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Man schrieb, nach siebzehn hundert Jahren, noch
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fünf und dreißig an der Zahl,
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Als, nach dem dreißigsten November, ein’ unvergleichlich-
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Uns einen wunderschönen Himmel, in einer nie gesehnen
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Voll kleiner runden Wolken, zeigte, die alle, durch des
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An ihren äussern Theilen weiß, und in der Mitte dunkel
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Das reine Dunkelblau des Himmels, das durch die Oeff-
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Und, durch die weisse Nachbarschaft der Wolken schön,
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Von jener dunklen Klarheit ward, durchstrahlten heller
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Die, durch den dunklen Grund erhöht, noch ein viel hell-
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Als wie man sonst zu seh’n gewohnt, dem es betrachtenden
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In einem reinen Schimmer, zeigten. Zuweilen war der
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Zuweilen brach er sanft hervor, bald stand er halb, bald
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In einem majestätischen, in einem röhtlich-hellen Glanz,
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Zuweilen war er im Gewölk aufs neue wiederum ver-
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Das auch zuweilen röhtlich schien. Auf diese wunder-
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Folgt’, in ganz ungemeiner Schönheit, und Wärm’, und
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Heiterkeit, und Pracht,
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Ein ja so wunderschöner Tag. Wir traten in December
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Mit einer solchen stillen Luft, in solchem heitern Sonnen-
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Daß keiner je dergleichen sah. Die Luft war voller kleinen
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Die Mücken spielten hin und wieder. Mit recht bewun-
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Sah man, so gar im klaren Wasser, mit schnellem Schies-
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Durch klein Gewürm’ erregte Blitze, recht wie man es im
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Es schwärmten Bienen hin und wieder, man sah annoch,
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Den Rest noch nicht verwelkter Kräuter mit bunt-gefärb-
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Man sahe, mit vergnügtem Blick, schon wieder an den
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Bemooster Weyden-Bäum’ aufs neu die wieder eingetretne
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In einem lieblich-bräunlich-rohten, mit Purpur unter-
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In ihren aufgequollnen Rinden, in einem glatten Glanz,
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Das Vieh ward wieder ausgetrieben, und fand auf den
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Nach dem im Stall genoßnen Heu und dürren Stroh,
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Noch, und schon, alt- und junges Gras, mit fröhlicher
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Ja, wie es oftermahl im Sommer, zur Abend-Zeit, pflegt
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Hab ich, noch mitten im December, im Garten Kröten
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Der Aecker dunkel-braunen Grund war, in dem hellen
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Mit Diamanten-gleichen Fäden bedecket mehr, als über-
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Die, da sie, durch die sanfte Luft, fast unaufhörlich sich
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Durch ihren wandelbaren Glanz, den Augen eine Lust
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Zumahl, wenn einige von ihnen getrennet, in die Höh’
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Mit dem veränderlichen Schimmer bald hier, bald dorten
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Jm Garten sahe man, mit Anmuht, der meist gevierten
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Den glatten immer grünen Buxbaum nicht nur im hellen
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Ich hab ein klein Aurikelchen so gar in rohter Blühte
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Und, von der Sonnen Licht durchstrahlet, fast mehr noch
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glüh'n, als blüh'n geseh'n.
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Durch die so mannigfache Schönheit, und die so ausser-
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Ward, durchs Gesicht, mein Geist gerührt, recht ungemein
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Zumahl ich, wie wir öfters sollten, an Schöpfer aller
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Und für die mir gegönnte Lust Jhm meinen Dank zum
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Bey dieser Andacht-vollen Lust, und sanften Freude, fiel
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Daß alles, was auf Erden schön, nicht schön, ohn’ Licht
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Man sieht demnach nicht nur, wie nöhtig, zu GOttes
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Und da von ihnen keines fehlt, wie nöhtig unsre Kraft,
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Mit diesen dreyen zu verbinden: weil, wo dasselbe nicht
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Und wir nicht unsrer Seele Sinnen auch zu des Cörpers
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So siehet, auch mit offnen Augen, doch unsre Seele wirk-
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Einfolglich bleiben GOttes Werke unsichtbar, wenn wir
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Zu unsrer Lust, und in der Lust, daß ihre Schönheit,
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Von Dessen Lieb’ und Weisheit zeugen, Der sie so wun-
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Und daß sie alle klare Proben von GOttes Allmacht in
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Dieß thu ich nun, o grosser Schöpfer! und da ich, ausser-
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Jm Winter fast den Sommer sehe, und mancherley Ver-
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So fühl ich, daß die Creatur mich sanft zu ihrem Schöp-
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Und, voller Lust ob Deinen Wundern, o HErr! erheb
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Noch mehr, als ich nachher so gar
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Noch in des Winter-Monats Mitte die Witterung im
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Nicht nur so leidlich bleiben sah, ja, daß ich gar am kürz-
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Zwar etwas Eis und etwas Schnee, der hin und her zer-
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Doch selbes in der Mittags-Sonne so hell und schön
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Daß sich der Acker überall, als wär er übersilbert, schmückte.
