Winter-Gedicht, nebst einigen Betrachtungen, auf welche Weise das Wasser gefrieret

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Barthold Heinrich Brockes: Winter-Gedicht, nebst einigen Betrachtungen, auf welche Weise das Wasser gefrieret (1743)

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Da itzt ein allgemeines weisses und helles Licht die Welt
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bedecket,
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So daß ein Schimmer-reicher Glanz, so weit der Augen
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Strahl sich strecket,
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Und ein recht blendender und strenger, dem reinsten Silber
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gleicher Schein
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Der ganzen Erde Fläche schmückt; kann ich nicht unaufmerk-
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sam seyn.

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Ich sehe hier am weissen Ufer, der Elbe noch nicht starre
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Fluht,
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In einem dunkel- blauen Glanz, in majestätscher Stille
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fliessen,
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Und, da die Luft auch blau und klar, und aller Winde
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Heer itzt ruht,
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Wie, durch den Gegensatz, die Ufer, die weiß, noch desto
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weisser liessen.
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Die Augen-Lust, die auch im Winter ein achtsam Aug’
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erfreuen kann,
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Sah ich, nicht nur zu meiner Lust, als einen schönen
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Vorwurf an;
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Mich deucht selbst einen Gegenwurf, zu GOttes Ruhm,
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darinn zu finden,
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Und suchte beid’, in stiller Andacht, in meinem Herzen zu
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verbinden.

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Daß auch dergleichen schönes Schauspiel nicht unvermer-
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ket mögte schwinden,
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Nein! auch von andern auf der Erden
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Noch mögt’ auf lange Zeit erblickt, betrachtet und bewun-
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dert werden;
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Beschloß ich, um so mich, als andre, auf lange Zeit noch
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zu ergetzen,
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In nicht so bald geschmolznen Wörtern hier einen Abdruck
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herzusetzen,
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Damit ich, auch im strengen Frost, des Schöpfers Wunder
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zu erheben,
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Und uns in ihnen zu vergnügen, dadurch mögt’ einen
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Anlaß geben.

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Ich sah bewegliche, theils glatt- theils rauhe weiß- be-
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schneite Schollen
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Jm dunkel- blauen regen Fluß hier treiben, dort sich stossend
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rollen,
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Hier, durch des Wassers Last und Drang, sich öfters an ein-
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ander stämmen,
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Dort krachend brechen und zertrümmern, hier oft des
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Wassers Zug verdämmen,
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Bald sich in schnelle Wirbeln drehn, bald schwirrend in die
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Höh' geschoben,
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Wodurch denn Eis-Berg’ hie und da gethürmt sich plötzlich
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aufwerts hoben,
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Durch deren glänzend-schroffe Spitzen, durch deren glatt’
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und rauhe Höh'n,
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Der Bau der Erden öd’ und prächtig, vergnüglich-wild,
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entsetzlich-schön,
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Gefällig- greßlich, schreckend- lieblich, zugleich auf einmahl
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anzusehn.

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Ich sahe ferner, weil es Abend, im Westen, ein beschneites
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Feld,
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In einem Augen- blendenden und mehr als Silber-weissen
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Glänzen,
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An die fast güldne Abendröhte des Himmels, am Gesichts-
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Kreis, grenzen.
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Es ward hiedurch ein silberner und güldner Schmuck uns
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vorgestellt,
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So daß das uns sonst ohnedem so angenehme Farben-
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Spiel
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Auch selbst den Unachtsamsten fast aufmerksam macht und
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ihm gefiel.

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Wie es nun mir vor vielen andern ein ungemein Ver-
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gnügen machte,
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Fing ich gerühret an, und dachte:
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Mein GOtt! wie hell und herrlich mahlen
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Auch die entfernte Sonnen-Strahlen,
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Auch selbst im Winter, Fluht und Feld!
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Wie wird auch itzt das Aug’ erfreuet!
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Es scheinet die beschneite Welt,
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Als wäre Licht darauf gestreuet.
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Schau, wie des Eises weisse Schollen
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Jm dunkel-blauen Wasser rollen!
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Schau, wie sie sich zusammendrücken,
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Und dort die rege Fluht bebrücken.

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Indem ich das gefrorne Wasser und ein erstarrtes Eis
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erwege;
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Vermeyn ich, daß desselben Wesen und Art, wie es sich zeugt,
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wohl wehrt,
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Daß man, so viel wir davon fassen, von seinem Ursprung
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überlege,

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Wovon man vieles hin und wieder, doch aber nicht viel
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deutlichs lehrt.
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Jedoch will ich dich, wehrter Leser! mit vielen Meynungen
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nicht quälen,
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Nein! bloß die, so die wahrste scheinet, in aller Kürze dir
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erzehlen:
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Des Wassers Flüßigkeit bestehet, so viel wir es ergründen
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können,
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Daß zwischen seinen kleinen Theilen subtile Theilchen sich
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befinden,
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Von einer reinen Himmels-Luft, wodurch sich selbiges
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beweget.
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Wann die nun, wegen ihrer Leichte, sich von dem Wasser
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aufwerts heben,
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Und, durch die kalte Luft verhindert, kein’ andre sich
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herabwerts geben;
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So folgt von selbsten, daß dieß Wasser, so wie vorhin, sich
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nicht mehr regt,
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Einfolglich hart wird und erstarrt. Wie man mit Augen
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sehen kann,
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So fängt das Frieren des Gewässers stets von der obern
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Fläche an,
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Da es zuerst, wie Fett gesteht, nachher wird eine dünne
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Haut
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Aus harten Theilen, die sich binden, zusehends, wenn
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es friert, geschaut.
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Dieselbe wird nun immer dicker, indem mehr Theilchen,
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unter sich
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(von denen ihre Himmels-Luft sich auch entfernt)
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gemeinschaftlich
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Mit denen obersten erstarrt, zu den verhärteten sich
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fügen,

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Weil immer mehr subtiler’ Theilchen gepresset oberwerts
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verfliegen,
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Da aus der, durch die ferne Sonne, verdickten Luft
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an ihrer statt
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Sich keine wieder abwerts senken, wodurch denn (nach
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dem wahren Schluß,
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Daß, wenn die Ursach’ fehlt, die Wirkung zugleich mit
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jener fehlen muß)
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Auch die Bewegung in dem Wasser von selbsten gleich ein
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Ende hat.
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Wann aber aus der lindern Luft sich warme Theile wieder
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lenken,
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Und in des Eises luckre Löchlein mit ihrer regen Kraft
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sich senken;
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Verändert sich desselben Wesen und starrende Beschaf-
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fenheit,
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Entbindet sich die spröde Härte, entsteinet sich die Fe-
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stigkeit,
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Und wird behende wieder flüßig. Dieß ist die Ordnung
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der Natur,
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In welcher wir aufs neue wieder, wenn wirs erwegen,
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eine Spur
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Von einer weisen Macht verspühren.
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Da, wenn die Ordnung anders wär, in Theilchen, die das
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Wasser rühren,
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Das Eis so bald nicht schmelzen könnte, und alle Wasser,
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die gefrieren,
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Den Felsen gleich, verbleiben würden. Einfolglich würde
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von der Erden
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Die ganze Fläche wüst’, unbrauchbar, ja gänzlich unbe-
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wohnbar werden.
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Wenn wir demnach die Fluht gefrieren, und unsers Eises
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Wesen sehn;
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So laßt uns GOttes weise Ordnung, auch in gefrorner
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Fluht, erhöhn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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