Der Winter

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Barthold Heinrich Brockes: Der Winter (1743)

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Es füllt die Welt, auch bey dem Frost, sich öfters mit so
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schönen Bildern,
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Daß ich mich nicht enthalten kann, wie sehr sie, auch im Win-
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ter, schön,
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Dem Schöpfer der Natur zum Preise, nicht nur aufmerksam
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anzusehn;
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Ich muß noch eine Winter-Landschaft in meinen Liedern
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abzuschildern,
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Und zwar, so viel es möglich ist, recht eigentlich und nach
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dem Leben,
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So daß sie auch im Sommer sichtbar, und zu bewundern,
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mich bestreben.

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Der Erden Fläch’ ist weiß beschneit, die Fluht, so weit man
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sieht, gefroren,
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Und ganz mit klarem Eis erfüllt. Dadurch erblickt man
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überall,
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Wohin man sieht, dem Ansehn nach, fast nichts als Silber
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und Krystall.
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Wann nun an einem heitern Tag die scharfen Winde sich
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verlohren,
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Und man sodann im Sonnenschein, wenn sie aufs aller-
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höchste steht,
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Am Ufer, oder auf dem Eise, bedachtsamlich spatzieren
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geht;
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Glänzt alles, was man um sich sieht, in tausendfach
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gebrochnem Licht,
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So daß den fast durchstrahlten Augen, dem fast geblendeten
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Gesicht,

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Kein Vorwurf schöner scheinen kann. Von angestrahlten
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Eises Spitzen
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Erhebet sich, an tausend Stellen, ein helles bunt-gefärbtes
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Blitzen,
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Wenn nemlich, an so vielen Ecken, das aufgefangne Son-
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nen-Licht,
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In schnell zurückgeschickten Strahlen, und reinem Glanz,
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sich funkelnd bricht.
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Wenn man in einer Landschaft wäre, wo alles voll von
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Edelsteinen,
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Unmöglich könnte sie im hellern, poliert- und reinern
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Glanze scheinen.
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Es sieht, zu einer solchen Zeit, der Erden und das Wasser-
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Reich,
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Am Schimmer, Glanz und buntem Feuer, fast wahren
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Diamanten gleich.
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Von selbst geformte Prismata sieht man bald hier, bald
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dorten funkeln,
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Hier Purpur, dorten Gelb, wie Gold, hier Weiß, dort
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Blau, da Roht, dort Grün,
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In wandelbarer Farb’ und Glanz, recht als im bunten Feuer,
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glühn,
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In klein- und grossen Eises Stücken, auf weissen bald, und
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bald auf dunkeln,
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Mit schwärzlich- blau gemischten Stellen des unbeschneiten
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Eises, das
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Sich oft, so weit man sieht, erstreckt, als wie ein grosses
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Spiegel-Glas,
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Worinn von abgestreiften Bäumen, von Schnee- von
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schroffen Eises-Hügeln,
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Und vielen andern Gegenwürfen, sich mancherley Figuren
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spiegeln.

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Ja, worinn oft, selbst von der Sonnen, nicht nur ihr güld-
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nes Rund sich bildet,
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Zugleich auch eine Menge Strahlen den glatten Grund oft
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ganz vergüldet.
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Viel’ Stellen, von gedämpften weissen, viel-förmgen krum-
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men Adern reich,
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Sehn schönem grau-polierten Marmor an Farben, Glanz
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und Glätte gleich.

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Der hart gefrorne Schnee-Staub scheint, in seinen kleinen
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glatten Trümmern,
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Wie Millionen Edelsteine, wie diamantner Staub, zu
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schimmern,
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Indem darauf, mit ihren Strahlen, die Schönheit-Quell’,
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der Sonnen Licht,
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Auf Millionen Art- und Orten, sich in so reinem Schimmer
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bricht,
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Daß man an einem weissen Himmel glaubt so viel’ Sterne
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wunderschön,
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Als wie, in einer heitern Nacht, am blauen Firmament
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zu sehn.
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Was nun, in so gefärbten Blitzen, sich schimmernd hier vor
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Augen legt,
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Wird ihnen, bloß von einer Sonne, wovon sie Bilder, einge-
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prägt.
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Man sollte denn auf sie den Blick, den so gerührten Blick
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nicht lenken,
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Ohn’ an den Ursprung, an die Sonne, und deren
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zu gedenken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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