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Wobey ich denn, vom Sonnen-Strahl, in welchem ich
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Sowohl die stille Luft fast lau, als, mit der ausgestreckten
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Vom Sonnenschein bestrahlte Bretter recht warm, als
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Es ließ dadurch sich auch der Schnee, der auf den brau-
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Und in den krausen Ecken hing, zumtheil geschmolzen,
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In den durchstrahlten grossen Tropfen, als rein-geschlisne
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Bey auch durchstrahltem bunten Laub, in tausend bunten
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Ich dacht hierüber bey mir selbst, wie kann doch dieses
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Daß wir noch so viel Wärme spühren bey so entferntem
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Und fand, es sey dieß ein Beweis von unsrer Sonnen
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Daß sie auch in der Ferne wirkt, und daß nur bloß die
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Der Theilchen in der Luft es hindert, daß unsre Welt
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Das immer gleiche Lebens-Feuer von ihrem Flammen-
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In einem gleichen Grad empfindet. Und weil denn dieses
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Wenn eine gar zu starke Gluht die Erde minder wärmt’
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Einfolglich uns nicht nützen würde; so spührt ich aber-
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Wie unsers Schöpfers weise Macht auch hierinn zu be-
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Kaum hatt’ ich dieß Gedicht geschlossen, das vor dem
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Weyhnacht-Fest geschah,
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Am sogenannten heil’gen Abend, als ich aufs neu noch
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So man nicht leicht im Winter sieht. Ein schöner Regen-
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Den Himmel, Nord-Nord-Ostenwerts. Der bunten
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Formierte, recht zur Mittags-Zeit, ein unvermuhtetes
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Das durch die Zeit, und durch den Ort sowohl, als durch
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sich selbst, mich rührte.
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Ich stieg auf mein erhaben Thürmchen, um i
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Und sah, bewundernd, einen Schenkel, im Osten, in der
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Den andern mehrentheils im Norden, allwo ich gleichfalls
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In dem sanft fliessenden Gewässer der Elbe, wie es liesse, fand.
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Ich sahe diesen schönen Bogen mit Freuden an, und kam
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Je mehr er unvermuhtet kam, um desto mehr beträchtlich
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Es machten mir die schönen Farben, und seine Regel-
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Den Augen, auch dem Geist Vergnügen, weil ich zugleich
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Daß er ein Gnaden-Zeichen ist. Daher ich mich, mit
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Indem ich ihn, mit Andacht, schau, Dir, HErr! zur fer-
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Ich hätte dieß Gedichte nun schon mehr, als einmahl,
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Und hab es auch bereits gethan: weil aber unser Schöpfer
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Die Lust der schönen Witterung nachher noch länger wol-
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So halt ich mich dazu verpflichtet, der Erden Schmuck,
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Auch desto länger zu beschreiben, zumahl, da sie an diesem
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So gar was ungewohntes ist. Darum so fahr ich ferner
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Bey einer ungemeinen Stille, und Sternen-reichen
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Am neun und zwanzigsten December, sah ich an den sap-
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Ein unvermuhtet Norder-Licht, ehe ich es mir versah,
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Es fuhren erst verschiedne Strahlen, mit ungemeiner
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Von unten aufwerts, aber bald verschwunden sie, und
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Ein’ ungemeine lichte Wolke, in einem gelblich-weissen
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So anfangs still und unbewegt; allein in einem Au-
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Verkürzte sie sich in sich selbst, lief eilend Westenwerts
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Ja rollte sich recht in einander, so schnell, daß ich ver-
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Worauf denn alles, Wolken, Strahlen, eh’ ich es mir
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Es daurete das schöne Wetter so lange, wie das alte
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Nur daß allein der letzte Tag sehr stürmerisch und reg-
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Allein, noch in derselben Nacht verändert es sich so ge-
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Daß es gewiß nicht glaublich ist. Es hatten sich die
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8 Da man bereits den achten schreibt, so daß in der sonst
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Die reine Luft, das trockne Feld, an Schönheit und an
