Zweyter Gesang

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Heinrich Wilhelm von Gerstenberg: Zweyter Gesang (1780)

1
Stiller wird das Meer
2
Der Entzückung um mich her.
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Weh mir! auf welcher Stätte ruht
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Mein blutbetriefter Fuß?
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Welch feierliches Graun
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Steigt langsam über diese Hügel
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Wie im Nachtgewölk
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Neugeschiedner Seelen auf? –

9
Ach hier! – hier? – Ach, Halvard!
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Wie manch geflügeltes Aeon
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Ist von der Nornen Stunden-Thron,
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Seit ich dieß Grab gebaut, entflohn! –
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Ruht hier die Urne, mein Halvard,
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Hier, bester Freund, dein edler Staub? –

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Mir schwindelt! durch Jahrhunderte
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Blick ich, durch trübe ferne Nebel
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Hoch übern Horizont, ins Grab,
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Auf unsrer Freundschaft Maal herab!
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Lernts, Gotlands Söhne! Wenn der Stein
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Der Hügel schweigt, wenn seine Runen
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Verloschen sind, kein Trümmer mehr,
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Kein Brand-Altar der Freundschaft zeugt: –
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O! lernts durch ewigen Gesang,
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Und flammet neuen Opferdank
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Vom rauhen hüglichten Altar,
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Der euren Vätern heilig war.

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Im Schatten dieses Eichenhayns,
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Hier wars, von hoher Flamme warm,
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Wo ich, Halvard, in deinem Arm
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Den großen Todesbund beschwur.
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Still war die Luft, in Majestät
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Lag die Natur zu Vidris Füßen;
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Die stolzesten der Wipfel rauschten,
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Und leise Bäche murmelten.
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Unsichtbar wandelten um uns
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Zween Alfen, von Odin gesandt.
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Wo über buntbeblühmte Rasen
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Der See vom Hauch der Luft bewegt,
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Crystallne Wellen von sich jägt,
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Sahn wir, mit süßem Duft beladen,
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Die Göttinn Blakullur sich baden.
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Vom Hügel braust im Bogenschuß
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Ein breiter Quell, schwillt auf zum breitern Fluß,
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Springt donnernd über jähe Spitzen,
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Und diamantne Tropfen blitzen,
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Im Lichtstrahl und im Silberschein
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Erzitternd, durch das Laub im Hayn:
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Indeß die Wellen schmeichlerisch sich regen,
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Ihr Bild in die glanzvolle Luft zu prägen.
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Die Göttinn sah ihr himmlisch Bild,
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Wie es die Wasser-Scene füllt;
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Bescheiden schlüpfte sie zur Tiefe nieder:
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Allein das Ebenmaaß der weißen Glieder
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Strahlt durch die heitre Fläche wieder.
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Es scherzt um ihren Hals ihr blondes Haar,
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Verbirgt ihn halb, stellt halb entblößt ihn dar.
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Die seidnen Locken spielen mit den Lüften,
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Und thauen dann herab auf Marmor-Hüften.
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Die Wangen blühn in seelenvollrer Glut;
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Die runden Arme rudern durch die Fluth;
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Die kleinen Füße rudern, sanft gebogen,
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Der volle Busen wallt auf zarten Wogen.
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Die sternenvolle Nacht umschwebet sie,
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Die Flur ist Duft, der Wald ist Melodie.
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Sieh den gelindern West ihr Haar umfließen!
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O sieh den hellern Mond zu ihren Füßen! –
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Wir sahn das Wunder, staunen, beten an! –

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Schnell hören wir aus einem Zauberkahn
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Fremde Spiele der Saiten
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Mystische Lieder begleiten.
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Stillschweigend horchen wir; die Saite klingt;
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Die himmlische verborgne Stimme singt:
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»beglückt! beglückt! Dreymal beglückt!
74
Den Hiorthrimul angeblickt!
75
Beglückt! beglückt! beglückt!
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Wer in die Freuden der Götter entrückt
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Am Busen seines Freundes stirbt,
78
Ihm reichen Hrist,
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Und Skogula und Mist,
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Und Hilda und Hertruda,
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Und Hloka und Herfiudra,
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Gaull, Geira, Radgrida,
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Hod, Reginleif, Rangrida,
84
Und alle Valkyriur in Valholl
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Einherium Ol.
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Laßt uns spinnen, laßt uns spinnen
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Den Faden Thorlaug und Halvard!
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Laßt ihn in Nebel zerrinnen,
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Den Leib, der Einherium ward!«

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Der Schauer der Begeisterung
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Ergriff mein schwellendes Herz! Ich schlung
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Den Arm um meinen Freund, und schwur
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Meines Freundes Tod zu sterben!
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Da jauchzten die Valkyriur!
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Da hub mein Freund den Arm, und schwur
96
Den blanken Schild zu färben,
97
Und meinen Tod zu sterben!
98
Da jauchzten die Valkyriur!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Wilhelm von Gerstenberg
(17371823)

* 03.01.1737 in Tondern, † 01.11.1823 in Altona

männlich, geb. Gerstenberg

deutscher Dramatiker (1737–1823)

(Aus: Wikidata.org)

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