Die Wirbel-Winde

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Barthold Heinrich Brockes: Die Wirbel-Winde (1743)

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Wann von verschiednen Wolken-Klumpen verschiedne
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Wind' hervorgebracht,
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Und diese sich zu denen fügen, die erst geweht, vermehret
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sich

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Die Wut des aufgebrachten Sturms und der ergrimmten
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Winde Macht,
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Sie stossen pfeifend auf einander, und pressen sich gewal-
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tiglich,
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Es drehet sich die Luft im Wirbel. Der unter sich gestürz-
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te Duft,
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Der augenblicks erhobne Staub, die schwarze Dunkelheit
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der Luft,
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Der Regen, Strohm-weis’ abgestürzt, Blitz, Hagel und
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des Donners Knall,
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Erregen Schrecken, Furcht, Verheerung, und grossen
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Schaden überall.
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Die Segen-reiche Saat der Felder, die Pracht der Gärten
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sind zerstört,
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So Bäum’ als Häuser umgestürzt, und ganze Länder
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umgekehrt.

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Allein, wird man solch wildes Wesen, das gleichsam
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die Natur verheert,
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Wohl eines weisen Schöpfers Führung, und GOttes
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Werke nennen können?
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Wir müssen dieß kein wildes Wesen, und das unordentlich
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nicht nennen,
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Was in der That vorher gewollt, und minder nicht vorher
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geseh'n,
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Als die Gesetze der Bewegung, wodurch die Wirkungen
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gescheh'n.

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Sowohl der Donner und die Winde sind Gottes Werk’,
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als Blüht' und Früchte,
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Er schuf sowohl die bittern Mittel, als wie die süssesten
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Gerichte.

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Durch Sturm und Wind wird GOtt nicht minder ge-
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horcht, erhöhet und geehrt,
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Als wie durch Zephyrs sanftes Hauchen. Es ist kein
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einzigs Seiner Werke,
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Das Seine Ehre nicht verbreitet, worinn man Seinen
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Ruhm nicht merke.
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Sie richten alle treulich aus, was jeglichem zu thun
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gehört.
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Wir werden all’ in einer Sprache, die deutlich ist, durch
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sie belehrt,
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Ob selbe gleich verschiedlich klinget.
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Welt belebet,
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Zeigt uns den Umstand aller Wesen und alles Lebens in
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der Welt.
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Durchs Licht, das alle Dinge schmücket, verschönert,
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sichtbar macht und zieret,
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Wird man zur Urquell’ aller Schönheit, und aller Ding’
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empor geführet.
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Die Ströhme, Bluhmen, Früchte, Blätter, das Gras,
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die Kräuter, Wald und Feld,
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Die reden mit uns unaufhörlich von GOtt, dem Ursprung
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aller Gaben.
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Allein, des Donners Stimme schreckt, die ihrer mißge-
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brauchet haben,
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Und wenn der Blitz sie gleich nicht rührt; so sind sie doch
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in Furcht gebracht,
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Ermnert und vermahnet worden. Von allen dem, was
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Gott gemacht,

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Und was uns rings umher umgiebt, ist nichts, das uns
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von Jhm nicht spricht,
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Das uns, durch Zeichen einer Güte, nicht reizt, und uns
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zur Liebe bringet,
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Wie oder auch durch strenge Proben, und ein zu fürchtend
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Straf-Gericht,
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Uns nicht Sein majestätisch Wesen zu ehren und zu fürch-
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ten zwinget.
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Zudem sind Ungewitter nicht nur bloß bestimmt, uns zu
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belehren,
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Sie dienen, den durch lange Ruh verdickten Luft-Kreis
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aufzuklären,
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Und aus dem Grunde zu verbessern, sie tödten der Insecten
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Brut,
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Die sonst zwar nützet, aber doch, durch ihre Menge, Scha-
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den thut.
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Sie füllen trockene Cysternen da, wo sonst keine Brunnen
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quellen,
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Und taugen, oft in einer Stunde, verseigte Ströhme her-
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zustellen,
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Die sonsten kaum, (wenn nicht zuweilen ein Regen-reicher
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Donner brüllt)
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Mit einem schwach- und langen Fluß der Winter in viel
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Wochen füllt.

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Ach, laßt uns denn, nebst Seiner Macht, des Schöpfers
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Huld und Liebe fassen,
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Und uns von Seinen weisen Wegen in der Natur beleh-
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ren lassen!
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Ach, laßt uns Ordnung, Kunst und Absicht auch in den
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Cörpern, die so klein,
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Und doch so grosse Dinge wirken, bewundern, froh und
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dankbar seyn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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