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Wobey man nichts von Kälte wußte, sich nicht vermin-
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Heut’ war das reine Firmament, durch solch ein lieblich
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Voll zarter Silber-weisser Wolken, daß es das Herz,
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Der sanfte Südwind hauchte nur, es fror, und war
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Daß es fast unbegreiflich war. Es ruheten die schar-
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Es ruheten, vom unbewegeten Gesträuch, so gar die net-
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Auf den vom halb-geschmolznen Schnee fast recht kry-
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In den halb weiß-halb schwarzen Furchen, voll klarem
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Von dem schon aufgegangnen Korn so mancher lieblich-
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Daß man, wenn man bey ihrer Schönheit oft fast ge-
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Ob dieser frühen Pracht und Schönheit fast nicht genug
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Am andern Orte sahe man die Furchen, gleich erstarrten
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Voll Schnee, als wären sie beschäumt. Es schien auf
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Durch dieß gemischte Schwarz und Weiß, recht eine
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Dämmrung vorzustellen,
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Die gleichfalls sehr beträchtlich war. Man sah, mit
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Auf den so glatt-gefrornen Graben, die mein erhaben
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Die Jugend theils geschäftig glitzschen, theils auf po-
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liertem Schritt-Schuh schweben,
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Theils auf so klein-als grossen Schlitten bald hie, bald
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dorten gleichsam fliegen,
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Und schwärmend durch einander wühlen. Den Abend
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Daß ich mich nie erinnere solch’ ungezählte Sternen-
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Am Firmament gesehn zu haben. Ich sah, bewundernd,
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Gestirne, die ich, meines Wissens, noch nie vermerkt,
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So mich zu einer innren Lust, und, durch derselben helle
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Den, Der so grosser Lichter Menge durch einen Wink
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In ehrerbietigster Bewundrung, zu loben und zu danken
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9 Den Tag darauf brach abermahl, mit einem ganz ent-
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Das schöne Gold der Morgen-Sonne, durch eine sanfte
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Und daurete den ganzen Tag, so daß ich in der Sonnen
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Voll Anmuht, mich gewärmet habe. Wobey in der
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Ich etwas sonderlichs betrachtet, daß sie im Sonnen-
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Ich konnte mit den Augen seh’n, wie sich die Flüßigkeit
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Wie ihre nasse Fläche trocken, und wie ihr weiches We-
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Die Dünnigkeit allmählig dick, die ebne Glätte rauher
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Und kurz, was erst beweglich war, war in dem Augen-
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Und ward zu einem zarten Eis. Wobey ich, mit Er-
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Daß alles dieß im Sonnen-Strahl, und bey recht lauer
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Die Nacht darauf war ja so heiter, so schön, und ja so
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Als wie die vorige gewesen. Der Tag war dem vergang-
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Es hatte wiederum gefrostelt, doch war es nicht verdrieß-
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Luft, Eis und Erde blieb annoch bey ihrer vorigen Ge-
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12 Am zwölften Januario war Erd' und Himmel aber-
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Mit reiner Heiterkeit erfüllt, es funkelte der Sonnen
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Es schienen die halb grünen Felder, in ihrem Schimmer,
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Man sah, im Spiegel-glatten Eise, den Sonnen-Cörper
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Und obgleich etwas mehr, als gestern, ein kühler Wind
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So hörte man doch, wie die Lerche schon lieblich anzu-
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Es waren die enteisten Aecker nun auch nicht mehr von
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Als den der sanfte Sonnen-Strahl schon aufgethaut
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Sie waren lucker, wie im Frühling. Ich ward, mit
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Auf des gefrornen Wassers Fläche viel’ kleine Prismata
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Indem auf den polierten Höhen das hell entwölkte Son-
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An ihren rein durchsichtgen Ecken, auf unterschiedne
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Und viele bunte Farben zeugte. Und kurz: es war auch
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So lieblich, als, zu dieser Zeit, man ihn fast nie zu sehen