Der gerettete Knabe

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Barthold Heinrich Brockes: Der gerettete Knabe (1743)

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Gott Lob! daß er errettet ist! Dir, HErr! sey Dank,
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daß er erhalten!
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Da, ausser dem Zusammenlauf verschiedner Umständ’,
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er erkalten,
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Und, ohne Hülf’, ersaufen müssen. Die Umständ’ alle
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scheinen klein,
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Doch sieht man den Zusammenhang, mit etwas Ueber-
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legen, ein;
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So findet sich, wenn nur ein Glied aus dieser Kette wo
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gefehlet,
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Die Hülfe wär umsonst gewesen, und läge
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entseelet.
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So ist es ja ganz überzeuglich, daß hier kein blindes Un-
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gefehr
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So manchen Umstand, welcher nöhtig, zu rechter Stunde
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hergeführet,
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Nein, daß die Macht, voll Lieb und Weisheit, wie überall,
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auch hier regieret.
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Damit nun dieß, wie, leider! vieles, nicht auch geschwinde
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sey vergessen;
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So will ich diesen Fall erzehlen, und GOttes Huld dabey
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ermessen.

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Ich stand, um meines Schlosses Graben beschäftigt
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einen Weg zu führen,
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Und, um ihn Regel-recht zu haben, mit Linien ihn abzu-
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schnüren.
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Der Gärtner hatt’, an jener Seite, sie fest zu machen
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angefangen,

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Als ich, mit lauter Stimm’, ihm zurief: es wäre besser,
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wo ich stünde,
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Daß er die lange Linie von dieser Seite feste bünde.
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Dadurch nun kam er ganz von weiten nach dieser Stelle
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hingegangen,
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Indem erhub sich ein Geschrey, zur Rechten, das ich nicht
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verstand.
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Ich sah (und seh sie noch vor Augen) Soldaten durch den
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Garten springen,
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Und, mit den Lanzen in den Händen, durch Strauch und
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Busch in Eile dringen,
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Sie eilten einem Boote zu, das sich ganz nahe bey mir fand,
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Sie sagten nicht ein einzigs Wort (vermuhtlich mich
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nicht zu erschrecken)
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Und ohn’ von ihres Laufens Ursach mir das geringste zu
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entdecken.

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Der Gärtner, der den bangen Zufall so gleich, und eh
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als ich, gehört,
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Daß nemlich eins von meinen Kindern im Graben und
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im Wasser lage,
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Sprang alsobald mit in das Boot, das er nur zu regieren
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wußte,
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Denn der Soldat verstand es nicht. Ein einzig Ruder
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war nur da,
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Womit er denn, für grosser Eil, dem andern Ufer immer
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nah,
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Und, weil kein Steur gebrauchet ward, in der Verwirrung
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seitwerts kehrte,
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Und an das ander’ Ufer erst, nachher so gar ins Schilf
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vertrieb,
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So ich, wie leichtlich zu erachten, ohn’ Unmuht, Angst
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und Zorn nicht sah.

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Ich eilt’ am Strand, und sah das Kind recht mitten
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in dem Graben liegen,
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Wo er mit seinen kleinen Händen noch an dem Schiffgen
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hängen blieb.
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Wir schrien ihm alle heftig zu: Er würde schleunig Hülfe
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kriegen,
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Er sollte sich nur feste halten. Inzwischen nahte sich
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das Boot,
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Nachdem es lange gnug gewähret, entriß ihn der Gefahr
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und Noht,
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Worinn, ohn’ daß man, da der Grabe so breit und tief
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war, helfen kunt,
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Indem es in der Mitte lag, und jeder ferne von ihm
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stund.
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Das allerängstlichste nun war, daß man ihn sehen liegen
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mußte,
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Ohn’ daß man ihm zu Hülfe kommen, noch Mittel, ihm
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zu rahten, wußte.

