Der Herbst in Ritzebüttel

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Barthold Heinrich Brockes: Der Herbst in Ritzebüttel (1743)

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Gott Lob! ich seh, mit vielen Freuden, aufs neu, im
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Herbst, mein fruchtbar Feld
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Begraben, wohl bedüngt, gepflügt, besät, beeget und bestellt.
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Man sieht, wenn man bedachtsam sieht, anitzt, so weit das
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Auge träget,
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Ein angenehmes Dunkelbraun von Aeckern, welche theils
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geeget,
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Theils aufgebrochen, theils gepflügt, das uns, wenn wir es
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recht betrachten,
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Und auf die gleich-geformte Fläch’, und gleich-gemischte
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Farben achten,
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Uns eine sanft’ und fremde Lust in der gerührten Brust
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erregt.

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Der Himmel, den man, meist bedeckt, in einer klaren Dämm-
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rung sieht,
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Erreget, nebst dem dunklen Vorwurf der Erden, itzo dem
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Gemüht
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Ein’ Art von angenehmer Schwehrmuht, zufriedner Unzu-
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friedenheit,
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Ein melancholisches Vergnügen, und eine süsse Trau-
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rigkeit.
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Mich deucht, daß wenn ich itzt bedachtsam, bey stiller Luft,
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spatzieren gehe,
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Und rings umher, in solcher Ordnung, von der bestellten
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Felder Flur
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Die dunkel-braune Weite schau, ich von der emsigen Natur
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Ein ernsthaft majestätisch Wesen, mit einer Art von Ehr-
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furcht, sehe.

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Es ist auf solcher flachen Ebne nun alles leer und nichts
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zu sehn;
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Doch scheinet mir die flache Weite, recht wie ein neuer
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Schauplatz, schön.
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Man sieht agirende Personen zwar itzt nicht auf demselben
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stehn;
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Doch zeigt die allgemeine Stille, auf der sonst nimmer stillen
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Erde,
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Dem, der auf ihren Zustand achtet, und ihr Betragen kennt,
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es werde,
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Zu neuen Handlungen, von ihr itzt hintern Scenen was
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geschehn.

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Ja wohl geschicht was sonderlichs, es wirket die Natur
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von innen,
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(obgleich das, so sie itzt verrichtet und treibt, kein Vorwurf
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unsrer Sinnen)
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Mit vielem Fleiß, und in der Stille, das allernützlichste
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Geschäfte.
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Sie lässet itzt den Saamen keimen, hierzu gebraucht sie
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ihre Kräfte,
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Und wendet sie, ohn’ unser Zuthun, so ernstlich und so emsig
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an,
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Daß man in kurzer Zeit bereits der Arbeit Früchte spühren
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kann.
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Aus den geraden Furchen dringet die grüne Saat gemach
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hervor,
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Die Spitzen, grüner als Smaragd, steh’n hie und dort bereits
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empor,
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So die Natur, daß sie der Frost nicht stickt, in Silber-weissen
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Decken,
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Als wie in einem weissen Pelz, bemühet scheinet zu ver-
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stecken.

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Um ihnen diese Decken nun, wenns Noht, zu rechter Zeit zu
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geben;
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Scheint sie bereits darauf bedacht, sie in der Luft aus Schnee
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zu weben.

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Indessen laßt, zu dieser Zeit, da noch der rauhe Frost
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nicht da,
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Und das erwärmde Sonnen-Licht annoch mit seinen Strah-
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len nah,
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Uns an dem dunkel-braunen Sammt der milden Mutter
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uns ergetzen,
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Auch an den uns, in grünen Spitzen, bereits gezeigten künft-
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gen Schätzen,
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Die itzo, so zum Schmuck als Nutz, des Thaues bunte Trop-
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fen netzen,
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Und schimmernd unsern Blick vergnügen, mit unsern GOtt
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geweihten Freuden,
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Durch gegenwärt- und künftigs Gut gerühret, Herz und
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Augen weiden.
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Ach, laßt uns unsers Schöpfers Wunder in der Natur
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verehren lernen!
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Laßt uns von Undank und Gewohnheit bestreben uns doch
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zu entfernen,
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Die leider itzt so allgemein! Denn da dieß alle Jahr
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geschicht,
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So achtet man es leider nicht.
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Es bringt dieß Segen-reiche Wunder Dem grossen Schöpfer
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minder Ehre,
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Nach unserm ganz verkehrten Brauch, als wenn es etwas
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seltnes wäre,
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Indem was neu ist uns nur rührt, da doch, wenn man
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vernünftig dächte,
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Es uns, mit allergrößtem Rechte,

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Dem Schöpfer der Natur zum Ruhm, uns einen Eindruck
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in die Seelen
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Um desto mehr noch wirken sollte, bewundernd öfters anzu-
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seh'n,
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Wie seine wunderbare Werke in ungestörter Ordnung
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geh'n,
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Und in so viele tausend Jahren auch nicht einst um ein Haar
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breit fehlen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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