelle seyn,
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Du hast den Wohlstand, der dir grünet,
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Und deiner Wohlfahrt Sonnenschein,
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Gewiß nicht mehr, als er, verdienet.

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So zeige denn ein menschlich Herz,
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Und suche seinen scharfen Schmerz
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Durch eine milde Hand zu lindern,
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Und, nach Vermögen, zu vermindern.
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Er dient und nützet dir genug.
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Du kannst, im Gegensatz von deinem
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Zu seinem Stand, und von dem seinen
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Zu dir, den Unterschied mit Fug
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Bemerken, und dadurch erkennen,
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Was GOtt dir Gutes wollen gönnen,
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So, zur Vermindrung seiner Ehre,
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Dir sonst verborgen blieben wäre.
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Man folge denn doch seiner Pflicht,
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Verhärte ja sein Herze nicht,
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Und merke diese wahre Lehre:
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Wir sollten uns zwar stets der Armen,
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Doch mehr annoch im Frost, erbarmen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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