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Nachdem er nun, durch GOttes Gnade, gerettet;
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denkt mein Geist dabey,
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Wie der Zusammenhang der Dinge Bewunderns wehrt
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gewesen sey,
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Daß, wenn von so verschiedenen ein einz’ger Umstand
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nur gefehlet,
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Nun, menschlichem Begriffe nach, des Kindes Cörperchen
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entseelet,
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Jm Sarge vor mir liegen würde. Zum ersten hat von
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ungefehr
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Der Informator an dem Ort, wo Niemand sonst gewesen
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wär,
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Noch länger, als er selbst gewollt, sich aufgehalten, und
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gelesen.

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Vors andere, daß, durch die Neigung zu einem Hunde,
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er beroogen,
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In Meynung, da er klatschen hört, er läg im Wasser,
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hingezogen,
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Um ihm zu helfen, da er denn am selben Ort von unge-
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fehr
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Das kleine Boot, worinn er erst das Kind gesehen hatte,
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leer,
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Und ihn im Wasser zappeln sieht. Worauf er denn
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geschwinde lief,
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Und der noch ziemlich weit davon entfernten Wache schleu-
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nig rief,
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Die denn zwar schnell gelaufen kam; doch aber nicht zu
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helfen wußte;
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Bis einer auf das andre Boot sich noch besinnt. Das
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aber lag
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Noch ziemlich weit; doch aber näher, als wie es sonst
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zu liegen pflag,
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Und noch zum Glück an diesem Ufer. Woher man es
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denn holen mußte.
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Dieß lag nun nahe, wo ich stund, und, wie ich es bereits
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erzehlt,
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Wo nicht der Gärtner eben kommen, und er an diesem
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Ort gefehlt;
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Wär jemand in das Boot gefallen, der es zwar von dem
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Ufer trennen,
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Doch, da er selbes nicht regieren, dem Knaben auch nicht
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helfen können,
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Und uns des Werkzeugs noch beraubt, ohn’ welches wir
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nicht zu ihm nah'n,
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Noch ihm zur Rettung kommen können. Noch mehr,
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daß nur ein wenig Wind,

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Und doch so viel war, daß noch eben das Boot, aus welchem
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erst das Kind
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Gefallen, nach ihm hingetrieben, und, wie es einmahl
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ihm entglitten,
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Nicht weg, noch einmahl nach ihm trieb. Noch mehr,
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daß er den Tag vorher
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Selbst eben eine kleine Schnur zum Schwerdt am Boot
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zurecht geschnitten,
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Auf welcher er den Fuß gesetzt, und daß, ob es gleich
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schwach, er schwehr,
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Es dennoch nicht entzwey gebrochen. Dieß ist nun eine
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grosse Reih
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Von manchem Umstand, die wir wissen, wovon nicht
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einer fehlen müssen;
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Sonst wäre meinem kleinen
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abgerissen.
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Nun ists vermuhtlich, daß der Umständ’ weit eine größre
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Zahl noch sey,
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Wovon uns der Zusammenhang noch nicht bekannt.
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Wofür wir eben
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So wohl, als die, so wir erkennen, dem Schöpfer Lob
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und Dank zu geben
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Verbunden und gehalten seyn. Regierer aller Dinge!
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Dir,
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Dem ewig Preis und Dank gebühret, sey ewig Preis und
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Dank dafür!

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Nun mögte jemand meiner Leser vielleicht gedenken:
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Dieser Fall
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Betrifft nur dich. Was sollen wir daraus für Trost und
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Lehre nehmen?

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“so wie es hier mit meinem Kinde, geht es wahrhaftig
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überall.
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„wenn wir nur GOttes weiser Führung mehr nachzu-
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denken uns bequehmen;
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„so wird all’ Augenblick ein jeder für abgekehrte Plag’
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und Pein
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„dem, Der sie gnädig abgekehrt, Lob, Preis und Ehre
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schuldig seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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